Berg-Karabach - Gegenseitiger Beschuss der Grenzregionen

Mehrere Zivilisten auf beiden Seiten getötet

Im wieder aufgeflammten Kampf um die Kaukasus-Region Berg-Karabach haben sich Armenien und Aserbaidschan gegenseitig den Beschuss der Grenzregionen zwischen den beiden Ländern - kilometerweit von Berg-Karabach entfernt - vorgeworfen. In der Stadt Vardenis sei dabei ein Zivilist ums Leben gekommen, erklärte das armenische Außenministerium am Dienstag.

Das sei das erste Todesopfer auf armenischem Territorium, weit entfernt der Konfliktregion, hieß es. Zuvor hatten beide Seiten schwere Artillerie in Stellung gebracht. Auch in der Nacht waren die Gefechte fortgesetzt worden.

Ein Sprecher des armenischen Verteidigungsministeriums schrieb im Online-Dienst Facebook von "massivem Artilleriefeuer" aserbaidschanischer Truppen auf armenische Stellungen. Die Truppen bereiteten sich auf einen weiteren Angriff vor. Bei einem Drohnenangriffen auf Gebiete in Armenien sei ein nicht zum Militär gehörender Bus in Flammen aufgegangen, hieß es seitens der Regierung in Yerewan. Ob der Zivilist dabei getötet wurde oder bei einem anderen Angriff, war zunächst unklar.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium erklärte seinerseits, mit den Angriffen auf einen "armenischen Versuch einer Gegenoffensive" in Berg-Karabach reagiert zu haben. Es verwies auch auf heftige Kämpfe in der Nacht. Der aserbaidschanische Präsident President Ilham Aliyev teilte am Dienstag laut Agentur Interfax mit, dass seit Sonntag bereits zehn aserbaidschanische Zivilisten getötet worden seien.

Berg-Karabach liegt in Aserbaidschan und hatte sich während eines Krieges in den 1990er Jahren von dem Land losgesagt, wird aber von keinem Staat als unabhängige Republik anerkannt. Obwohl das mehrheitlich christliche Armenien und das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan 1994 einen Waffenstillstand schlossen, werfen sie sich regelmäßig gegenseitig Angriffe rund um Berg-Karabach mit seinen etwa 150.000 Einwohnern und entlang der gemeinsamen Grenze vor. Am Sonntag flammten die Kämpfe um die Region wieder auf; es sind die schwersten seit 2016. Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken gaben sich dafür gegenseitig die Schuld. Binnen drei Tagen wurden durch den neu entbrannten Konflikt mindestens 95 Menschen getötet.

Die Kämpfe haben Sorgen um die Stabilität des Südkaukasus geschürt, wo wichtige Gas- und Ölpipelines entlanglaufen. Ein ausgewachsener Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan könnte die Regionalmächte Türkei und Russland in den Konflikt hineinziehen: Armenien hat ein Verteidigungsbündnis mit Russland, während die Türkei hinter der türkischen Bevölkerungsgruppe in Aserbaidschan steht.

Die Menschenrechtssprecherin der ÖVP, Gudrun Kugler, äußerte indes ihre "große Sorge vor einem Krieg". Österreich müsse gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft "alles dafür tun, damit dieser beginnende Krieg sofort gestoppt wird und eine Rückkehr zum Dialog möglich ist", forderte die Vorsitzende der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Österreich Südkaukasus auf Facebook. Der Jahrzehnte alte Konflikt könne nicht mit Waffen gelöst werden. Kugler rief dazu auf, die Ergebnisse der OSZE-Friedensverhandlungen von 2016 "ernst" zu nehmen und vollständig umzusetzen. Bei den Friedenskonferenzen in Wien und St. Petersburg wurde unter anderem der 1994 vereinbarte Waffenstillstand bekräftigt und beide Parteien zur Zurückhaltung aufgefordert.

Wie die Nachrichtenagentur AFP aus Diplomatenkreisen erfuhr, beschäftigt sich der UNO-Sicherheitsrat am Dienstagabend ab 23.00 Uhr mit dem Berg-Karabach-Konflikt. Das Treffen findet demnach hinter verschlossenen Türen statt. International besteht die Befürchtung, dass sich der Konflikt in der Region ausweiten könnte. Im Südkaukasus ringen Russland und die Türkei um Einfluss.

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