Ofczarek über den Jedermann & Projekte

Interview

Ofczarek über den Jedermann & Projekte

Burgschauspieler dreht ORF-Serie und kommt mit Schweizer Film ins Kino.

Der Burgschauspieler Nicholas Ofczarek ist auch nach Ende der Theatersaison ein Vielarbeiter. Das liegt daran, dass der 40-jährige zweifache "Nestroy"-Preisträger einen Film nach dem anderen dreht. Mit "Sennentuntschi" (Österreich-Premiere am Donnerstag, 7.7. im Wiener Künstlerhauskino) und "Am Ende des Tages" (Start: 26.8.) kommen im Sommer gleich zwei Filme mit ihm ins Kino.

Zweites Mal Jedermann
Nach Dreharbeiten zur ORF-Serie "Braunschlag" wird es für den von Claus Peymann an die Burg geholten Wiener nur eine kurze Erholungspause geben, ehe er zum zweiten Mal als "Jedermann" die prominenteste Rolle der Salzburger Festspiele übernimmt. Domplatz-Vorstellungen mit bis zu 55 Grad seien "das Anstrengendste, was ich in meinem Leben gemacht habe", verriet er im Interview.

Herr Ofczarek, Sie drehen derzeit im Waldviertel die ORF-Fernsehserie "Braunschlag", in den nächsten Wochen kommen gleich zwei Filme mit Ihnen in die Kinos. Es scheint, Sie sind so intensiv wie noch nie mit Dreharbeiten beschäftigt?
Nicholas Ofczarek: Es hat sich - möglicherweise auch durch den " Jedermann " - tatsächlich intensiviert. Vielleicht auch, weil sich die Fernsehsender dadurch eine bessere Quote erhoffen. Aber ich mache jetzt schon 20 Jahre Theater, da war es schon ein Langzeitziel, einmal mehr zu drehen. Das ist eine Frage von Zeit haben und sich dafür Zeit nehmen. Ich will das Theater überhaupt nicht missen, aber ich möchte künftig nicht mehr drei oder vier neue Produktionen im Jahr machen, sondern nur eine oder zwei, um Zeit zu haben, dieses sehr interessante, sehr andere Medium für mich zu entdecken.

Als erstes läuft am Freitag "Sennentuntschi" von Michael Steiner an.
Ofczarek: Diesen Film habe ich schon vor drei Jahren gemacht. Das war ein Riesen-Politikum in der Schweiz, weil die Filmfirma eingegangen ist. Es war letztlich für den Film eine Riesen-Werbung innerhalb der Schweiz, weil sich die Debatte, ob er überhaupt rauskommen kann, über zwei Jahre hingezogen hat. Er hat dann 100.000 Zuschauer gehabt, was für die Schweiz eine Sensation ist. Er wurde auf Schwyzerdütsch gedreht und kommt hier in einer synchronisierten Fassung raus - mit Schweizer Anklang in der Sprache.

Wie haben Sie das im Original gespielt?
Ofczarek: Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und habe dort acht Jahre lang gelebt. Allerdings ist Dialekt ja nicht gleich Dialekt. Ich kann einen ganz bestimmten Schweizer Dialekt, und der Regisseur hat gesagt: "Du sprichst diesen Dialekt im 70er-Jahre-Stil. Das wäre ideal, denn der Film spielt in den 70er Jahren. Nur: Wir brauchen einen anderen Dialekt." Das war ein Unterschied wie zwischen Wienerisch und Kärntnerisch. Aber für den Film habe ich diesen neuen Dialekt gelernt.

Ende August startet "Am Ende des Tages" von Peter Payer. Was ist das für ein Film?

Ofczarek: Ein Thriller. Ein Roadmovie. Drei Schauspieler, zwei Autos, sonst nichts. Spielt über einen Tag nur auf einer Fahrt von Wien nach Tirol. Es geht um einen österreichischen Politiker, der ziemlich viel Dreck am Stecken hat. Den spielt Simon Schwarz. Ich bin ein ehemaliger Jugendfreund dieses Politikers, der es "am Ende des Tages" ans Licht bringen will, was da alles im Argen liegt. Die haben beide ein dunkles Geheimnis miteinander. Der eine hat es in die Bundespolitik geschafft, der andere ist komplett daran zerbrochen, ist Alkoholiker geworden und in der Psychiatrie gelandet. Ich bin sehr gespannt auf den fertigen Film.

Sie haben auch schon die nächsten Filme abgedreht.

Ofczarek: Im Herbst oder im nächsten Frühjahr kommt ein vom ORF koproduzierter Kinofilm von Marcus H. Rosenmüller. Er heißt im Arbeitstitel "Der Sommer der Gaukler" und ist ein historischer Film, bei dem sich alles um Emmanuel Schikaneder dreht. Ich spiele aber nicht Schikaneder, sondern den Antagonisten. Und dann hab ich gerade einen deutschen Kinofilm gedreht mit Florian David Fitz, "Jesus loves me" mit Jessica Schwarz, Henry Hübchen, Hannelore Elsner und ihm selber. Der kommt nächstes Jahr raus.

