Reich-Ranicki: Abschied vom Literaturpapst

Berührende Trauerfeier

Reich-Ranicki: Abschied vom Literaturpapst

200 Gäste zollten Kritiker letzte Ehre, darunter auch Thomas Gottschalk.

Rund 200 Trauergäste haben auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Abschied von dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki genommen. An der Feier am Donnerstagnachmittag (26. September) nahm auch Bundespräsident Joachim Gauck teil. Die Rednerliste reichte von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bis zu TV-Entertainer Thomas Gottschalk. Der "Literaturpapst" Reich-Ranicki war vergangene Woche im Alter von 93 Jahren in Frankfurt gestorben.

Begräbnis erst später 
Beigesetzt wird Reich-Ranicki erst in einigen Wochen. Wie auch seine Frau Teofila, die 2011 starb, hat sich der Literaturkritiker eine Feuerbestattung gewünscht. Die Urnenbeisetzung soll im engsten Familienkreis stattfinden. Im Oktober ist in der Paulskirche eine öffentliche Gedenkfeier geplant.

Literaturpapst prägte Deutschland
Der scharfzüngige Reich-Ranicki, der in Polen als Sohn einer jüdischen Familie geboren wurde, wuchs in Berlin auf. Zusammen mit seiner Frau überlebte er das Warschauer Ghetto und kehrte 1958 nach Deutschland zurück. Das Paar hat einen Sohn, der als Mathe-Professor im schottischen Edinburgh lebt. Einem Millionenpublikum wurde der Kritiker mit der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett" bekannt. 1999 veröffentlichte er seine Autobiografie "Mein Leben".

Trauerhalle
An seinem Sarg in der Trauerhalle des Frankfurter Hauptfriedhofs kondolierten die Spitzen von Staat und Gesellschaft. Es war ein schlichter Holzsarg, umgeben von vielen Blumengebinden.

Lang war die Liste derer, die mit persönlichen Worten Abschied nehmen wollten. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck war als stiller Trauergast gekommen. In der ersten Reihe saß mit weißer Lockenmähne Reich-Ranickis Sohn Andrew. Er ist Mathematik-Professor und lebt in Edinburgh. Rund 150 geladene Gäste durften in den kuppelüberwölbten Zentralraum, viele weitere drängten sich in den Nebenräumen.

Viele fanden sehr persönliche Worte - so wie der TV-Entertainer Thomas Gottschalk, der "als Vertreter der geistigen Mittelklasse" sprach, wie er selbst sagte. Reich-Ranicki sei für ihn "Sinnbild des unschuldigen Opfers und Held des Vergebens" geworden. Die beiden hatten sich kennengelernt, als Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis ablehnte. Bei der Trauerfeier überreichte Gottschalk ihm "noch einmal einen Lebenspreis - und keiner bedauert es mehr als ich, dass Du ihn diesmal nicht mehr ablehnen kannst".

Salomon Korn, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Frankfurts, berichtete, wie liebevoll und einfühlsam der nach außen so strenge Kritiker privat war. Die Quelle seiner Unerbittlichkeit müsse man in seiner dramatischen Geschichte suchen: Er habe nie wieder Schwäche zeigen, nie wieder machtlos sein wollen. Ihre Freundschaft begann mit einer - selbstverständlich von Korn verlorenen - Wette um ein Heine-Zitat und war auch dadurch nicht zu erschüttern, dass sein Freund nicht an Gott glaubte.

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