Tristan und Isolde

Fiebertraum & Blutmond

"Tristan und Isolde" an der Staatsoper

Stemme und Seiffert sangen sich unzweifelhaft in die Herzen des Publikums.

Eine Symphonie aus Licht für eine Oper aus Sehnsucht: Der Wiener Staatsoper ist am 13. Juni eine poetische Neudeutung von Richard Wagners Liebesfiebertraum "Tristan und Isolde" gelungen, die vom Publikum mit 25-minütigem Jubel bedacht wurde. "Ich weiß, dass alle Opernliebhaber in Wien erwarten, dass wir ein Wagner-Fest machen", hatte Direktor Dominique Meyer bei der Programmpräsentation im Vorjahr konzediert. Mit dem gestrigen Abend ist dies zweifelsohne gelungen, was nicht zuletzt der herausragenden Leistung von Nina Stemme und Peter Seiffert geschuldet war. Regisseur David McVicar sah sich bei seinem Hausdebüt hingegen mit einem virulenten Wettstreit von Anhängern und Gegnern seiner Inszenierung konfrontiert.

Zwischen Eleganz und Archaik  
Dabei bietet die zwischen Eleganz und Archaik changierende Regie eigentlich wenig Grund zur Aufregung, nimmt sich der Brite doch vornehm zurück und bietet den Sängern den entsprechenden Raum, ohne sich dabei im minimalistischen Nichts zu verlieren. So lässt McVicar zum Vorspiel den Mond über dem Geschehen aufgehen, während sich das Schiff der künftigen Liebenden sich sukzessive aus dem Dunkel des Bühnenraums schält. Die dominanten Farben (Licht: Paule Constable) sind Rot und später das Blau der das heimliche Paar glitzernd umfassenden Nacht. Umso eindrücklich. Juni er gelingt da der Wechsel zum gräulichen Tag, der nichts Strahlendes, sondern etwas gänzlich Desillusionierendes hat.

Nina Stemme feierte Hausrollendebüt  
Dieses abstrakte Passepartout bot den Akteuren den nötigen Rahmen, den die schwedische Sopranistin Nina Stemme bei ihrem Hausrollendebüt famos auszufüllen verstand. Frappant, wie die 50-Jährige den Übertritt von der verhärmten Frau zur rückhaltlos Liebenden zu gestalten wusste. Ihre Isolde ist kein Opfer, sondern eine starke, unbändig Empfindende. Ihrer fülligen Stimme zur Seite stand Peter Seiffert mit seinem metallischen Tenor, den er in der ihm eigenen Nonchalance präsentierte und zugleich dem Souffleur Arbeit bot. Diesem Traumduo gesellte sich gewohnt souverän Stephen Milling bei, der seinem betrogenen Marke die mächtige, warme und erdig-sichere Note verlieh.

Musik-Chef am Dirigentenpult

Alles andere als erdig legte indes Franz Welser-Möst am Pult des Staatsopernorchesters seinen "Tristan" an. Tastete er sich noch vorsichtig an den berühmten Tristan-Akkord heran, griff er alsbald zu harten Tempiwechseln, um das Fiebrige des Werks in den Vordergrund zu rücken. Er suchte nicht den großen Klangbogen, sondern ließ sich in seiner Deutung gänzlich auf den überspannten Sog der Partitur ein, ließ sich vom Sehnsuchtsklang mitreißen. Dies hatte bisweilen allerdings zur Folge, dass der Generalmusikdirektor für ihn unüblich wenig auf die Sänger einging - was am Ende auch mit ein paar Buhs quittiert wurde.

"Tristan und Isolde": Ein Stachel im Fleisch des Hauses  
Mit dem McVicar-"Tristan" löst die Staatsoper mit einer zeitlos-soliden Deutung die kritisierte Vorläuferinszenierung aus 2003 von Günter Krämer ab, die insgesamt nur 31 Mal, zuletzt 2009, am Haus zu sehen war. Und doch wird "Tristan und Isolde" wohl auf ewig ein Stachel im Fleisch des Hauses bleiben, hätte man doch 1863 die Uraufführung des revolutionären Werks in Wien begehen können, hätte die Hofoper nach 77 Proben das Vorhaben aufgrund vermeintlicher Unspielbarkeit nicht abgebrochen - was man nun seit 150 Jahren vorgehalten bekommt.

Info
"Tristan und Isolde" von Richard Wagner an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst. Regie: David McVicar, Ausstattung: Robert Jones, Licht: Paule Constable. Peter Seiffert (Tristan), Nina Stemme (Isolde), Stephen Milling (König Marke), Janina Baechle (Brangäne), Jochen Schmeckenbecher (Kurwenal), Eijiro Kai (Melot). Weitere Aufführung am 18., 22., 26. und 30. Juni, am 21., 25. und 29. September und am 8., 13., 17. und 21. Dezember. www.staatsoper.at.