Aufbau einer Stadt befördert Ungleichheit in sozialen Netzwerken

Komplexitätsforscher erkennen städtebauliche Barrieren in Online-Netzwerk wieder

Die Tendenz, sich gerade in Zeiten von theoretisch unendlicher Geselligkeit - etwa durch Online-Netzwerke - in eher abgeschlossenen Zirkeln weltanschaulich einzuigeln, wird auch rund um Covid-19 greifbar. Wiener Komplexitätsforscher zeigen nun im Fachblatt "Nature Communications", dass auch die Topografie einer Stadt einen Beitrag zur verstärkten Ungleichheit in sozialen Netzwerken leistet. Der Analyse zufolge bilden sich geografische Hindernisse auch in Online-Netzwerken ab.

Die Arbeit der Gruppe um ungarische und britische Wissenschafter sowie von Forschern vom Wiener Complexity Science Hub (CSH) fußt u.a. auf einer Untersuchung von CSH-Chef Stefan Thurner und Tuan Pham. Die beiden zeigten im November des Vorjahres im Fachblatt "Journal of the Royal Society Interface", dass die gerade in den vergangenen 20 Jahren stark gewachsene Anzahl an (Online-)Beziehungen den Zerfall der Gesellschaft in kleine Gruppen mit gleicher Meinung fördert, die sich gegenüber anderen abgrenzen - die zuletzt vieldiskutierte "Bubble" oder Filterblase.

Verantwortlich für den auf den ersten Blick paradox wirkenden Effekt ist einerseits die "Homophilie" - sprich die soziale Tendenz in Richtung "Gleich und Gleich gesellt sich gern". Sind sich also Menschen einer Gruppe tendenziell ähnlicher, erzeugt das im Schnitt auch weniger Stress. Das zweite soziologische Theorem, das die Forscher in dieser Arbeit berücksichtigten, ist die "Kognitive Balancetheorie". Dabei wird von sozialen Dreiecken ausgegangen, die sich zwischen Menschen aufspannen. Die Grundannahme ist, dass sich in diesen Dreiecken am wenigsten Stress auftut, wenn im Grunde alle Beteiligten der gleichen Ansicht sind - man sich also nicht nur jeweils mit zwei Freunden gut versteht, sondern auch zwischen diesen beiden Einvernehmen herrscht. Dies führt ab einer höheren Anzahl an Online-Sozialkontakten zur Bildung stärker abgeschlossener, in ihrer Meinung einheitlicherer Gruppen, berechneten Thurner und Pham.

Das Team aus Ungarn und Großbritannien sowie Johannes Wachs vom CSH machte sich nun daran, den Einfluss der Stadtplanung und -topografie auf die Bildung sozialer Netzwerke zu analysieren. Als Basis dienten Daten aus einer ehemals in Ungarn äußerst populären Social Media-Plattform namens "iWiW", die vor einigen Jahren von bis zu 40 Prozent der ungarischen Bevölkerung genutzt wurde. Dort fanden die Wissenschafter in der geografischen Beschaffenheit einer Stadt einen starken Faktor zur Vorhersage, wie zersplittert soziale Netzwerke sind, heißt es in einer Aussendung des CSH.

In der Stadtsoziologie zeigen Studien, dass Menschen sich mit dem Aufbau von sozialen Verbindungen schwertun, "wenn sie durch große Hindernisse, wie Flüsse, Bahngleise, Autobahnen oder Mauern physisch getrennt sind", so Wachs. "Es war beeindruckend, das in unseren Daten bestätigt zu sehen: Wir konnten Hinweise auf starke physische Grenzen in einer Stadt nur an den sozialen Netzwerken ablesen."

Ist eine Stadt stärker physisch fragmentiert, habe das Auswirkungen auf die Ausprägung der Ungleichheit, was etwa auch die Einkommensverhältnisse betreffe. "Wir sehen sehr klar, wie stark Geografie und Einkommensungleichheit zusammenhängen", sagte Wachs. Möchte die Politik für mehr sozialen Austausch und weniger soziale Unterschiede in einer Stadt sorgen, sollte sie demnach den Hebel der Städteplanung nicht vernachlässigen, meinen die Wissenschafter.

(S E R V I C E - http://go.apa.at/OfktK7TV)

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