Neue Saison mit Heiligenbildchen

Schauspielhaus

Neue Saison mit Heiligenbildchen

Neue Saison zeigt sich als "Galerie der Gegenwart" mit acht Premieren.

Das Schauspielhaus Wien versucht in der kommenden Saison, seine Form des Autorentheaters weiterzuentwickeln und stellt das erfolgreiche Serien-Konzept an den Anfang der Saison und auf die Hauptbühne. Die "Galerie der Gegenwart", als die sich die Mittelbühne in der Porzellangasse versteht, rückt heuer das Thema Transzendenz in den Mittelpunkt. "So säkular, wie wir uns wähnen, sind wir nicht", zeigt sich Theaterleiter Andreas Beck im Gespräch mit der APA überzeugt und sieht Paul Claudels Stück "Der seidene Schuh" als ideale Folie, mehr über Schuld statt über Schulden, mehr über Seele statt über Materie nachzudenken.

Weltdrama im Schauspielhaus
 
Das 1943 uraufgeführte und im 16. Jahrhundert spielende Weltendrama von Paul Claudel (1868-1955), der sich vom Anarchisten und Symbolisten zu einem der führenden christlichen Dichter Europas entwickelte, wird selten gespielt. Das liegt auch am Umfang des barock ausladenden, 258-seitigen Stückes mit über 70 Figuren. "Wenn man es ungekürzt spielt, dauert es zwölf Stunden", so Beck. Am Schauspielhaus setzt man nach dem Vorbild von Tom Lanoyes "Schlachten!"-Bearbeitung der Shakespeare'schen Königsdramen auf eine vierteilige Überschreibung durch die Autoren Thomas Arzt, Jörg Albrecht, Anja Hilling und Tine Rahel Völcker unter jeweils anderer Regie. Gestartet wird am 11. Oktober mit Arzts "Die Glückspilger". Im November kulminiert die Serie in Doppelvorstellungen sowie am 17. und 30. in zwei über achtstündigen "Claudel-Marathons".

Transparaenz hervorgehoben
 
Das Thema Transzendenz sei übrigens in Dramaturgie-Sitzungen aufgebracht worden, in denen auf das laut Maya-Kalender ohnehin nahende Weltenende verwiesen wurde, erzählt Beck. Weil man am Schauspielhaus bei aller Beschäftigung mit Glaubensfragen diesen Vorhersagen nicht ganz Glauben schenkt, hat man Vorkehrungen für weitere vier Premieren in der zweiten Saisonhälfte getroffen: Anne Habermehl startet im Jänner mit der von ihr selbst realisierten Uraufführung ihres Stückes "Luft aus Stein" (Beck: "Ein bisschen ein Spiegelstück zu Haushofers 'Die Wand'") eine neue Serie, in der Autoren selbst inszenieren. Weswegen auch Kevin Rittberger im April sein neues Stück "plebs coriolan" uraufführen wird.

   Dass mit der Corneille-Überschreibung "Illusionen" von Iwan Wyrypajew (Felicitas Bruckner inszeniert im März die Österreichische Erstaufführung) erneut ein alter Stoff auf Gegenwartstauglichkeit überprüft wird, ist Konzept, ebenso, dass mit den Wiener Festwochen intensiv über ein gemeinsames Projekt verhandelt wird. Und schließlich kommt auch der dritte Gewinner des Hans Gratzer-Stipendiums, der Schweizer Komödiant Lukas Linder, im Februar zur Uraufführung seines Stückes "Ich war nie da".

 Mit Auslastung mehr als zufrieden 
Letzteres kann man über das Publikum des Schauspielhauses nicht sagen: Beck, dessen Vertrag noch drei Jahre läuft, freut sich über 25.000 verkaufte Karten und knapp 150.000 Euro Karteneinnahmen in der vergangenen Spielzeit. "Das gab's noch nie am Schauspielhaus!" Die Auslastung sei mit knapp 82 Prozent genauso hoch gelegen wie in der Vorsaison. Noch im Laufe des Herbstes sollen die Schulden wie im Entschuldungsplan vorgesehen komplett abgebaut werden, das Jahresbudget von rund 2,2 Mio. Euro (davon kommen 400.000 Euro vom Bund und 1,5 Mio. Euro von der Stadt Wien) bleibt in etwa gleich: "Wir strecken uns nach der Decke!"

Kampf aber erbittert 
Auf die angeblich immer prekärer werdende Finanzsituation an den großen Theatern angesprochen, meint der ehemalige Burgtheater-Dramaturg Andreas Beck in Richtung seines früheren Arbeitgebers: "Wenn ein großes Haus eine Stadt mit einer Imagekampagne zupflastern kann, dann kann's wohl nicht so wild sein. Ich muss hier nicht nur wesentlich kleinere Brötchen backen, ich kann mir noch nicht mal immer ein Stückplakat leisten." Die Werbeträger für den "Seidenen Schuh" sind 7 mal 11 Zentimeter groß. Heiligenbildchen mit Ensemblemitgliedern sollen für die Aufführungsserie werben und bringen auch den wenig bekannten Untertitel des 1985 auch bei den Salzburger Festspielen gezeigten Stückes unters Volk: "Das Schlimmste trifft nicht immer zu".

Info
Alle Informationen rund um das Wiener Schauspielhgaus erhalten Sie unter www.schauspielhaus.at.

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