Kommune der Wahrheit

Reflexives Nachrichtengewitter

Kommune der Wahrheit bei Festwochen

Dauerbombardement mit kurzweiligen Szenen und langatmiger Reflexion.

Alfred Gusenbauer unter Spionageverdacht, der vorläufige Erfolg der Demonstranten in der Türkei, die Gewinnerin von „Germany’s Next Topmodel“ oder der verunglückte Tiertransporter samt Gürteltier: In Nicolas Stemanns „Kommune der Wahrheit“ wird der Zuseher erst einmal mit einer Kaskade an Nachrichten konfrontiert. Der Strom scheint nicht abzureißen, immerhin befindet sich das Publikum mitten in der „Wirklichkeitsmaschine“ und Nachrichten sind Wirklichkeit. Oder etwa nicht? Etwa zwei Stunden lang geht Stemanns multimediales „Nachrichtentheater“ bei der Festwochen-Premiere am 1. Juni dieser Frage auf Basis des Tagesgeschehens auf den Grund, immer wieder erntet er Lacher, am Ende Applaus.

Bühne erinnert an futuristisches Labor

Schon die Bühne, die sich in der Halle E des Museumsquartiers zwischen zwei Blöcken Zuschauern befindet, erinnert an ein futuristisches Labor: Der Boden ist mit Aludecke ausgekleidet, Lichterketten hängen von Decke und Gerüsten, auf einem mit Alufolie bezogenen Ergometer strampelt einer der Protagonisten. Mehrere Monitore sind auf der Bühne verteilt, Kameras halten jeden Schritt fest. In einer Glaskabine hockt zusammengekauert jene Frau, die für den ständigen Nachrichtenfluss zuständig ist. Daneben werden Zeitungen geschreddert. Für das echte Kommunen-Feeling sorgen eine kleine Küche (tatsächlich wird hier auch gekocht) und der eine oder andere Schlafsack am Boden. Hier hat sich Stemanns Kommune für 120 Stunden eingeschlossen, um sich ohne Pause dem Strom der Nachrichten auszusetzen.

Sechs Protagonisten ziehen in ihren Bann

Die sechs Hauptprotagonisten (Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Jörg Pohl, Sebastian Rudolph und Birte Schnöink) sind – gekleidet in beige Einheits-Overalls – von Anfang an mit der Nachrichtenverarbeitung beschäftigt. Die simplen News-Aneinanderreihungen werden per Kopfhörer an die jeweiligen Sprecher durchgegeben. Rasch steigern sie sich zu einem vielstimmigen, fast babylonischen, Nachrichtengewitter – Kuriositäten werden gleichwertig neben den syrischen Bürgerkrieg gestellt, auf den Ameisenbär mit dem Erbsengehirn folgt die Finanztransaktionssteuer. Immer wieder auch der Sprung auf die vermeintliche Meta-Ebene: Ausschnitte aus einer Dokumentation zur Entstehung der Wirklichkeitsmaschine werden eingeblendet. Die Protagonisten berichten von ihrem Erleben, ihrer ständigen Konfrontation mit dem Nachrichtenfluss. „Wir wollten den Strom der Nachrichten in Echtzeit abbilden“, heißt es da. Und plötzlich: „Irgendwann begann die Maschine die Wirklichkeit selbst zu produzieren.“ Wie zum Beweis fliegen zu einem Bericht über Drohnenangriffe plötzlich kleine Modellhubschrauber über die Bühne, Maschinengewehrsalven sind zu hören.

Zuschauer werden eingebunden
Auch das Publikum hat seine Rolle: Als Kommentatoren mittels Pappkärtchen, „Analog-Twitterer“, wie es Stemann ausdrückt, aber auch mittels Buh-Rufen und heftigem Beifall als gute und schlechte Seite derselben Nachricht. Das multimediale Nachrichten-Dauerbombardement setzt sich in unzähligen Variationen fort, mal wird Pantomime betrieben, mal die Geschichte des US-amerikanischen Torwarts mit Tourette-Syndrom singend erzählt. Aus einer sechsstimmigen Wirtschaftsnachricht wird ein Musical-Solo, aus einem Bericht über den ehemaligen CIA-Chef David Petraeus eine Gute Nacht-Geschichte. In den schnellen Szenenwechseln und der Kurzweiligkeit liegt die Stärke der Performance.

Eugen Freund mit von der Partie
Plötzlich ein „Zeit im Bild“-Einschub: Nachrichtensprecher Eugen Freund erklärt die Wirklichkeit für abgeschafft, die nachfolgende Moderatorin belehrt dennoch, dass Nachrichten jene Botschaften sind, „nach denen wir uns richten sollen“. Subtil sind die Denkanstöße zur selbst- und fremdkonstruierten Wirklichkeit hier schon lange nicht mehr, was zeitweise etwas anstrengend ist. Kurz danach kippt Stemanns Spektakel vollends auf die reflexive Meta-Ebene: Die Kommune wird zusammengerufen. Um ein mehr oder weniger digitales Lagerfeuer diskutieren nun der Moderator Freund mit Stemann sowie Journalist und Verschwörungstheoretiker Mathias Bröckers über Wahrheit und Lüge, Realität und Wirklichkeit. Schnell werden auch noch die (bisher vergessenen) Kommentare des Publikums verlesen.

Nach Wien folgt Hamburg

Das bunte Gesangsfinale verspricht schließlich nicht nur die Kreation einer neuen, besseren (Kunst-)Wirklichkeit, sondern auch eine Fortsetzung der Kommune. An drei weiteren Abenden wird eine „vollkommen andere“ Inszenierung zu sehen sein, als weiterer Gast ist unter anderem Peter Weibel eingeladen. Ab September wird Stemann mit seinem Nachrichtentheater auch am Thalia Theater in Hamburg gastieren, das Experiment wird zudem in Buchform festgehalten und im Herbst im deutschen Alexander Verlag erscheinen.

Info
„Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“, von Nicolas Stemann, Inszenierung: Nicolas Stemann, mit u.a. Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Jörg Pohl, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Uraufführung, Koproduktion der Wiener Festwochen und Thalia Theater Hamburg, weitere Vorstellungen 2., 4. und 5. Juni, 19 Uhr, Museumsquartier Halle E, Karten: www.festwochen.at.