Wie schwierig ist es, für diese vielen Dreharbeiten frei zu bekommen?
Ofczarek: Das haftet dir tatsächlich als Burgschauspieler an: Der hat ja keine Zeit! Dabei hat sich das in den letzten zehn Jahren sehr verändert. Schon Direktor Bachler hat vieles ermöglicht. Die Theaterintendanten haben begriffen, dass das ja auch eine Werbung fürs Theater ist. Natürlich hat das Burgtheater Priorität, und ich muss meinen Vertrag erfüllen. Ich habe alles gedreht, während ich nicht in Proben war. Ich musste das also letztendlich nur mit den Vorstellungen koordinieren.

"Inglourious Basterds"-Probeaufnahmen mußten Sie absagen, weil sich das doch nicht koordinieren ließ.
Ofczarek: Das wäre nicht gegangen. Es musste klar sein, wenn man zum Casten überhaupt hinfährt, dass man dann über einen Zeitraum von drei Monaten täglich zur Verfügung stehen muss. Ich habe damals aber "Sennentuntschi" gedreht und Vorstellungen gespielt.

Beißt man sich nachher in den Hintern?
Ofczarek: Ach, das ist so, wie es ist. Es hat keinen Sinn, sich darüber weiter Gedanken zu machen.
 

Lesen Sie auf der nächsten Seite alles über seine Rolle als Jedermann in Salzburg.

Vor einem Jahr haben Sie in Salzburg mit den Proben für "Jedermann" begonnen, dem prominentesten Stück der Festspiele. Wie war das?
Ofczarek: Ich hatte von Schauspieldirektor Thomas Oberender den Auftrag, dass das ein neuer "Jedermann" wird, mit meiner eigenen Interpretation. Ich bin da recht angstfrei hineingegangen. Ich habe mich selten in meinem Leben so gut vorbereitet auf eine Rolle. Und was dich dann erwartet in Salzburg an Trubel, das kann man sich gar nicht ausmalen. Ich wußte aber, dass ich mich da nicht total hineinwerfen will, dass ich nicht bei jedem Krautfleckerl-Essen und bei jeder Pandabären-Taufe mitmachen möchte. Ich bin stolz auf das Produkt, das wir alle gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Ich wehre mich auch gegen diese ganzen Einwände: Ach, der "Jedermann" ist ein schlechtes Stück! An diesem Platz ist er einfach etwas Besonderes. Mir geht es damit sehr gut.

Mich hat im Vorjahr die Heutigkeit ihrer Rolleninterpretation überrascht - ein junger, reicher Zyniker. War Ihnen klar, wie weit Sie dabei gehen können, oder hatten Sie Angst, zu scheitern?
Ofczarek: Die Angst vor dem Scheitern ist immer da. Aber das muss man riskieren, denn sonst ist nichts Neues möglich. Geholfen hat mir, dass ich aus einer Underdog-Situation dorthin gekommen bin und nichts zu verlieren hatte. Letztendlich habe ich das, was ich da spiele, nur aus dem Text bezogen. Mir war durch die Auseinandersetzung mit dem Text schon vor den Proben klar: Der Mann ist ein Täter. Sonst gäbe es für den Teufel keinen Grund, ihn zu holen und für Gott keinen Grund zu sagen: Ich kann es nicht mehr mitansehen. Er muss Schuld auf sich geladen haben. Die Gratwanderung ist, dass man ihn nicht als sonoren "Mir-geht's-gut-was-kostet-die Welt-Großbürger" sieht, sondern als Täter, der etwas begreift im Angesicht des Todes. Es ist etwas zutiefst Menschliches, dass man Fehler begeht und diese plötzlich einsieht.

Die Besetzung bleibt komplett gleich?
Ofczarek: Sie ist identisch bis auf Angelika Richter, die die Werke fantastisch gespielt hat, die aber ein Kind gekriegt hat und sich nicht in den Trubel hauen will mit einem Neugeborenen. Das spielt jetzt Lina Beckmann. Sie hat gerade beim Theatertreffen einen Preis bekommen und ist am Schauspiel Köln engagiert.

Was wird sich heuer für Sie verändern? Im Tennis muss man immer die Punkte aus dem Vorjahr verteidigen.
Ofczarek: Ich habe gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Ich drehe jetzt noch ein paar Tage, dann habe ich eine Woche frei und erhole mich. Dann geh' ich da hin und mach' das, so gut ich kann. Ich muss da keine Punkte verteidigen. Aber es wird sicher anders sein. Ich hoffe, dass sich wirklich alles gesetzt hat und dass ich da sehr frei reingehe. Bis jetzt hab ich aber noch gar keine Zeit gehabt, mir den Text wieder anzuschauen. Aber eigentlich freue ich mich darauf.

Spielen Sie lieber Abend- oder Nachmittagsvorstellungen von "Jedermann"?

Ofczarek: Ich spiele am liebsten die Abendvorstellung, 20.30 Uhr, im Freien. Das ist theatralischer, weil man durch das Licht einen Fokus hat und der Blick des Zuschauers gebündelt wird. Da spielt es sich einfach anders.

