Corona - Popper: Tirol-Maßnahmen bei klaren Zielvorgaben sinnvoll

Simulationsforscher: Abschottung "kann ja keine Dauerlösung sein" - Erwartet österreichweit in nächsten beiden Wochen keine Infektions-Explosion - Ruf nach besserem Datenzugang

Das Einschränken der Mobilität aus und nach Tirol ab Freitag, um die Ausbreitung der südafrikanischen SARS-CoV-2-Variante einzudämmen, macht für den Simulationsforscher Niki Popper Popper dann Sinn, wenn man gemeinsame Ziele festlegt. Verhindern werde dies das Festsetzen der Mutationen hierzulande nicht, aber verlangsamen - und das sei entscheidend. Daher stelle sich die Frage, wie nach den angekündigten Maßnahmen für Tirol weiter gegengesteuert wird.

Für Gesamt-Österreich erwartet Popper in den nächsten beiden Wochen leichte Anstiege, aber keine Explosion. Der genaue Blick auf die Mutationen sei jedenfalls wichtig. Aber bei all den Diskussionen über die ansteckenderen neuen Varianten und deren prognostizierten Durchmarsch dürfe man nicht vergessen, dass zur Zeit viel getestet und in der Folge relativ viele Fälle identifiziert werden. Wenn diese auch schnell isoliert werden wäre das auch ein wichtiger Teil der Strategie zur Eindämmung, so der Forscher von der Technischen Universität (TU) Wien im Gespräch mit der APA. Wie viel ansteckender die Varianten sind, könne immer noch nicht klar beantwortet werden. In den Modellen mache es aber einen Unterschied, ob die Mutationen nun etwa 20 oder gar 70 Prozent infektiöser sind.

"Panik ist nie angebracht, Vorsicht aber sehr wohl", so Popper. Gehe man davon aus, dass die Südafrika-Variante (B.1.351) ein größeres Problem darstelle als andere, sei klar, dass man "hier etwas tun muss". Bei der britischen Variante (B1.1.7.) habe sich bisher gezeigt, dass die Ausbreitung in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern, wie Großbritannien, bisher etwas verlangsamt werden konnte. Er sehe in den Prognosen auch nicht, dass die Fallzahlen "in den nächsten zwei Wochen durch die Decke gehen. Das heißt aber nicht, dass die Zahlen nicht steigen werden, denn der Grund für beide Effekte sind die gesetzten Maßnahmen".

Unter den Lockdown-Bedingungen hierzulande in den vergangenen Wochen tue sich auch B.1.1.7 einfach etwas schwerer, die Grenzen einzelner Cluster zu überspringen. Daher gebe es zwar regional schnell Anstiege, die in der Regel aber auch wieder oft zum Erliegen kämen, so der Wissenschafter: "Das bedeutet aber nicht, dass wir eine Gesamtausbreitung verhindern können."

Umgelegt auf Tirol stelle sich die Frage, wie es nach den vorerst für zehn Tage ab Freitag vorgesehenen Einschränkungen weiter geht. Popper: "Das kann ja keine Dauerlösung sein." Nicht zuletzt betrifft das aber das gesamte Bundesgebiet, da es ja auch in anderen Bundesländern schon zumindest Einzelfälle von B.1.351 gibt. Epidemiologisch gelten für alle Regionen die gleichen Regeln.

Langfristig helfe nur konsequent zu testen und schnell zu isolieren. In einer Studie zeigte Poppers Team an der TU und dem TU-Spin-off dwh sowie Kollegen vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und vom Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) kürzlich, dass zielgerichtetes, wiederholtes Testen von Haushalten mit einer Sammelprobe oder eines "Vertreters" große Effekte haben kann. Bei einem positiven Resultat gehen dann alle Haushaltsmitglieder in Quarantäne.

Bei wiederkehrenden Tests von rund 75.000 Haushalten pro Tag in Wien könnte auch bei insgesamt stark steigenden Zahlen die Gesamtentwicklung bis Ende März deutlich reduziert werden. Derartige Teststrategien und breite Screenings böten sich als Perspektive an, da man ja nicht ganze Bundesländer längerfristig abriegeln kann, so Popper.

Die laufenden Prognosen auf Basis der agentenbasierten Simulationsmodelle, in denen das Verhalten der Gesamtbevölkerung unter verschiedenen Annahmen sozusagen nachgebaut wird, könnten mittlerweile einiges abdecken. Bei der Berechnung der Auswirkungen des Impfens sei momentan klar, dass die Bremswirkung auf die Ausbreitung erst einsetzt, wenn Immunisierungsraten - durch Vakzine oder durchgemachte Erkrankung - von mehr als 50 Prozent erreicht werden. Das sei allerfrühestens im Herbst zu erwarten. Sehr wohl ist schon früher mit einer Reduktion der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle zu rechnen.

Um aber in anderen Teilbereichen - wie der erhofften Dämpfung des Infektionsgeschehens durch die wärmeren Temperaturen - genauere Schätzungen abzugeben, brauche es auch rund ein Jahr nach Pandemiebeginn noch bessere Zugänge zu Daten. Auf welchem Niveau sich der Informationsaustausch und -zugang derzeit abspielt, zeige sich an der unübersichtlichen Datenlage zu Nachweisen der neuen Virusvarianten. Hier würden Behörden und Forscher sich um das Zusammentragen der verteilten Befunde kümmern, wichtige Strukturen fehlten aber.

"Wir brauchen nachhaltige Lösungen, wie wir die Daten vernünftig behandeln", betonte Popper. Hier sei aktuell jedoch viel Bemühen zu spüren. Ein wichtiger Schritt ist etwa Daten aus dem elektronischen Impfpass mit den Erkrankungsdaten im EMS abzugleichen. "Das sollte bald klappen", aber zum Beispiel die Vernetzung mit oder Daten zu Vorerkrankungen oder Wetterinformationen sei in Österreich noch Zukunftsmusik.

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