Äthiopien: Politologe warnt vor Destabilisierung durch externe Kräfte

Mit Blick auf Staudamm-Projekt - Großer Rückhalt für Abiys Vorgehen in Tigray in der Bevölkerung

Während das Vorgehen des äthiopischen Premiers Abiy Ahmed in der Konfliktregion Tigray im Norden des Landes international eher kritisch gesehen wird, ist sein Rückhalt in Äthiopien selbst sehr groß. Teilweise werde Abiy intern sogar als "zu weich" wahrgenommen, erklärt der Politikwissenschafter Belachew Gebrewold im APA-Interview. Nicht auszuschließen ist laut dem Experten, dass in dem Konflikt externe Kräfte mitmischen, um das Land zu destabilisieren.

Bereits während der Anti-Regierungsproteste im Sommer nach der Tötung eines Musikers des Oromo-Stammes hatte es Berichte über die Einmischung ausländischer Akteure gegeben. Auch im Konflikt mit Tigray, wo die äthiopische Regierung vor rund einem Monat eine Militäroffensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) startete, sei dies "absolut nicht auszuschließen", so Gebrewold, der seit 27 Jahren in Österreich lebt. Eine ökonomische und politische Schwächung Äthiopiens, wie sie derzeit stattfindet, spiele vor allem Ägypten in die Hände, erklärte der Professor und Studiengangsleiter am Management Center Innsbruck (MCI). Die Rebellen in Tigray könnten in dem Konflikt "ausgenützt" werden.

Äthiopien liegt mit seinen Nachbarländern Ägypten und Sudan über ein geplantes Staudamm-Projekt im Clinch. Der künftig größte Staudamm Afrikas (Grand Ethiopian Renaissance Dam/GERD) wird von Äthiopien auf dem Blauen Nil erbaut und soll das Land mit Strom versorgen, insbesondere das flussabwärts gelegene Ägypten fürchtet aber um seine Wasserversorgung. "Die konfliktträchtige Rivalität zwischen dem Iran, der Türkei und Katar auf der einen und Saudi-Arabien, den Emiraten und Ägypten auf der anderen Seite könnte hier mit einer größeren Regionalisierung des Konfliktes ausgetragen werden", warnte Gebrewold.

Das nördliche Nachbarland Eritrea hat zwar im Staudamm-Konflikt nach Ansicht des Experten nur eine Beobachterrolle, dürfte aber wiederum im Konflikt mit Tigray seine Hände im Spiel haben. Es sei "nicht unrealistisch und nicht auszuschließen", dass eritreische Soldaten die Truppen Abiys im Kampf gegen die TPLF unterstützen. Von offizieller Seite wurden entsprechende Berichte bisher dementiert. Mehrmals sollen seit Beginn des Konfliktes bereits Raketen aus Tigray in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, eingeschlagen sein. Eritrea und Tigray haben trotz des Friedensabkommens zwischen Äthiopien und Eritrea, für das Premier Abiy 2019 den Friedensnobelpreis bekam, ihre Differenzen nie beilegen können.

Von einem regionalen Flächenbrand will Gebrewold dennoch noch nicht sprechen. Ganz klar aber von einer Destabilisierung des gesamten Horns von Afrika, die etwa der Abzug äthiopischer Truppen aus Somalia (Richtung Tigray) automatisch mit sich bringe. Denn dadurch könnte die dort operierende Terrormiliz Al-Shabaab wieder erstarken.

Zu einem Flächenbrand könne es jedenfalls kommen, wenn es der Regierung in Addis Abeba nicht gelinge, eine gemeinsame Front in Äthiopien gegen Tigray zu bilden. Dafür müsse Abiy vor allem die wichtigsten ethnischen Gruppen - die Omoro und die Amharer - hinter sich wissen. Die Strategie "Ein gemeinsames Äthiopien gegen den externen Feind" habe in der Vergangenheit immer gut funktioniert, so Gebrewold.

Grundsätzlich sei die Zustimmung für Abiys Vorgehen in Tigray groß, betont Gebrewold. Teilweise werde sogar noch härteres Vorgehen seinerseits erwartet. Die Tigrayer, die nur sechs Prozent der gesamten Bevölkerung stellen, dominierten und kontrollierten das ostafrikanische Land für Jahrzehnte. Der Enthusiasmus und die Erwartungen, als Abiy vor zweieinhalb Jahren Premierminister wurde, waren groß - national und international. Er entmachtet die Tigrayer schrittweise, öffnete das Land.

"Aber Abiy hat ein historisch schwieriges Erbe. Kein Premier kann das Land innerhalb von zwei Jahren auf den Kopf stellen, das zu erwarten wäre unfair", gibt Gebrewold in Anspielung auf die langjährigen ethnischen Konflikte im Land zu bedenken.

Die aktuellen Ereignisse in Äthiopien seien "schockierend" und stimmten ihn traurig, meint Gebrewold. Viele Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte würden durch den Konflikt zerstört. "In einem Krieg gibt es keine Gewinner und zu dieser Einsicht müssen beide Konfliktpartner kommen", antwortet der Politikwissenschafter auf die Frage, welche Optionen auf Frieden es gebe. Den Konflikt beizulegen, sei nur durch Verhandlungen möglich. "Um einen Dialog wird man da nicht herumkommen."

(Das Interview führte Christina Schwaha/APA.)

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