Militäroffensive in Äthiopien: Helfer warnen vor humanitärer Krise

Welthungerhilfe: Viele Hungerleidende nicht mehr erreichbar - Abiy verkündet Einnahme von Teilen Tigrays - Experte: Region ist ein "Pulverfass"

Internationale Helfer warnen vor einer humanitären Katastrophe in der äthiopischen Region Tigray. Hintergrund ist eine anhaltende Militäroffensive der Zentralregierung gegen die Regierungspartei in der Region. "Tigray ist von allen Nachschubwegen abgeschottet", sagte der Landesdirektor der Welthungerhilfe in Äthiopien, Matthias Späth.

Demnach gibt es in der Region im Norden Äthiopiens ohnehin mindestens 600.000 chronisch mangelernährte Menschen. Diese seien wie die restliche Bevölkerung nun für Helfer nicht erreichbar. Man könne nur mutmaßen, wo die schweren Kämpfe stattfänden und wo Hilfskorridore eingerichtet werden könnten, sagte Späth und betonte: Daher "gehen wir vom Schlimmsten aus".

Äthiopiens Regierung hatte nach Monaten der Spannungen mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) vor einer Woche eine Offensive gegen die Rebellengruppe und Regierungspartei von Tigray begonnen. Wenig ist über die Lage vor Ort bekannt, da Internet und Telefonverbindungen unterbrochen und laut UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) die Straßen blockiert und die Stromversorgung gekappt sind.

Am Donnerstag konnte das Militär nach Angaben der Regierung in Addis Abeba Teile des abtrünnigen Bundesstaates unter seine Kontrolle bringen. Die "feindlichen" Truppen in der westlichen Region von Tigray seien besiegt worden, twitterte Ministerpräsident Abiy Ahmed. Die Armee leiste nun humanitäre Hilfe und versorge die Bevölkerung mit Nahrung.

Den Tigray-Kämpfern warf er Gräueltaten während der vor rund einer Woche ausgebrochenen Kämpfe vor, die die Region am Horn von Afrika zu destabilisieren drohen. Eine unabhängige Überprüfung war nicht möglich. Eine Reaktion der Tigray Volks Befreiungsfront TPLF, die den gebirgigen Bundesstaat im Norden des nordostafrikanischen Landes regiert, lag zunächst nicht vor. Allerdings verkündete die Regionalregierung den Ausnahmezustand, wie ihr Sender Tigray TV berichtete. Ziel sei es, sich gegen eine Invasion zu verteidigen, zitierte der Sender aus einer Erklärung.

Abiy zufolge wurden mehrere Regierungssoldaten in der Stadt Sheraro mit hinter dem Rücken gefesselten Beinen und Armen erschossen aufgefunden. Wie viele Leichen entdeckt worden seien, sagte er nicht. Er warf den Tigray-Kämpfern zudem vor, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Das äthiopische Parlament stimmte indes dafür, die Straffreiheit von 39 hochrangigen Funktionären in Tigray aufzuheben.

International stieg die Sorge vor einem Bürgerkrieg in dem ostafrikanischen Land. Die Situation habe definitiv großes "Bürgerkriegspotenzial", sagte Friedbert Ottacher, Experte für Entwicklungszusammenarbeit (EZA) und Afrika-Kenner, im APA-Gespräch. Für Abiy Ahmed, aber auch für ganz Äthiopien, stehe viel auf dem Spiel, ist die Hauptstadt nicht nur Sitz der Afrikanischen Union (AU) und zahlreicher diplomatischen Vertretungen der Region, sondern auch beliebtes Land in Sachen EZA.

Wirklich überraschend seien die jetzigen Auseinandersetzungen aber nicht. "Viele Schritte haben zu der Situation geführt, wie wir sie jetzt im Nordosten des Landes sehen", erklärte Ottacher. Tigrayer wurden mit Abiys Amtsantritt entmachtet und fühlen sich, ebenso wie andere Ethnien, seither stark vernachlässigt. Die Region Tigray, südlich von Eritrea gelegen, unterscheidet sich aber von anderen "Unruheregionen": "Ein Großteil des militärischen Arsenals des Landes befindet sich in Tigray, und weil viele Tigrayer früher führende Positionen im Militär hatten, gibt es auch genug Leute, die sich damit auskennen", erklärte Ottacher, der die Region deshalb als "Pulverfass" bezeichnet.

Seit Beginn des Militäreinsatzes der Regierung sind laut UNHCR bereits 7.000 Menschen ins Nachbarland Sudan geflohen. "Wir gehen davon aus, dass große Ströme von Tigray nach Amhara und Afar schwappen", sagte Späth mit Blick auf die zwei an Tigray angrenzenden äthiopischen Regionen. Die Welthungerhilfe versuche sich darauf vorzubereiten, indem etwa Auffanglager identifiziert würden. In Tigray leben laut des UNO-Nothilfebüros ohnehin rund 200.000 Binnenflüchtlinge (IDPs) und Flüchtlinge.

Die TPLF war die dominante Partei in der Parteienkoalition, die Äthiopien mehr als 25 Jahre lang mit harter Hand regierte. Doch als Abiy 2018 an die Macht kam, entfernte er im Zuge von Reformen viele Funktionäre der alten Garde und gründete eine neue Partei ohne die TPLF. Die TPLF und viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nicht vertreten und wünschen sich größere Autonomie. Unter Abiy - der im Vorjahr den Friedensnobelpreis erhielt - haben die ethnischen Konflikte in dem Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen rund 112 Millionen Einwohnern zugenommen

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