"Gspüri für Spannung": Zum 125er von Friedrich Glauser

Schweizer Autor stand am Anfang eines Krimi-Booms - Wachtmeister Studer als Prototyp des "gemütlichen Schweizer Detektivs" - Geburtstag am 5. Februar (Von Beat Mazenauer/Keystone-SDA)

Verbrechen lohnen sich, zumindest in der Literatur. Kriminalromane boomen seit Jahren. Am Anfang dieses Aufschwungs steht in der Schweiz der Autor Friedrich Glauser (1896-1938), dessen Geburtstag sich am 5. Februar zum 125. Mal jährt.

Es begann alles mit einer Idee, "um Geld zu machen". Am 25. April 1932 schrieb Friedrich Glauser an seine Eltern, dass er an einem Kriminalroman arbeite, der in einer Haftanstalt spiele. "Eine große Sache, die schwierig sein wird." Tatsächlich dauerte es drei Jahre, bis Glauser Ende 1935 ein erstes Echo erhielt. Von Friedrich Witz, dem Herausgeber der Zürcher Illustrierten, bekam er zur Antwort, dass ihn das Manuskript "Schlumpf Erwin Mord" sehr überzeuge. Es habe "Echtheit, Wahrscheinlichkeit, Überzeugungskraft".

Das war ein Glücksfall für den Autor, der damals in der Klinik Waldau interniert war. Zumal Witz den ersten Studer-Roman im Sommer 1936 in acht Fortsetzungen publizieren sollte. In der Not hatte Glauser die Figur eines "gemütlichen Schweizer Detektivs" geschaffen. In der Schweizer Literatur begründetet diese Figur ein neues Genre.

In jenen Jahren blickte der 40-jährige Autor auf ein Leben zurück, das in einer Abfolge von Flucht, Sucht, Diebstahl, Haft und Entmündigung verlief. Die Kriminalromane spiegeln diese Ängste und Niederlagen auf berührende Weise.

In den 1930er-Jahren kamen Krimis auf, die dramatische Spannung mit einer hohen Aufmerksamkeit für soziale Außenseiter verbanden. In Frankreich fahndete Simenons Maigret, das erklärte Vorbild Glausers. In Deutschland faszinierte Leo Perutz mit raffinierten Plots, und aus den USA schwappte der hard-boiled-Krimi von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler herüber, deren coole Fahnder das Gesetz, wenn nötig, selbst in die Fäuste nahmen.

Ihnen gegenüber nimmt sich der Berner Polizeibeamte helvetisch bieder aus. Doch der Eindruck täuscht. Auch Wachtmeister Studer weiß genau, dass die kaputte Welt nicht mehr mit detektivischem Genie einzurenken ist. Deshalb lässt er sich bei den Ermittlungen von seiner Empathie für jene "armen Cheiben" leiten, die ihren Kopf für die "da oben" hinhalten. Wie sein Autor weiß er, dass Gerechtigkeit nicht mit Recht identisch ist.

Jakob Studers untrügliches "Gspüri" verleiht Glausers Kriminalromanen ihr spezielles Timbre. Sie verzichten ganz auf eine billige "Fuselspannung", die Glauser 1937 in seinem "Offenen Brief über die zehn Gebote für den Kriminalroman" strikt ablehnte.

Trotz des bescheidenen Erfolgs hat sich Glauser kaum vorgestellt, dass er am Anfang eines Krimi-Booms stehen würde. Zuerst kamen 1939 und 1947 zwei legendäre Verfilmungen durch Leopold Lindtberg. Dann schuf Friedrich Dürrenmatt mit seinem Bärlach in "Der Richter und sein Henker" (1952) einen Fahnder, dessen Behäbigkeit einen diabolischen Geist verbarg.

Im selben Jahr legte Patricia Highsmith mit ihrem Erstling "Zwei Fremde im Zug" das Fundament für ihre Romane, die nicht mehr den Täter suchen, sondern mit psychologischer Obsession nach den Motiven für das Verbrechen fahnden.

Mit ihr beginnt sich das Krimigenre aufzufächern. Die reine Aufklärung wird mehr und mehr abgelöst durch eine Dramaturgie, die primär den filmreifen Showdown und damit die Anspannung der Leserschaft im Auge hat. Speziell im skandinavischen Thriller wird der rituelle Vielfachmord zum tragenden Plot.

Ab Mitte der 1980er-Jahre tauchen in der Schweiz neue Figuren auf. Gunten des Autors Werner Schmidli, Sembritzki in Peter Zeindlers Agententhrillern oder der väterliche Hunkeler in Hansjörg Schneiders Romanen machen das einzelne Buch zum Reihentitel. Der Krimi avanciert zum Verkaufsangebot an ein ent- oder überspanntes Lesepublikum.

Heute ist das Angebot breit. Alfred Bodenheimer erschließt das jüdische Milieu mit seinen Rabbi-Klein-Krimis. Stephan Pörtner und Roger Graf kreieren satirische Adaptionen des hard-boiled-Krimis, Petra Ivanov und Michel Theurillat fördern brisante Themen in Thrillerform zutage. Bis zum Überdruss wuchern mittlerweile die Lokal- und Regionalkrimis.

Mehr und mehr verschreiben sich auch Frauen dem Genre: Susy Schmid, Mitra Devi, Sabine Altermatt oder Silvia Götschi. Und gestandene Autoren wie Hansjörg Schertenleib, Tim Krohn (alias Gian Maria Calonder) oder Sandra Hughes entdecken den Kriminalroman, um die kriminale Spannung mit Lokalkolorit zu verbinden. Dem Genre wohnt somit auch eine interessante Form des Heimatdiskurses inne.

Im Kriminalroman, wie er Glauser vorschwebte, "weht zwischen den schwarzen Druckzeilen jene Traumluft, es scheint jenes Licht, das auch die bescheidensten kleinsten Dinge zum Leben erweckt". Genau darin besteht seine Meisterschaft. In den Studer-Romanen brennt eine Liebe und eine Leidenschaft für die Menschen am Rand der Gesellschaft. Ihnen lässt Glauser wenigstens literarisch Gerechtigkeit zuteilwerden.

Exakt an diesem Punkt scheiden sich literarisch eindrückliche von bloß spannenden Krimis. Glausers Romane beweisen, dass ein guter Krimi jenseits des Plots immer wieder neu lesbar bleiben kann.

(S E R V I C E - Friedrich Glauser: "Jeder sucht sein Paradies .... Briefe, Berichte, Gespräche", Limmat Verlag, 520 Seiten, 59,70 Euro, ISBN 978-3-03926-005-8. Friedrich Glauser: "Du wirst heillos Geduld haben müssen mit mir. Liebesbriefe", Unionsverlag, 160 Seiten, 18,50 Euro, ISBN 978-3-293-00570-9)

OE24 Logo
Es gibt neue Nachrichten