Parsifal-Regisseur erntet Buh-Konzert

Osterfestspiele

Parsifal-Regisseur erntet Buh-Konzert

Anerkennung für Dirigent Thielemann, Publikumskritik an Michael Schulz.

Die neue Ära bei den Salzburger Osterfestspielen beginnt mit einem Zwiespalt. Einerseits konnten Dirigent Christian Thielemann, die Sächsische Staatskapelle Dresden, die beiden Chöre der Staatsopern München und Dresden sowie die fünf Solisten anerkennenden, wenn auch keinesfalls euphorischen Applaus für den neuen "Parsifal" von Richard Wagner auf sich verbuchen. Andererseits musste das Regieteam um Michael Schulz gestern, Samstagabend, bei der Premiere im Großen Festspielhaus ein ebenso unverdientes wie gnadenloses Buh-Konzert über sich ergehen lassen.

Diashow: Parsifal bei den Salzburger Osterfestspielen

Parsifal bei den Salzburger Osterfestspielen

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    Tatsächlich hat Thielemann - ausgewiesener Experte für die Musik Wagners - den "Parsifal" in flüssigen Tempi, aber zurückhaltender Dynamik präsentiert. Das Orchester klang differenziert und nuancenreich, aber nur selten riss es sich von der Leine und füllte das Große Festspielhaus mit Wagners wuchtigen Klangbildern. Dafür wurden die Sänger von den Musikern aus Dresden kein einziges Mal überdeckt - die Abstimmung zwischen Bühne und Graben kann getrost als ideal bezeichnet werden.

    Die Staatskapelle Dresden weiß Sänger zu tragen statt zu konkurrenzieren, so wie es in den vergangenen Jahren mit den Berliner Philharmonikern vereinzelt zu erleben war. Und doch, auch die Berliner Art, Oper zu spielen, hatte ihr Gutes. Denn die Philharmoniker strahlten heller, blühten klanglich üppiger und ließen sich - ganz praktisch bemerkt - wesentlich seltener bei spieltechnischen Ungenauigkeiten (zum Beispiel im Blech) vernehmen als die neuen Gäste aus Sachsen. Unter dem Strich: Die Staatskapelle Dresden ist ein tolles, diszipliniertes und kultiviertes Orchester für die Osterfestspiele. Aber sinnlicher und mitreißender ist die Oper mit der Staatskapelle nicht geworden.

    Regisseur Michael Schulz und Ausstatter Alexander Polzin haben im ersten Aufzug eine Vielzahl von Plexiglas-Säulen, die bis hinauf in den Schnürboden reichten, auf die 30 Meter breite Bühne gestellt. Diese transparenten Säulen wurden gelegentlich mit Rauch gefüllt, von innen beleuchtet oder mit fratzenartigen Gesichtern illuminiert. Das Licht ist grünlich fahl. Ein kühler, nüchterner Ort ist dieser Gral, in dem das wirkliche Leben in riesigen Reagenzgläsern vegetieren muss. Aber passend für die hier besungene, grauslig lustfeindliche Seite des allzu hehren Christentums.

    Auch im zweiten Bild - dem Garten Klingsors - sind es nur Skulpturen vergangener Freuden, vor denen die kalt-nuttigen Blumenmädchen ihre Verführungskünste wie Perlen vor die Säue werfen müssen. Der "reine Tor" ist konvertiert und immun gegen den laut Wagner so verderblichen Kuss. In diesem Skulpturenpark stirbt die Liebe und nicht nur ein Schwan.

    Polzin sind in den ersten beiden Aufzügen beeindruckende Bilder gelungen. Aber leider ist ihm im dritten Akt nichts vergleichbar Plausibles eingefallen. Eine kahle und schräge Plastik-Fläche ist Friedhof und Altar zugleich, umstreift von wölfischen Bestien. Die Stärke dieser Inszenierung aber liegt ohnehin im Detail.

    Amfortas schleppt die Körperlichkeit wie Müllsäcke hinter sich her - Askese bis zur Selbstvernichtung. Kundry möchte Jesus lieben, aber stattdessen wird sie mit brachialer Gewalt zur Anbetung gezwungen. Die kindlichen Begleiter des dummen Helden kriegen plötzlich graue Haare. Ein Jesus stirbt und ein anderer wird unverwundbar. Auch wenn sich die eine oder andere Regie-Idee nicht eindeutig erschließt (die Zombies etwa), so hat Schulz diesem Bühnenweihefestspiel der militant-christlichen Verbohrtheit doch tief auf den Zahn gefühlt. Er hat ideologisch Abstoßendes auf die Bühne gebracht, ohne dabei grob oder gar geschmacklos zu werden. Aber damit ist er dem an Wagners vermeintlicher Reinheit interessierten europäischen Geldadel offensichtlich zu nahe getreten - die Buhs waren unschön und unangemessen.

    Sängerisch hat der neue, mit den Opernhäusern in Dresden, Peking und Madrid koproduzierte "Parsifal" durchaus Gutes zu bieten. Wolfgang Koch etwa in der Doppelrolle des "Amfortas" und des "Klingsor" klang kräftig und satt - eine grandiose Leistung, in jedem dieser drei Akte tragend und kraftvoll präsent zu sein. Auch Stephen Milling als "Gurnemanz" und Michaela Schuster haben eine tolle Performance hingelegt, beide klangen ausgewogen in den Lagen, sauber in der Intonation und vor allem weithin wirksam in ihrer Körpersprache, ohne je übertrieben-theatralische Opern-Gestik bemühen zu müssen. Problematisch hingegen Johan Botha in der Titelrolle. Dieser Mann ist derart beleibt, dass er bei der Darstellung des jugendlichen Helden, der vor Dummheit und Lebenskraft nur so strotzen sollte, ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Oper ist auch Theater, in dem Rollen besetzt und Typen verkörpert werden müssen. Gut Singen ist da trotz allem nicht genug. Und selbst dabei gelang dem südafrikanischen Tenor nicht alles, gerade im lyrischen Piano schien die Stimme an diesem Premierenabend nicht so gefügig, wie von Botha gewohnt.

    Der Chor der Bayerischen Staatsoper München und der Sächsische Staatsopernchor Dresden, von Schulz effektvoll und doppelchörig in den Zuschauerraum verlegt, sind tadelloser Ersatz für den Staatsopernchor aus Wien. Von Annett Göhre choreografierte Tänzer, Bühnenmusiker des Salzburger Mozarteumorchesters und der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor komplettierten einen Opernabend, der insgesamt besser war, als es die Reaktion des Premierenpublikums der Osterfestspiele vermuten ließe.

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