Roadmovie-Roman: Christina Maria Landerls "Alles von mir"

In Berlin lebende Oberösterreicherin erzählt von starken Frauen auf der Durchreise und von der Kraft der Musik (Von Angelika Grabher-Hollenstein/APA)

Christina Maria Landerls neuer Roman "Alles von mir" begleitet eine Frau auf einer Reise durch den Süden der USA. Am Papier nimmt die Erzählung der in Berlin lebenden Oberösterreicherin nur 128 Seiten ein, doch ist ihr Text ein Gesamtkunstwerk aus Literatur, Film und Musik, in dessen Tiefen Freiheitsstreben, Rassismus, Frauen- und Bürgerrechte mitschwingen.

Vorangestellt sind dem Roman ein Handke-Zitat, das fragt, ob das alles wahr ist ("Das ist alles passiert"), und Ida Cox' Liedzeile von 1924 "Wild women don't worry, Wild women don't have no blues". Die ziellose Hauptfigur, über die das Buch manchmal in der Ich-Perspektive, dann wieder von außen her, erzählt, hat den Blues aber durchaus. Sie verarbeitet unterwegs durch die Geburtsorte der amerikanischen Musik, konkret Mississippi, Tennessee, Alabama und Georgia, eine Trennung. An jedem Halt muss sie Fragen beantworten - woher sie kommt, was sie hier tut, wohin sie fährt, ob sie alleine ist - Fragen, die sich im Text als oberflächliche Höflichkeitsfragen von Barkeepern oder Hotelangestellten tarnen.

In einer Bar gabelt die melancholische Protagonistin zufällig die Autobiografie "Lady Sings the Blues" der Bluessängerin Bessie Smith auf, und wenige Tage später in einem Coffee Shop eine schwedische Countrysängerin, die nach Nashville möchte, und fortan ihre Begleiterin ist. Landschaftsbeschreibungen - Bäume, Ufer, Städte Wolken, Licht - wechseln mit Museumsbesuchen, Sehenswürdigkeiten, dunklen Bars sich stets ähnelnden Hotel- und Motelbetten; hochgestellt seitlich erfährt der Leser in Ortsangaben, wo sich die beiden gerade befinden. Die Hauptfigur hält kaum je an, ist ungeduldig, will immer weiter. "Ein bisschen traurig sieht sie aus, als hätte sie nicht gefunden, was sie gesucht hat; nicht das, was sie sich vorgestellt hat", heißt es vor einer der zahlreichen Abreisen der Protagonistin.

Der in kurzen Prosaabschnitten gehaltene Roman, der seine Leser immer wieder mit drehbuchähnlichen Anweisungen lenkt ("zu sehen ist", "wir sehen"), ist durchdrungen von Blues und Jazz. Der Text ist dicht verwoben mit den harten Schicksalen und Erfahrungen jener starken, rauen und fragilen Frauen, die diese Musik groß machten, die sich damit selbst eine Stimme gaben und die ihre Musik weitergaben: von Bessie Smith über Billie Holiday bis hin zu Patsy Cline. "Eine Trompete weint, und Billie singt, dass der einsame Schmerz sie jagt, sie verfolgt wie ihr einsamer Schatten: immer da, nur nicht zu sehen." Am Schmerz kann man wachsen, in der Musik und im Leben.

Die Autorin bietet zum Buch eine Spotify-Playliste an, die einen eigenen Subtext zum Geschriebenen bildet. Wie diese Songs hat auch "Alles von mir" Tiefen, ja Abgründe; der sprachlich schlicht gehaltene Text arbeitet mit dem, was zwischen den Zeilen steht. Über die Liedzeilen und Erinnerungen an gesehene Filme reist die Protagonistin wiederholt in ihre eigene Vergangenheit. Es ploppen immer wieder kurze Erinnerungssequenzen, Traumfragmente, Emotionsbruchstücke auf. Ihre Begleiterin beschwert sich über die Ruhelosigkeit der Hauptfigur, woraufhin diese festhält: "Ich will nicht sein, wo ich bin, und zwar fast immer. Und vielleicht auch gar nirgends hin."

Am Ende fährt die Protagonistin auf die Morgensonne zu, man sieht ihr nach: "Das Auto fährt weiter. Die Musik wird lauter". Die mehrfach ausgezeichnete Christina Maria Landerl hat nach ihrem Debüt "Verlass die Stadt" (2011) und ihrem Roman "Donnas Haus" (2016) erneut ein starkes, ungewöhnliches Buch vorgelegt, das nicht nur für Musikfans lesenswert ist.

(S E R V I C E - Christina Maria Landerl: "Alles von mir", Müry Salzmann, 128 S., 19 Euro)

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