Nordische WM: Stecher: "Vier, fünf, sechs Medaillen - das wäre okay"

Sportlicher Leiter im ÖSV für Skispringen und Kombination schwärmt im APA-Interview von Lamparter und beleuchtet schwierige Saison der Skispringer - "Gehört auch ein Quäntchen Glück dazu"

Die österreichischen Hoffnungen bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Oberstdorf liegen vorwiegend bis ganz im Skispringen und der Nordischen Kombination. Für diese Sparten ist im Verband (ÖSV) Mario Stecher zuständig. Der frühere Weltklasse-Kombinierer nahm im ÖSV-Teamquartier in Riezlern im Kleinwalsertal gegenüber der APA - Austria Presse Agentur u.a. zu den Aussichten der rot-weiß-roten Equipe bei diesen Titelkämpfen in den zwölf Bewerben seines Bereichs Stellung.

Frage: Herr Stecher, wieso hat sich der ÖSV für dieses 20 Autominuten von Oberstdorf entfernt liegende WM-Quartier entschieden?

Mario Stecher: "Es ist nicht unser übliches Quartier in Oberstdorf, was Wettkämpfe anbelangt. Da wäre es schwer, ein Quartier zu bekommen (außerhalb von Corona-Zeiten, Anm.). Aber was Trainingskurse anbelangt, ist es definitiv das Quartier der österreichischen Skispringer Damen und Herren. Somit liegt es auf der Hand, dass wir da die WM verbringen."

Frage: Der Weg zwischen den Trainings und Wettkämpfen ist dann aber doch länger, wie ist das etwa bei den Kombinierern zwischen Springen und Langlauf?

Stecher: "Der Weg zum Hotel ist in eine Richtung nur zehn Minuten länger. Für die Kombinierer haben wir einen eigenen Bus, der im Langlaufstadion steht. Es sind vier Athleten - alle sind getestet -, die den kompletten Bus für sich alleine haben, drinnen sind Betten. Da haben sie eine tolle Möglichkeit, sich kurz noch auszurasten und zu fokussieren auf den Langlaufbewerb."

Frage: Was muss das Team erreichen, damit Sie sagen können, dass es eine erfolgreiche WM war?

Stecher: "Meine Prämisse ist immer - das war es auch als Athlet -, du musst immer die Möglichkeit haben, um eine Medaille mitzukämpfen. Dass dann auch ein Quäntchen Glück dazugehört, um eine solche oder auch die Goldmedaille zu erringen, das steht außen vor, das ist selbstverständlich. Ich glaube trotzdem, dass wir in der heurigen Saison Corona-technisch eine schwere Zeit hinter uns haben im Skisprung-Team und einige Verletzte und nach wie vor Rekonvaleszente bei den Kombinierern haben. Trotzdem haben wir immer noch die Möglichkeit, um die Medaille mitzukämpfen. Wir sind sicher nicht die Favoriten, in keinem Bewerb. Aber wir gehören zum erweiterten Kreis dazu. Das kann sich dann auch sehen lassen, dass wir trotz dieser Schwierigkeiten noch immer voll dabei sind."

Frage: In der Kombination fehlen diesmal routinierte Athleten wie Bernhard Gruber und Franz-Josef Rehrl. Wie sind die Aussichten?

Stecher: "Der Unterschied ist, dass ein aufstrebendes Talent dabei ist (Johannes Lamparter, Anm.). Talent kann man fast nicht mehr sagen, denn er ist heuer in der Weltspitze angekommen. Er bringt seine Leistung ständig von einem Wochenende zum nächsten. Er ist einfach sehr, sehr stabil. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass in seinen jungen Jahren vereinstechnisch, landesverbandstechnisch, in der Schule extrem gut gearbeitet worden ist mit dem Burschen. Da sieht man, was man schon in jungen Jahren zu leisten imstande ist. Er ist jetzt nicht die Führungspersönlichkeit in dem Team, da sind noch Ältere da. Aber er ist von der Leistung her der Konstanteste in dieser Saison. Interessant ist auch für mich, er wächst mit der Herausforderung. Es ist wunderschön zu beobachten, dass wieder einer da ist, der auch nicht zufrieden ist mit einem fünften, sechsten, siebenten Platz, sondern ganz nach oben strebt. Das ist toll, wenn man so einen im Team hat. Er ist zur Junioren-WM gefahren mit dem Ziel, Gold zu holen und hat das mit Bravour gemacht. Er ist da Erster im Skispringen gewesen, hat die schnellste Langlaufzeit gehabt, das ist unglaublich. Das erreichen viele in einem ganzen Leben nicht. Er ist ein toller Athlet, sicher ein Ausnahme-Athlet."

