Aussagen von Ex-Wirecard-Chef zu politischen Kontakten erwartet

Braun morgen als Zeuge vor U-Ausschuss im Deutschen Bundestag - Wohl in Handschellen - FDP: Kontakte zur Regierung und Behörden als Thema - Ermittler: Dreh- und Angelpunkt im Finanzskandal

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun wird der FDP zufolge am Donnerstag vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin zumindest teilweise zum Bilanzbetrug bei dem Zahlungsabwickler aussagen. Der Anwalt des Österreichers habe angekündigt, er werde sich zu Kontakten zur Politik und den Behörden äußern, sagte der FDP-Finanzpolitiker Florian Toncar am Mittwoch. "Dazu ist er auch verpflichtet. Meines Erachtens hat er da keine Wahl."

Zu den konkreten Vorwürfen der Münchner Staatsanwaltschaft werde er sich dagegen wohl nicht äußern. Vor dem Ausschuss werden demnächst auch Wirtschaftsprüfer ohne Auflagen aussagen können. Der frühere DAX-Konzern ist nach dem milliardenschweren Bilanzskandal in die Pleite geschlittert. Gläubiger machen in der Folge gegen die Wirecard AG Forderungen von mehr als 12 Mrd. Euro geltend.

Der Untersuchungsausschuss soll Versäumnisse der deutschen Regierung und ihrer Behörden im Fall Wirecard aufzeigen. Deswegen ist die Kommunikation Brauns und des Konzerns mit der Politik und der Finanzaufsicht relevant. Notfalls werde der Ausschuss auch Zwangsmittel einsetzen, um Aussagen Brauns zu diesen Bereichen zu bekommen, sagte Toncar.

Hilfe bei der Aufklärung erhofft sich der Ausschuss auch von Wirtschaftsprüfern. Experten der Gesellschaften Ernst & Young (EY) sowie KPMG dürfen nun ohne Auflagen vor dem Gremium aussagen. Insolvenzverwalter Michael Jaffe entband fünf namentlich genannte Vertreter der Beratungsunternehmen von ihrer Verschwiegenheitspflicht, wie aus einem Reuters vorliegenden Schreiben hervorging. SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe begrüßte dies: "Insbesondere EY muss darlegen, warum sie 1,9 Mrd. Euro nicht existierendes Cash bestätigt haben. Das große Schweigen muss jetzt enden."

Braun, der momentan in Augsburg in Untersuchungshaft sitzt, muss persönlich in Berlin vor dem Bundestags-Sondergremium erscheinen. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte am Dienstag den Antrag seiner Anwälte abgewiesen, nur per Videoübertragung auszusagen. Zwei weitere Zeugen - der einstige Chef-Buchhalter Stephan von Erffa sowie der früher für die Dubai-Tochter zuständige Oliver Bellenhaus - werden dagegen Toncar zufolge per Video zugeschaltet. Sie würden am Donnerstag weitgehend von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen. Sie hätten aber zugesagt, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal umfangreicher auszusagen.

Braun prägte Wirecard 18 Jahre lang. Nach der Aufdeckung eines 1,9 Mrd. Euro großen Bilanzlochs trat er im Juni zurück. Die Staatsanwaltschaft wirft Braun und weiteren Wirecard-Managern gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor. Wirecard soll sich jahrelang mit systematischen Luftbuchungen schöngerechnet und damit Anlegern und Banken Milliardenschäden zugefügt haben. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt hatte Braun das damalige DAX-Unternehmen als Opfer eines groß angelegten Betrugs bezeichnet.

Die Staatsanwaltschaft sieht ihn dagegen als zentrale Figur in dem Fall. "Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen fungierte Dr. Braun innerhalb der Bande als Kontroll- und Steuerungsinstanz", heißt es in einer E-Mail der Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl an den U-Ausschuss. Das Schreiben liegt der Nachrichtenagentur Reuters vor. Das streng hierarchische System bei dem Zahlungsabwickler sei geprägt gewesen von einem militärisch-kameradschaftlichem Korpsgeist sowie Treueschwüren untereinander. "Braun gab strategische Weisungen und konkrete Geschäftsaktionen vor."

Gegen die Wirecard AG machten Gläubiger bei ihrer ersten Versammlung im München Forderungen von knapp 12,5 Milliarden Euro geltend. Ansprüche bestehen zudem gegen weitere Wirecard-Gesellschaften.

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