Viele Kinder haben psychische Probleme

Etwa 20 Prozent

Viele Kinder haben psychische Probleme

Konzentrationsstörungen, Ängste, Depressionen und Bauchweh aus seelischen Gründen: "Wir Kinder- und Jugendärzte nehmen Beschwerden in den Praxen und Kliniken wahr, die früher nicht so häufig bei den kleinen Patienten waren", sagte Prof. Kurt Ullrich, Präsident der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.  "Wie groß dieses Problem aber wirklich ist und worin die Ursachen dafür liegen, müssen wir noch genauer ergründen", bedauert der Ärztliche Leiter der Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Umfrage
Eine Zahlengrundlage zur Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten bietet die sogenannte Bella-Studie, bei der Wissenschafter vom UKE mit dem Berliner Robert Koch-Institut zusammenarbeiten. Seit 2003 befragen die Forscher Kinder und ihre Eltern am Telefon, in diesem Jahr zum vierten Mal. Insgesamt nahmen 3.800 Familien mit Kindern im Alter von sieben bis 17 Jahren teil.

Auffälligkeiten
"Die Bella-Studie zeigt, dass sich bei etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten finden lassen", sagte Prof. Ulrike Ravens-Sieberer von der Forschungssektion "Child Public Health" am UKE. So litten mehr als fünf Prozent der Buben und Mädchen an Depressionen, mehr als zehn Prozent unter Ängsten und mehr als sieben Prozent zeigten ein auffälliges Sozialverhalten. Den Daten zufolge bleibt etwa die Hälfte der Betroffenen über die Zeit psychisch auffällig.

Risikofaktoren

Ein niedriger sozialer Status und Migrationshintergrund gelten demnach als Risikofaktoren für seelische Störungen bei Kindern. Laut Ravens-Sieberer sollte man aber nicht immer nur in den gesellschaftlichen Umständen allein die Ursache suchen. Einen wichtigen Faktor sieht die Wissenschaftlerin im Klima, das in der Familie herrscht: "Das Klima kann ein Schutz- oder Risikofaktor sein." Konflikte oder psychische Probleme der Eltern wirkten sich auf das seelische Befinden der Kinder aus, viel Unterstützung der Eltern für die Kinder sei ein Schutzfaktor. "Wir müssen viel mehr bei den Familien ansetzen und diese befähigen, ihre Kinder durch schwierige Situationen zu begleiten."

ADHS
Das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (auch Zappelphilipp-Syndrom, kurz ADHS) ist der Bella-Studie zufolge bei Buben mit 2,9 Prozent etwas ausgeprägter als bei Mädchen mit 1,4 Prozent. Diskutiert wird, ob exzessives Spielen an Computern oder Konsolen ein Auslöser sein könnte, wenn die Kinder sich nicht mehr konzentrieren oder nicht still sitzen können. Andererseits gelten diese Kinder als anfälliger für eine Mediensucht. "Es gibt bisher keinen direkten Beweis, dass exzessive Tätigkeit vor dem Bildschirm zu ADHS führt, wohl aber ist ein Zusammenhang zu beobachten", sagte Christian Fricke, Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin.

Exzessives Spielverhalten
Von exzessivem Spielverhalten gehen die Experten aus, wenn Kinder mehr als 4,5 Stunden pro Tag vor dem Bildschirm hängen, sagt Fricke. Von einer "Sucht nach Computerspielen" spreche man derzeit, wenn wie bei anderen körperlichen Abhängigkeiten ein starkes unwiderstehliches Verlangen danach bestehe. Die Kinder gingen ihren alten Interessen nicht mehr nach und verleugneten, wie lange sie eigentlich am Rechner gehockt hätten. Bei männlichen Jugendlichen seien etwa drei Prozent betroffen, bei den Mädchen etwa 0,3 Prozent. Die Daten stammen aus einer Erhebung unter mehr als 15.000 Schülern der 5. Klasse Gymnasium; sie sind bereits einige Jahre alt, gelten demnach aber noch als aktuell.

Eine zweijährige Studie aus Singapur mit mehr als 3.000 Kindern benannte im Jahr 2011 drei Risikofaktoren für eine Videospiel-Abhängigkeit: Viel Zeit pro Woche vor dem Computer, wenig Sozialkompetenz und Einfühlungsvermögen in andere Menschen und eine höhere Impulsivität. Auf dem Kongress soll auch die Anerkennung dieser Phänomene als eigenständiges Krankheitsbild diskutiert werden. Dies fehlt laut Fricke etwa beim "krankhaften Internetgebrauch", einheitliche Diagnoseverfahren liegen noch nicht vor.
 

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