Love stinks": Fröhlich illusionsloser "Reigen" im Rabenhof

Im Rabenhof

Schnitzlers Reigen mit Riesenschwänzen

Andy Hallwaxx inszenierte Werner Schwabs Schnitzler-Weiterschreibung.

Woran, meine Liebe, glauben wir noch?", lässt der Ehemann trällernd Georg Danzers "Weiße Pferde" durch das eheliche Schlafzimmer traben, ehe er der überspannten Gattin zur Entspannung seinen Plastik-Penis reicht. An die Liebe glaubt im Rabenhof jedenfalls keiner mehr. "Love stinks" steht auf der Faschingsgirlande, die von einer Friseurin drei Szenen zuvor in ihrem Salon aufgehängt wurde. Wie schon bei Schnitzler werden auch in Werner Schwabs "Reigen"-Version die Illusionen an der Garderobe abgegeben, ehe Männer und Frauen einander begegnen. Andy Hallwaxx flotte Inszenierung amüsierte das  Premierenpublikum am 16. April im Wiener Rabenhof beträchtlich, nicht zuletzt dank der Wandlungsfähigkeit der beiden einzigen Darsteller Katharina Straßer und Christian Dolezal.

Männern mit abschraubbaren Penisen
"Alle männlichen Figuren haben abschraubbare Geschlechtsteile. Alle weiblichen Figuren haben austauschbare Muttern", wünschte sich Werner Schwab für seinen 1996 in Zürich uraufgeführten Remix "Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler". Im Rabenhof lässt man nun nicht nur den Titelteil "nach dem Reigen", sondern auch Schrauben und Muttern weg. Stattdessen überreichen die Herren den Damen Bananen (die mal abgebissen, mal klein geschnitten werden), Klobesen, goldene Penis-Statuetten oder Plastik-Schwänze. Auch eine als Boxsack und Couch verwendbare Penis-Stoffskulptur oder ein herrlich kitschiges Landschaftsbild mit einem steil aufragenden, penisförmigen Felsen haben die Ausstatter Judith Leikauf und Karl Fehringer in das wandlungsfähige, von einer psychedelischer Waldtapete dominierte Bühnenbild integriert. Oversexed und underfucked? Das vielleicht nicht gerade. Sicher aber: unbefriedigt.

Orgasmus mit Jaulen, Mähen und Krächzen   

Für den Orgasmus, von Arthur Schnitzler seinerzeit in seinem Stück mit ein paar Strichen angedeutet, hat sich Christian Dolezal eine Mischung aus Jaulen, Mähen und Krächzen einfallen lassen, das spannungssteigernde Davor wird von Wolfgang Schlögl mit brummender Musik untermalt. So lustig wie erbärmlich. Hörenswert ist die Wiederbegegnung mit der Schwab-Sprache, die in der ersten Hälfte der 1990er die Bühnen eroberte und sich nun als vielschichtig mit grobem Hammer und feiner Klinge gezimmert offenbart. Sehenswert ist die Vielseitigkeit der beiden Darsteller, die mit viel Spaß daran gehen, einen Angestellten, einen Vermieter, einen Ehemann, einen Dichter und einen Nationalratsabgeordneten bzw. eine Hure, eine Friseuse, eine Ehefrau, eine Sekretärin und eine Schauspielerin zu charakterisieren, einsame Himmelskörper, deren Umlaufbahnen einander gelegentlich kreuzen. Allerdings: Statt in tiefe Abgründe blickt man nur in verschiedene eher flache Gruben. Dieser "reizende Reigen" unterhält glänzend und tut niemandem weh. Willkommen unter den Klassikern.

Info
"Der reizende Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler" von Werner Schwab, Regie: Andy Hallwaxx, Musik: Wolfgang Schlögl, Ausstattung: Judith Leikauf und Karl Fehringer, Mit Katharina Straßer und Christian Dolezal; Rabenhoftheater, Wien 3, Rabengasse 3, Weitere Vorstellungen: 17.-19., 27., 28.4., 8., 9., 18., 24., 25.5., 20 Uhr, Karten: www.rabenhoftheater.com