'Maria Stuart': Schneller gelitten, früher gestorben

Volkstheater

'Maria Stuart': Schneller gelitten, früher gestorben

Stephan Müller machte aus Schillers großem Trauerspiel einen straffen Zwei-Stunden-Abend - Andrea Eckert und Martina Stilp als stolze Kontrahentinnen.

Einmal kurz, einmal lang. Das ist die Devise der vorweihnachtlichen Klassiker-Premieren an Wiener Theatern. Ehe heute, Samstag, Peter Stein mit einem vielstündigen "König Lear" sein Burgtheater-Debüt gibt, hatte gestern eine komprimierte "Maria Stuart" im Volkstheater Premiere. Stephan Müllers Schiller-Inszenierung dauert knappe zwei Stunden und erhielt starken Beifall.

Reduktion auf das Wesentliche ist das Motto des Abends. Bühnenbildner Michael Simon hat schmucklose, gemaserte Holzfurnier-Wände bereitgestellt, die wie eine Guillotine von oben herabgelassen oder nach vorne geschoben werden und die Räume eng machen. Denn der Handlungsspielraum der beiden großen Kontrahentinnen ist begrenzt.

Martina Stilp ist als schottische Königin Maria Stuart eine stolze, ungebrochene Gefangene, die sich nur unter äußerster Überwindung vor ihrer königlichen Schwester in den Staub wirft, sich im anschließenden Wortduell jedoch keineswegs unterwirft. Was ihre Überlebenschancen nicht vergrößert. Andrea Eckert hat als englische Königin Elisabeth zwar die Macht über Leben und Tod, versteckt jedoch ihre eigene Unsicherheit hinter vermeintlichen Sachzwängen, schiebt mal dem Volk und mal den Untergebenen die Schuld an Entscheidungen zu, zu denen sie selbst nicht stehen möchte.

Im sehr kurzen Teil nach der Pause gewinnt Eckert ihrer Figur eine Vielschichtigkeit ab, die man zunächst vermisste. Denn Müller hat nicht nur radikal gekürzt und Angelpunkte der Handlung von Wolfgang Mitterer mit prägnanten Musikeinsätzen unterlegen lassen, sondern sein Ensemble auf einen gewöhnungsbedürftigen Spielstil eingeschworen. Der Pathos der Sprache wird nicht verschummelt, sondern ausgestellt. Mit großem Druck und ebensolcher Lautstärke wird direkt ins Publikum deklamiert, auf schauspielerische Interaktion wird phasenweise nur wenig Wert gelegt.

Dabei sind es nicht die choreografierten Bilder einer entpersonalisierten Bedrohung, die Müller mit einer Truppe kickboxender "Trabanten" erzeugen möchte, sondern die Zweier-Szenen, die den Abend prägen. So wie die beiden Königinnen einander nichts zu schenken gewillt sind, versuchen Günter Franzmeier als Graf von Leicester und Jan Sabo als in einen roten Anzug gekleideter geckhafter Mortimer in einem sehenswerten Doppelspiel ihre Fähnchen nach dem Wind zu richten und spazieren dabei stets am Rande des Hochverrats. Dagegen scheinen Erwin Ebenbauer als Talbot und Patrick O. Beck als Burleigh mehr ihren Überzeugungen als dem eigenen Vorteil verpflichtet - was ein schlimmes Ende keineswegs ausschließt.

Dass bei einer derartig auf Straffheit bedachter Unternehmung auch Dinge auf der Strecke bleiben müssen, ist logisch. Doch anders als bei so manchem langatmigen Trauerspiel blieben die Zuschauer gestern hellwach. Mal sehen, wie es heute dem Publikum nach drei, vier Stunden Shakespeare ergehen wird.

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