Am Nachmittag soll es am Domplatz weit über 30 Grad haben können?
Ofczarek: 30 Grad wäre schön. Wir haben auf der Bühne auch schon gemessene 55 Grad gehabt.

Gehen Sie da mit Sonnenbrand ab?
Ofczarek: Da muss man mit viel Sonnencreme spielen. Aber wenn es gegen Ende August geht, scheint die Sonne zweieinhalb Stunden frontal in Deine Augen, weil sie schon so tief steht. Dann siehst Du einfach nichts mehr. Es ist schon das Anstrengendste, was ich in meinem Leben gemacht habe. Aber ich habe auch da tolle Vorstellungen erlebt. Und auch die Regen-Vorstellungen im Großen Festspielhaus habe ich erstaunlicher Weise total gerne gespielt. Es sind einfach drei völlig verschiedene Erlebnisse: Nachmittags draußen bei Tageslicht, abends, oder im Großen Festspielhaus. Was ich letzten Sommer noch nicht hatte, ist ein Abbruch und Wechsel hinein. Vielleicht werde ich das in diesem Sommer erleben.

Ist das so wie in Bregenz: Ist eine bestimmte Spielminute erreicht, wird abgebrochen, ohne zu Ende zu spielen?
Ofczarek: Der Usus in Salzburg ist: Jedermann bricht ab. Weil er die ganze Zeit auf die Bühne ist. Ich bin im Blickkontakt mit dem Regieassistenten, war aber noch nicht in der Situation. Die Absprache ist, dass bis zum Mammon gewechselt wird, nach dem Mammon ist die Vorstellung ersatzlos abgebrochen. Ich finde das schade und versuche, das zu ändern. Denn es geht dann noch 20 Minuten. Angeblich ist der Wechsel für die Zuschauer auch eine Riesen-Hetz. Logistisch ist das zwar eine Herausforderung, aber das Bühnenbild ist ja drüben vorbereitet. Es geht wahnsinnig schnell - ich behaupte: eine halbe Stunde.

Die "Jedermann"-Besetzung Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek wird es in der nächsten Saison zweimal am Residenztheater München geben: Einmal mit dem aus Wien übernommenen "Weibsteufel", zum anderen mit "Kasimir und Karoline" in einer Inszenierung von Frank Castorf. Wie kam es dazu?
Ofczarek: Ich habe mit Castorf schon einmal gearbeitet, bei der Nestroy-Collage "Krähwinkelfreiheit", und Birgit war vier Jahre in Berlin. Er kennt uns also beide. Es war klar, dass ich etwas mit Castorf machen soll, man hat ein Stück dafür gesucht und plötzlich war diese Idee da: Ein Stück, das eh' in München spielt, mit Premiere zur Zeit des Oktoberfestes. Ich finde das eine sehr glückliche Konstellation.

Eine besonders glückliche Konstellation ist auch Ihre Bühnenpartnerschaft mit Birgit Minichmayr. Gibt es dabei ein besonders Geheimnis?
 Ofczarek: Ja, wenn man das wüsste, würde es mit vielen gut funktionieren... Wir kennen uns lange, seit 12 Jahren. Wir spielen einfach miteinander, das passiert ja nicht so oft, dass Schauspieler wirklich miteinander spielen. Das ist auch der Grund, warum ich diesen Beruf mache: Dass ich etwas erlebe auf der Bühne. Ich behaupte, dass der Zuschauer merkt, dass da wirklich etwas Unmittelbares passiert in der Sekunde. Das ist nicht erklärbar, aber spürbar.

Um Sie und Minichmayr kam es zwischen den Theaterdirektoren Martin Kusej und Matthias Hartmann zu einem öffentlichen Tauziehen. Irritierend oder ehrenvoll?

Ofczarek: Ich glaube, dass es dabei eher um die Direktoren geht als um uns. Ich habe in den 17 oder 18 Jahren, die ich an diesem Theater bin, nie woanders gastiert. Mich interessiert es, einmal in Deutschland Theater zu spielen, mit Martin Kusej zu arbeiten, und auch einmal bei einem Neubeginn dabeizusein. Die Burg ist mein Stammhaus. Hier bin ich groß geworden. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch etwas anderes machen darf. Das erlaube ich mir. Da muss ich niemanden um Erlaubnis fragen. Und wenn da ein Tauziehen stattfindet, geht es um ganz andere Sachen, die mich gar nichts angehen.

Sie werden auch künftig in München und in Wien spielen?

Ofczarek: Sofern man von künftig reden kann, denn ich mache eh' nur Ein- oder Zweijahresverträge. In Wien spiele ich mein Repertoire und mache ein neues Stück. Und ich mache in München ein neues Stück, außerdem wird der "Weibsteufel" übernommen. Was danach ist, wird man sehen.

Wie lange werden Sie den "Jedermann" spielen?

Ofczarek: Beim "Jedermann" ist es Usus, das von Jahr zu Jahr auszumachen. Der künftige Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf und ich sind in sehr gutem Einvernehmen, dass wir das weitermachen. Wie lange, weiß ich nicht. Ich glaube aber: nicht allzu lange.