"The Rake's Progress"  feierte Premiere

Theater an der Wien

"The Rake's Progress" feierte Premiere

Neueinstudierung der Kusej-Inszenierung aus 2008 als bitterböser Komödienabend.

Die moralische Entblößung findet längst nicht mehr im Bordell statt, sondern vor oder in der Glotze. Dass Martin Kusej seiner Inszenierung von Igor Strawinskis Ausnahme-Oper "The Rake's Progress" deshalb den laufenden Fernseher als Leitmotiv mitgegeben hat, war schon beim ersten Erscheinen der Theater an der Wien-Produktion im Jahr 2008 folgerichtig. Für die Neueinstudierung, die am 16. September Premiere feierte, wurden nicht nur die Rundfunk-Einspielungen aktualisiert: Ein Sängerensemble mit beachtlichen Neuzugängen und das Radio-Symphonieorchester Wien (RSO) im Graben machte die bejubelte Wiederaufnahme auch musikalisch zum Ereignis.

Nacktszenen inklusive
"Wien 2013" prangt diesmal über der ersten Szene, als klares Indiz, dass man vom Anspruch auf Heutigkeit keine fünf Jahre abzuweichen bereit ist. Für Nacktszenen, transsexuelle Society-Starlets (Anne Sofie von Otters grandiose Performance gehörte wieder zu den Highlights) oder eine Videocollage, die von Casting- und Talkshows bis zu Footage von Jörg Haider oder Karlheinz Böhm reicht, kann man beim zweiten Mal freilich keine schockierten oder pikierten Blicke mehr ernten. Kusejs bitterböse, die Topoi unserer Entertainment Ära stets weidlich ausnutzende Deutung der schwarzen Verfalls-Komödie ist auf Provokation zum Glück nicht angewiesen. Der "Wüstling" als harmloser Prolo, die Jahrmarktsattraktion als C-Promi, die Orgie als gelangweilter Swingerclub - Kusejs Entsprechungen sind ebenso schlüssig wie schaurig und dürften ihre Gültigkeit wohl auch noch fünf weitere Jahre behalten. Neben einer durchwegs lohnenden szenischen Wiederbegegnung war der Abend vor allem musikalisch über weite Strecken neu aufgestellt: Im Graben werkte diesmal das Radio-Symphonieorchester (RSO) Wien, dessen Zuständigkeit für Strawinski zweifelsfrei unter Beweis gestellt wurde.

RSO begeisterte

Michael Boder fand mit einer ebenso schwungvollen wie satirischen Auslegung eine ideale Entsprechung und höchst erhellende Mitdeutung zum Bühnengeschehen, das RSO musizierte punktgenau und mit dem Selbstbewusstsein eines symphonischen Konzerts. Strawinskis doppelbödiges Spiel mit Zitaten von Mozart bis Rossini, die kleinen Ironien der Instrumentierung und die permanenten Karikaturen des Librettos ließen sich da in schönster Transparenz mitvollziehen.

Toby Spence war Star des Abends
Eifrig bejubelt wurden die Sänger - von Toby Spence, dessen etwas farbloser Tom Rakewell gut zum Motiv der zur Perversion gesteigerten Mittelmäßigkeit passt, über die bereits erwähnte famose "Türken-Baba" Anne Sofie von Otter bis zu den Neuzugängen: Bo Skovuhs liferte als diabolischer Gentleman Nick Shadow darstellerisch wie stimmlich eine Meisterleistung ab, Jungstar Anna Prohaska sorgte als Anne Trulove für perfektes Arienschmalz. Auch Regisseur Kusej erhielt zuletzt noch saftigen Applaus. Ein guter Start in die neue Opernsaison.

(Von Maria Scholl/APA)

Info
"The Rake's Progress" von Igor Strawinski, Regie: Martin Kusej, musikalische Leitung: Michael Boder; mit Toby Spence, Bo Skovhus, Anna Prohaska, Anne Sofie von Otter; Radio-Symphonieorchester Wien, weitere Termine am 19., 21., 24., 26. September, 19 Uhr, Theater an der Wien, www.theater-wien.at

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