Frage: Wie sieht die Lage aus Ihrer Sicht bei den Skispringern aus?

Stecher: "Dass wir nicht die Favoriten sind, das liegt auf der Hand. In Ansätzen haben wir es aber auch in diesem Jahr gezeigt, dass wir sehr gut Skispringen können. Am Beginn der Saison vor der Corona-Misere haben wir das Teamspringen in Wisla gewonnen, da waren wir sensationell gut in Schuss. Das ist dann auch die wahre Stärke gewesen der Mannschaft. Dann ist das Intermezzo dazugekommen. Seitdem tun wir uns schwer, wir müssen mit den Kräften haushalten. Man ist noch nicht auf dem gleichen Level, was Kraft und mentale Stärke anbelangt, wie am Anfang der Saison. Andere haben mit dem Gewinnen angefangen wie (Halvor Egner) Granerud. Du bekommst Selbstvertrauen und wirst immer stärker, es wird alles selbstverständlicher. Das hat uns bis jetzt gefehlt. Ganz ein wichtiger Punkt - Corona darf keine Ausrede sein -, aber man sieht es schon auch bei anderen Krankheiten, dass man eine Zeitlang braucht, um den Körper wieder in Schuss zu bekommen und die mentale Stärke zurückzubekommen. Ich glaube, dass man ein Problem gehabt hat mit dem vegetativen Nervensystem, weil sonst ist schwer zu erklären, warum springt er gut, dann wieder weniger gut. Es war halt ein sehr, sehr großes Auf und Ab. Ich glaube schon, dass man mit den eineinhalb Wochen Pause, mit dem Trainingskurs (zuletzt in Planica, Anm.) wieder die nötige Ruhe drinnen hat im Team, die nötige Frische im Kopf wieder hat und dass wir durchaus für eine Überraschung gut sein können - und als Mannschaft sicher auch mitmischen können um die Medaille."

Frage: Inwieweit waren die an Corona Erkrankten auf ihrem Weg zurück in den Wettkampf ärztlich unterstützt?

Stecher: "Es ist auf jeden Fall so innerhalb des Österreichischen Skiverbandes, wenn einer Corona gehabt hat, muss der wieder völlige körperliche Fitness mit sich bringen, um wieder starten zu dürfen. Die werden voll durchgecheckt. Da ist herz- und krafttechnisch sicher alles wieder in Ordnung. Aber diese geistige Frische muss man erst wieder bekommen. Es ist einfach ein Aufwand für den Körper, wenn er sich nach überstandener Krankheit wieder in die richtige Ebene begeben muss."

Frage: Bei den Skispringern ist mit Manuel Fettner nun doch ein sechster Athlet dabei. Waren seine Leistungen in Rasnov dafür ausschlaggebend?

Stecher: "Absolut. Wir sind nach Rasnov gefahren, um den Junioren-Weltmeistern die Chance zu geben, in einem Weltcup dabei zu sein. Wider Erwarten hat Manuel über das gesamte Wochenende eine sensationell gute Leistung geboten. Achte Plätze im Endklassement haben wir wenig stehen heuer. Und mit seinem dritten Platz im Mixed-Team ist es absolut zu rechtfertigen und verdient, dass er jetzt bei der Weltmeisterschaft dabei ist."

Frage: Wie sieht nun Ihr WM-Ziel in Medaillen aus?

Stecher: "Vier, fünf, sechs Medaillen - das wäre das, was okay ist, was zufriedenstellend ist. Aber im Damen-Skisprung hätte man im Sommer gesagt, die Medaillen braucht man sich nur abholen (nach den Erfolgen der vergangenen Saison, Anm.). Doch auch dort haben andere Damen, andere Nationen aufgeholt. Auch da sind Slowenien und Norwegen definitiv auf dem gleichen Level wie wir, da muss man dann erst eine Medaille gewinnen. Man muss sich jede Medaille redlich erarbeiten."

Frage: Bleiben noch die Kombiniererinnen mit ihrem WM-Debüt. Ist da Lisa Hirner Österreichs Medaillenhoffnung?

Stecher: "Lisa ist sicher mit einem guten Sprung für eine Überraschung gut. Aber ich sage bewusst Überraschung, da vom Alter her unsere Damen sehr jung sind und wenn ich dann eine (Tara) Geraghty-Moats (USA/Weltcup-Siegerin Ramsau) hernehme, die zehn Jahre älter ist, die hat andere Trainingsjahre hinter sich. Eine Überraschung ist durchaus möglich, aber sie sind schon noch sehr, sehr jung, was die Trainingsjahre anbelangt."

(Das Gespräch wurde geführt von Thomas Blaschke/APA)

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