58. Viennale - "City Hall": Wisemans Hochamt auf die Regionalpolitik

Legendärer Meister des Direct Cinemas porträtiert in viereinhalb Stunden die Verwaltung seiner Heimatstadt Boston - Ab 25. Oktober bei der Viennale (Von Martin Fichter-Wöß/APA)

Viereinhalb Stunden den Leuten auf dem Amt bei der Arbeit zusehen - was vielen schmerzlich durch das Warten auf Behörden vertraut scheint, hat der legendäre US-Filmemacher Frederick Wiseman nun zu seiner neuen Dokumentararbeit "City Hall" verpackt. Der mittlerweile unglaubliche 90 Jahre alte Regisseur setzt damit seiner Heimatstadt Boston ein Denkmal, oder besser gesagt der Bostoner Regionalpolitik - in dem er wie üblich einfach beobachtet. Ab Sonntag bei der Viennale.

Mit 272 Minuten ist "City Hall" dabei der mit Abstand längste Film des unermüdlichen Vielarbeiters Wiseman ("Ex Libris") der vergangenen 30 Jahre geworden. Der Grund ist letztlich einfach, hat sich der Dokumentarist doch die schier wahnwitzige Aufgabe vorgenommen, das Wirken und Werken der Bostoner Stadtverwaltung in all ihren Verästelungen zu zeigen. Das Spektrum reicht vom Briefing zum Budget über die Fachabteilungen, die darüber debattieren, wie man mit dem Problem der Delogierungen umgehen kann, die Obdachlosigkeit unter Jugendlichen konkreter adressieren kann oder die zahlreichen Minoritäten in der Stadt besser inkludiert. Oder die Kamera folgt schlicht den Mitarbeitern der Müllabfuhr auf ihren Wegen.

Wie immer verzichtet Wiseman dabei im Stile des Direct Cinemas auf Interviews, blendet keine Namen oder Funktionen ein, sondern lässt die Menschen vor seiner Kamera, denen er jeweils ausgiebig Zeit widmet, sich selbst durch ihr Agieren erklären. Als Zwischenschnitte dienen zur Gliederung der einzelnen Sequenzen die scheinbar leblosen Verwaltungsbauten - ein Gegensatz zu den engagierten Menschen im Inneren.

Eine Schwäche der Inszenierung ist dabei die Stärke des Protagonisten Marty Walsh. Der seit 2014 amtierende Bürgermeister Bostons ist praktisch omnipräsent und beeindruckend in seinen Motivationsreden vor Latinos, Senioren, den Red Socks oder seiner Verwaltung. Als Kind an Krebs erkrankt und im Erwachsenenalter für einige Zeit alkoholabhängig, ist der 53-jährige Demokrat die in den USA geliebte Figur des Überlebenden, der durchs Feuer ging und daraus seine Stärke bezieht. Walsh ist zweifelsohne ein charismatischer, beeindruckender Charakter. Zugleich läuft "City Hall" streckenweise Gefahr, sich von der strahlenden Persönlichkeit des Helden mitreißen zu lassen.

Und doch halten sich sämtliche Protagonisten in den gezeigten Ausschnitten mit dezidierten politischen Forderungen meist zurück. Dessen ungeachtet ist das heuer in Venedig uraufgeführte "City Hall" ein letztlich klares Plädoyer gegen das Trump-Lager, die Skepsis gegenüber dem Staat und seiner Verwaltung, schlicht gegen "die da oben". Es ist ein Hochamt der konkreten politischen Arbeit, bei der "Respekt" das Zauberwort ist. Und das ist als ruhiges, unpolemisches Statement in Zeiten der Lagerbildung in den USA viel wert.

(S E R V I C E - "City Hall" von Frederick Wiseman am 25. (Urania) und 27. Oktober (Blicklekino). www.viennale.at/de/film/city-hall)

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