"Die Möwe" im Waldviertler Hoftheater

Freiluft-Theater

Waldviertler Hoftheater lässt "Möwe" fliegen

In der Nähe von Weitra hat Wüst einen charmanten Tschechow-Abend inszeniert.

Der neue Salzburger "Jedermann"-Regisseur Brian Mertes betreibt am Lake Lucille nördlich von New York City ein kleines, ungewöhnliches Tschechow-Sommerfestival. Von der dortigen "Möwe"-Inszenierung erzählt man sich Wunderdinge. Für ein ähnliches Naturerlebnis mit demselben Stück braucht man ab sofort nicht über den großen Teich zu jetten: Am Holzmühlteich in Moorbad Harbach in der nordwestlichsten Ecke des Waldviertels hatte gestern eine Open-Air-Aufführung der tragischen Tschechow-Komödie Premiere, deren Charme keinen Vergleich zu scheuen braucht. Bis 24. August wird gespielt, bei Schlechtwetter bietet das einige Kilometer entfernte Schloss Weitra ein Ausweichquartier.

Malerische Kulisse
Wenn es je Argumente für Freilufttheater gebraucht hat - der prachtvolle Sommerabend der Premiere liefert sie in Hülle und Fülle. Die Sonne geht direkt hinter dem Teich unter, am gegenüberliegenden Ufer weiden die Schafe. Im Vordergrund hat Erich Uiberlacker (für Bühne und Licht verantwortlich) zwei einfache Bretterbühnen gezimmert, die in den See reichen. Zur Aufführung des symbolistischen Stücks des Nachwuchs-Autors Kostja (Florian Lebek) muss Darstellerin Nina per Floß übersetzen: Das Stück im Stück wird auf einer Extra-Bühne auf einer malerischen Insel im See gespielt. Dazu gibt es vom Lehrer SSemjon (Eugen Knecht) auf der Gitarre russische Volkslieder und von der Musikerin Barbara Ruppnik auf vielfältigen Instrumenten vorgetragene Musikuntermalung.

Extrem gekürztes Stück lockt ins Waldviertel

Regisseur Ludwig Wüst hat den Stücktext radikal auf 100 Minuten Spielzeit heruntergestrichen, da geht sich in der Pause locker die eine oder andere Erfrischung aus - wahlweise eher russisch (Wodka und Blinis) oder waldviertlerisch (etwa Waldviertler Bier und Mohnzelten). Ob man vom kredenzten Tschechow-Substrat satt wird, hängt vom mitgebrachten Hunger auf Literatur ab. Wüst konzentriert sich auf das Wesentliche - und verfügt glücklicherweise über ein ausgezeichnetes Darstellerinnen-Trio.

Pure Lust am Schauspiel

Mascha, die in den interessanten Kostja verliebt ist und am Ende doch beim faden Lehrer landet, wird von Mira Tscherne als junges Mädchen gespielt, das Gefahr läuft, zu vertrocknen, ehe es geblüht hat. Wenn wieder einmal alles schief läuft, zieht sie sich am liebsten die Kapuze ihres Shirts ganz über das Gesicht. Ihre Träume lebt dagegen die blutjunge Nina. Johanna Withalm hat einen sehenswerten Auftritt, bei dem sie das gegenüberliegende Seeufer entlangläuft und dabei auch noch rasch die dort stehende Kinderrutsche ausprobiert. Sie ist voll herrlicher Lebenslust und Jungmädchenschwärmerei - und wird damit ziemlich auf die Schnauze fallen. Michaela Conrad kommt als exaltierte Starschauspielerin (und Kostjas Mutter) Arkadina gleich im Taxi vorgefahren und beeindruckt nicht nur durch ein hautenges, rotes Schlauchkleid sowie mit Körpereinsatz im Kampf um ihren Liebhaber, den bekannten Schriftsteller Trigorin, den sie an Nina zu verlieren droht.

Offenes Ende
Dumm nur, dass Christian Kainradl als Trigorin so gar nicht vermitteln mag, warum die Frauen sich um ihn reißen, und auch die übrigen Männer (darunter C.C. Weinberger als Arzt Dorn) ziemlich blass bleiben. Nur Michael Reiter schafft es, als Arkadinas Bruder Ssorin eine vielschichtige, gebrochene Figur zu etablieren. Viel Möglichkeiten sind allerdings durch die Striche nicht mehr dafür geblieben. Manche Handlungsstränge werden ziemlich gekappt. Dennoch lebt und leidet man mit dieser Gesellschaft, die weit abseits der Metropolen mit ihren Problemen selbst fertig werden muss. Und ist auch nicht unglücklich, dass sich Wüst für einen Schluss entschieden hat, der ohne Schuss auskommt.

Kurzes Fazit
Diese "Möwe" wurde etwas gerupft - und hebt dennoch zu einem wunderbar leichten Flug ab, dem man mit großer Sympathie zusieht. Dem Ensemble und dem künftigen Publikum wünscht man von Herzen eine Prolongierung der herrschenden Schönwetterperiode. Und, wenn's leicht geht, eine bessere Tonanlage.

Info

"Die Möwe" von Anton Tschechow, Holzmühlteich in Moorbad Harbach, Lauterbach 40, Weitere Spieltermine: 7., 10., 13., 16., 17., 18., 21., 23., 24. August, 20 Uhr, Bei Schlechtwetter: Schlosstheater Weitra. Fixtermine im Schlosstheater Weitra am 8., 15., 22. August. Karten: 0664/5150986 oder bei Ö-Tickett: 01/96096, www.hoftheater.at