'Strapsträger und Kinderonkel': Erich Schleyer wird 80

Vielseitiger Künstler

'Strapsträger und Kinderonkel': Erich Schleyer wird 80

Es gibt zwei Rollen, auf die Erich Schleyer täglich angesprochen wird - und sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Einerseits erinnern sich Menschen an seinen Dr. Frank N. Furter in der "Rocky Horror Show" aus dem Jahr 1984, andere denken sofort an die Sendung "Erichs Chaos", mit der Schleyer Anfang der 1990er das ORF-Kinderfernsehen bereicherte. Nun wird er 80 und ist voller Tatendrang.

Schleyer: "Strapsträger und Kinderonkel, das ist ein Riesengebiet"

"Da kommt gleich der Bruch", lacht der Schauspieler und Autor im APA-Interview. "Es ist kein Fluch, aber... Strapsträger und Kinderonkel, das ist ein Riesengebiet. Die Einzigen, die mich am Theater dann noch für die ernsten Stücke engagiert haben, waren George Tabori und Hans Gratzer." Die Namen der beiden Regisseure fallen im Laufe des Gesprächs oft. Kein Wunder, stand Schleyer doch in der Regie von Tabori am Burg- und Akademietheater in "Die Massenmörderin und ihre Freunde", "Die Ballade vom Wiener Schnitzel" oder "Babylon Blues" auf der Bühne. In Hans Gratzers Schauspielhaus-Zeit fiel nicht nur die "Rocky Horror Show", sondern etwa auch Erfolge wie "Angels in America", an der Josefstadt arbeiteten die beiden bei Brechts "Dreigroschenoper" oder Nestroys "Mann, Frau, Kind" zusammen.

Das Original-Programm der Show

 
Dabei hätte es durchaus sein können, dass Erich Schleyer niemals als heimischer Frank N. Furter in die Geschichte eingegangen wäre: "Hätte ich zur Premiere eine Doppelbesetzung gehabt, ich wäre abgehauen", lacht der gebürtige Deutsche, der 1968 aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen war und sich 1982 in Wien niedergelassen hat. "Ich konnte kein Englisch, ich hab keinen Rock 'n' Roll gesungen und ich war schon 45", zeigt er sich selbstkritisch. "Aber ich habe Andy Radovan gehabt, der jeden Abend mit mir die Songs geübt hat. Das war eine Heidenarbeit, bis aus mir etwas rausgekommen ist. Das war erstaunlich."

Wollte nie was festes

Ein festes Engagement an einem der Häuser hatte und wollte Schleyer nie. "Das wäre gar nicht möglich gewesen", spielt er auf zahlreiche Gastspiele auch in Deutschland sowie regelmäßige Fernsehauftritte an. "Ich war immer frei. Dass da am Plan steht, was ich zu spielen habe, ging ab einer gewissen Zeit nicht." Stolz ist er jedenfalls darauf, dass er "jedem Theater, wo ich gespielt habe, auch ein Kinderprogramm aufgezwungen habe". Dabei habe er jedoch selten klassische Rollen in Kinderstücken gespielt, sondern sich mehr aufs Erzählen verlegt. So wurde Schleyer auch zum Autor, der mittlerweile auf eine Liste an Kinderbüchern verweisen kann. Beim Geschichtenerzählen habe er auch immer er selbst bleiben können, einen Bühnennamen wollte er nie haben: "Da war ich immer der Erich. Alle meine Sendungen hatten mit Erich zu tun, weil ich auf der Straße nicht mit 'Onkel Lallemann' oder so angesprochen werden wollte. 'Enrico' war toll, aber so etwas wollte ich nicht." Und so erinnert man sich heute eben an "Erichs Chaos".

Immer schon Kinder entertaint

Sein künstlerisches Herz für Kinder entdeckte Schleyer schon früh: "Schon mit sechs oder sieben Jahren habe ich Kasperpuppen gemacht und Kinder entertaint. Bei meinem ersten Engagement haben wir dann die 'Bremer Stadtmusikanten' gespielt, ich war der Hahn. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und kannte jede Bewegung, und die Leute haben hinter mir hergebrüllt. Da fing die Sache mit den Kindern an." Ob sich Kinder als Publikum im Laufe der Jahrzehnte verändert haben? Schleyer nickt: "Kinder werden heute ernster genommen, und ihnen wird zugemutet, mit anderen Themen umzugehen als früher. Ich war aber nie 'eididei', ich habe mit Kindern so gesprochen wie mit Erwachsenen." Die Kinder selbst seien heute "teilweise klüger, aber auch unaufmerksamer und du musst mehr Bauernfänger-Methoden anwenden, um sie zu halten."

Brauche noch Jahre

Was Erich Schleyer nach wie vor antreibt, ist seine "absolute Neugierde": "Ich brauche sicher noch zehn Jahre, wenn ich tot bin, weil ich so viel geschrieben und gemacht habe. Ich werde einfach nicht fertig." Dennoch gehe er es mittlerweile ruhiger an, er sei "nicht mehr ganz so hektisch wie früher". Seine ungebrochene Bekanntheit stört ihn nicht. Und wenn, fährt er zu seinem Zweitwohnsitz in München. "Dort bin ich frei!" Früher sei er von Deutschland nach Wien gefahren, um unerkannt zu bleiben, mittlerweile sei es umgekehrt. "Als ich von Deutschland weggegangen bin, da kannte mich fast jede Nase auf der Straße", spielt er auf Fernseherfolge wie etwa "Die rote Zora" an. Erste Alterserscheinungen wischt er beiseite: "Wenn ich in den Spiegel schau, bin ich alt. Innerlich geht es weiter. Es zwickt da und dort, das weiß man, das ist gemein. Aber ich habe nach wie vor eine irrsinnige Lust, mich auszudrücken. Vielleicht bin ich noch gar nicht da, wo ich eigentlich hinwill."
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