Auftritt im TV-Duell dürfte Trumps Wahlkampf kaum Schwung geben

Experte: "Man darf bezweifeln, dass Debatte irgendjemanden umgestimmt hat"

US-Präsident Donald Trump hat nach Einschätzung von Experten im ersten TV-Duell mit seinem in Umfragen führenden Herausforderer Joe Biden wohl die Chance vertan, Boden gutzumachen. Zwar erntete der Amtsinhaber für sein aggressives Auftreten jubelnden Zuspruch seiner Anhänger.

Aber der Republikaner unternahm wenig, um unentschiedene Wähler oder potenzielle Wechselwähler zu überzeugen, dass er derjenige ist, der die Probleme am besten angehen kann, mit denen die USA konfrontiert sind. Das gilt insbesondere für Frauen, von denen viele Trumps Gebaren und Ton kritisch sehen.

"Man darf bezweifeln, dass diese mental erschöpfende Debatte irgendjemanden umgestimmt hat", sagt etwa der republikanische Wahlstratege Ron Bonjean. "Jede Seite hat etwas mitgenommen, aber der Schock gegenseitiger persönlicher Attacken hat wahrscheinlich viele Leute abgestoßen." Der Wahlkampf-Experte Christopher Devine von der University of Dayton in Ohio sieht das ähnlich. "Debatten haben normalerweise sehr wenig Einfluss darauf, wie Menschen abstimmen." Im Fall dieses Duells sei es aber noch schwieriger zu erkennen, wie Wähler dadurch hätten überzeugt werden sollen. Der Schlagabtausch habe "nur wenig Gelegenheit geboten, etwas über die Kandidaten zu erfahren und ihre Pläne".

Trump gelang es zwar mit seinen ständigen Unterbrechungen, Biden das ein oder andere Mal aus der Komfortzone zu locken. Der ehemalige Vize-Präsident schaffte es aber dennoch, zumindest in Ansätzen immer mal wieder einige seiner Botschaften zu platzieren. Wenn Biden die Chance bekam, blickte er direkt in die Kamera, um sich direkt an die Wähler an den Fernsehschirmen zu richten, während Trump ihn unheilvoll anstarrte.

"Das war eine Strategie, die Biden hatte und er hat sie durchgezogen", sagt Aaron Kall, ein Debatten-Experte der University of Michigan. "Trump schaffte es nicht, sich über seine Geringschätzung für Biden hinwegzusetzen." Sollte Trump hoffen, unentschiedene Wähler auf seine Seite zu ziehen, müsse er in den kommenden beiden TV-Duellen eine optimistischere Vision für das Land liefern. Doch in der Regel werden die folgenden Debatten von deutlich weniger Menschen verfolgt als das erste direkte Aufeinandertreffen. Auch ist davon auszugehen, dass viele Wähler bereits im Voraus ihre Stimme abgegeben haben, bis die nächsten Duelle in der zweiten Oktoberhälfte anstehen. Trump hat darum in der Nacht auf Mittwoch wertvolle Zeit verloren.

"Das war die eine Gelegenheit, die es gab, um einen guten ersten Eindruck bei dem kleinen Teil der unentschiedenen Wähler zu machen", sagt Kall. "Das haben wir heute Nacht aber nicht erlebt."

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