Corona - WHO-Kluge: Niemand ist sicher, wenn nicht alle sicher sind

Moral und Pragmatismus gefordert - Früh möglichst gleiche Verteilung von Vakzinen sicherstellen - "Wir dürfen keine 'verlorene' junge Generation durch Covid-19 haben"

Covid-19 in Europa ist nicht bloß SARS-CoV-2 in der EU. "Wir müssen möglichst früh eine möglichst gleiche Verteilung von Vakzinen sicherstellen", sagte jetzt WHO-Europa-Generaldirektor Hans Kluge im Gespräch mit der APA. Moral und Pragmatismus seien gefragt. Die WHO-Europa-Region besteht aus 53 Staaten - von Großbritannien bis nach Zentralasien.

Kluge, von Beruf her Arzt, ist seit knapp mehr als einem Jahr mit der diversen Situation rund um Covid-19 in so unterschiedlichen Ländern wie Großbritannien, den EU-Mitgliedsstaaten, Russland, Türkei oder den zentralasiatischen Staaten wie Usbekistan konfrontiert. In manchen Ländern steigen derzeit die Infektions-, Erkrankungs- oder Sterberaten durch die SARS-CoV-2-Pandemie. Andere Teilregionen melden nur moderate bzw. sinkende Fallzahlen. Der WHO-Europa-Regionaldirektor über das Gesamtbild: "Es gibt positive Nachrichten. In den vergangenen fünf Wochen ist die Zahl der neuen Covid-19-Fälle in den 53 Ländern unserer Region um 28 Prozent zurückgegangen. Innerhalb der vergangenen drei Wochen ist die Covid-19-Sterblichkeit um 22 Prozent gesunken."

Für Nationalismen sei bei der Bewältigung der Pandemie in der Europa-Region der Weltgesundheitsorganisation jedenfalls kein Platz. "Wir brauchen ein kohärentes Vorgehen. Wir brauchen eine kohärente Politik", sagte Kluge.

Seit einem Jahr zeigt sich, dass nicht im 19. oder 20. Jahrhundert plötzlich gezogene Landesgrenzen, sondern sozial, kulturell und wirtschaftlich miteinander verwobene Regionen für die die "Ups and Downs" der Verbreitung von SARS-CoV-2 entscheidend sind. Die aktuellen Zahlen in der WHO-Region Europa: Bisher wurden rund 38 Millionen Covid-19 Erkrankungen registriert. Es gab fast 841.000 Todesopfer. Aber: Während noch am 7. Jänner dieses Jahres etwa 330.000 neue Fälle gemeldet wurden (Höchststand am 8. November 2020: fast 380.000 Fälle), waren es am Montag (22. Februar) "nur" noch rund 105.000 neue Erkrankungen.

Entscheidend für die weitere Entwicklung sind für Kluge mehrere Maßnahmen, die zu treffen bzw. beizubehalten sind. "Wir brauchen eine Zugang mit Moral und Pragmatismus. Wir sollten nicht warten, bis in manchen Staaten 70 Prozent der Menschen geimpft sind. Nachdem die Hochrisiko-Personen, wie die Betagten, geimpft und die Menschen mit dem höchsten Expositionsrisiko wie die Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegewesen immunisiert worden sind, sollte man die Vakzine möglichst gleich verteilen", sagte Kluge. Dann wären schon die 30 Prozent der Bevölkerung geschützt, welche die größte Gefahr für Covid-19-Erkrankungen besäßen. Das wäre der richtige Zeitpunkt, um in allen Staaten diese Schutzrate zu gewährleisten.

Natürlich würden Regierungen versuchen, möglichst große Impfstoffmengen zu erhalten. Sie seien dafür auch von den Wählern gewählt worden. Doch man müsse auch pragmatisch vorgehen. "Niemand ist sicher, wenn nicht alle sicher sind", sagte Kluge. Das gelte ganz speziell in einer Pandemie und mit den massiven Mehrfachbestellungen zum Beispiel der EU-Mitgliedsstaaten.

Was jetzt notwendig sei, so der WHO-Europa-Generaldirektor: "Wir müssen die Impfkampagnen bei vorerst knappen Mengen an Vakzinen beschleunigen." Dazu bedürfe es auch einer weiteren Steigerung der Produktionskapazitäten. Bei allfälligen Lockerungsmaßnahmen müssen wir sehr vorsichtig vorgehen", fügte Kluge hinzu. Und schließlich müssten die Möglichkeiten zur Identifizierung neuer SARS-CoV-2-Varianten (Genom-Sequenzierung) massiv ausgebaut werden, um rechtzeitig reagieren zu können. Dazu gehört auch eine eventuelle Anpassung der Vakzine.

Ganz besonders wichtig sei die Aufrechterhaltung aller Möglichkeiten im Gesundheitswesen für die Menschen, die an anderen Erkrankungen als Covid-19 leiden. Und schließlich gehe es um die Kinder und um die Jugendlichen. "Ich bin da mit Anthony Fauci in den USA bzw. der (Joe-)Biden-Administration völlig einer Meinung. Die Kinder über acht Jahre gehören in die Schule. Es gibt Studien, wonach 17 Prozent der 18- bis 24-Jährigen Menschen psychische Probleme haben und 50 Prozent an Angstzuständen leiden. Wir dürfen keine 'verlorene' junge Generation durch Covid-19 haben."

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