Neue Bücher - Nachdenken, lernen, kochen: Theater im Lockdown

NTGent bekam 106 Antworten auf die Frage "Why Theatre?" - Gemeinsames "Nachdenken über Freies Theater" - Theaterbetriebsärztin Lilli Nagy sammelte Kochrezepte aus der Theaterwelt

Was machen Theater im Lockdown? Proben und planen natürlich, aber auch nachdenken, lernen und kochen. Drei neue Bücher, die während der ersten Theaterschließungen entstanden sind und in den vergangenen Tagen veröffentlicht wurden, haben plötzlich neue Aktualität erhalten.

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106 Antworten auf die Frage "Why Theatre?"

Die grundsätzlichste Frage angesichts von radikalen Schließungen stellte das von Milo Rau geleitete belgische Theater NT Gent: "Why theatre?". Als der Shutdown ausgerufen wurde und eine Wiederöffnung nicht abzusehen war, schrieben Kaatje de Geest, Carmen Hornbostel und Milo Rau an über hundert Künstler und Intellektuelle einen Brief mit der Bitte, sich über die Einzigartigkeit und Unverzichtbarkeit von Theater in allen Erscheinungsformen Gedanken zu machen. 106 (englischsprachige) Antworten wurden nun als fünfter Band der die Arbeit des Genter Theaters begleitenden Buchreihe "The Golden Books" herausgegeben. Die Teilnehmer reichen von Mohammad Al Attar und Lola Arias bis zu Apichatpong Weerasethakul und Dominique Ziegler. Auch viele Prominente sind darunter, etwa Anne Teresa De Keersmaeker, Isabelle Huppert (sie schickte ein Foto, auf dem sie sich in einer "Phädra"-Produktion auf einer Couch rekelt, und schrieb dazu: "Need I say more?"), William Kentridge, Edouard Louis, Ariane Mnouchkine und Botho Strauß. So entsteht in Briefen, Texten, Szenen und Skizzen ein leider wieder nur allzu aktueller Zustandsbericht, der weit über das Theater hinausgeht. Zwei Österreicherinnen sind mit dabei: Autorin Kathrin Röggla hat einen Essay geschickt, Tänzerin und Choreografin Florentina Holzinger ein Foto, das sie scheinbar mit freigelegtem Rückgrat zeigt, und einen Fünfzeiler, der "for a life in action" plädiert. (Milo Rau / NTGent (Hg.): "Why Theatre?", Verbrecher Verlag, 368 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-95732-458-0)

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Nachdenken über Gegenwart und Zukunft des Freien Theaters

"Lernen aus dem Lockdown?" heißt ein Sammelband, den das Impulse Theater Festival in Nordrhein-Westfalen herausgegeben hat. Vieles für die 30-Jahr-Feier des Festivals im Frühjahr musste verschoben werden, so auch die Jubiläumspublikation. Stattdessen bat man Akteure der Freien Szene, "in Texten und Fotos Momentaufnahmen aus einer Zeit festzuhalten, in der nichts mehr war wie gewohnt und die Frage unumgänglich wurde, wie es denn eigentlich weitergehen soll: politisch, ästhetisch, strukturell", schreibt Festivalleiter Haiko Pfost, 2007-2013 gemeinsam mit Thomas Frank Leiter des Koproduktionshauses brut wien, in seinem Vorwort. In den Beiträgen geht es stark um Prekarität, um Kunstförderung und Gemeinwohl, um gesellschaftliche Perspektiven. "Sie zeigen auf, dass vor dem Virus und auch sonst eben nicht alle gleich sind, sie fragen nach Solidarität, Ein- und Ausschlüssen", so Pfost. Mit dabei beim gemeinsamen "Nachdenken über Freies Theater" ist auch die österreichische Regisseurin Sara Ostertag. Sie behandelt "Honorare und Dienstverhältnisse in den Freien Darstellenden Künsten". (Haiko Pfost, Wilma Renfordt, Falk Schreiber, NRW KULTURsekretariat, Impulse Theater Festival (Hg.): "Lernen aus dem Lockdown? Nachdenken über Freies Theater", Alexander Verlag Berlin, 232 Seiten, 14 Euro, ISBN: 978-3-89581-536-2)

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Kochrezepte aus der Theaterwelt

Normalerweise kümmert sich Lilli Nagy als Theaterbetriebsärztin in Burgtheater, Volkstheater und Theater in der Josefstadt um das Wohlergehen vieler auf und hinter der Bühne Beschäftigter. Im ersten Lockdown änderte sich das schlagartig. "Von einem Tag auf den anderen durfte ich als Theaterbetriebsärztin plötzlich keinen persönlichen Kontakt mehr zu Theatermenschen haben. Die Ausstellung von medizinischen Rezepten und Überweisungen erfolgte telefonisch und auf elektronischem Weg. Viele sagten mir, Kochen wäre jetzt eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Da dachte ich: Warum nicht Rezept gegen Rezept tauschen?" In der Folge lernte sie "mir bis dahin völlig unbekannte Kochambitionen von Theatermenschen kennenlernen". In der Folge entstand ein Kochbuch, das selbst für diese bereits sehr intensiv befüllte Buchsparte wohl eine Novität darstellen dürfte: "My stage is my kitchen". Nahezu alle Bereiche des Theaters sind vertreten: Schauspiel, Regie, Dramaturgie, Bühnen- und Sicherheitstechnik, Kostümbild, Portierloge, Reinigung, Direktion und Administration. Auch Prominente wie Caroline Peters, Nikolaus Habjan oder Lucy McEvil steuerten Rezepte bei. (Lilli Nagy (Hg.): "My stage is my kitchen", Wolfgang Pfeifenberger Verlag, 146 Seiten, 125 Bilder, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-901496-45-5)

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