Roman "Der Berg": Als die Entschleunigung noch verlockend erschien

Ivica Prtenjača beschrieb in seinem auf Kroatisch 2014 erschienenen Roman eine Flucht aus dem Alltag - Der Corona-Lockdown verändert 2021 aber die Leseperspektive (Von Edgar Schütz/APA)

Die Zeit, die zwischen dem Erscheinen eines Romans im Original und einer übersetzten Edition liegt, kann viel verändern. Auf Kroatisch kam "Brdo" von Ivica Prtenjača 2014 auf den Markt. In "Der Berg" flieht ein temporärer Aussteiger vor dem "Burnout" für drei Monate in die Einsamkeit und Austerität. Vor sieben Jahren erschien diese Flucht vor den Müh(l)en des Alltags manchem Leser gewiss verlockend. Nach mehrmonatigen Corona-Lockdowns mag der Drang zur Askese gelindert sein.

Der Plot ist schnell erzählt: Ein namentlich nicht genannter Mann aus der Zagreber Kunst- und Verlagsszene - er dürfte aber autobiografische Züge des 1969 in der Hafenstadt Rijeka geborenen Autors tragen, der sein Geld schon als Bauarbeiter und Eisverkäufer, aber auch als Galerist, Buchhändler, Radiojournalist, Kolumnist sowie Marketingmanager in einem Verlag verdiente - zieht sich einen Sommer lang auf eine Adriainsel zurück, um auf einem Berg die Arbeit eines Brandwächters zu übernehmen.

Von einem von den Zeitläufen schon etwas zernepften früheren Militärwachturm aus soll er beobachten, ob er irgendwo Rauchsäulen entdeckt, die auf Feuer und damit die Gefahr von Waldbränden hinweisen können. Begleitet wird er nur von der zugelaufenen Hündin Ciba und einem alten Esel namens Visconti, dem der Bergwald rund um die alte Karaule bald zum Hospiz wird.

Nur gelegentlich trifft er auf Menschen, und dann eher durch Zufall und Missgeschicke: Touristen, die sich bei Wanderungen auf der Insel verirren, Motorrad-Biker, die vom Weg abgekommen sind, Spiritualisten, die im Wald ihre Séancen abhalten wollen, oder Veteranen des "Heimatkriegs" der 1990er-Jahre, die ihre posttraumatischen Belastungsstörungen verarbeiten müssen.

Dazu kommen hin und wieder Jäger und Wilderer. Sie verstärken dann die für einen Großstädter schreckeinflößende Atmosphäre der Wildnis. Im Wachturm verschwinden Schlangen in irgendwelchen Löchern, aus denen sie natürlich jederzeit wieder herauskriechen können, auch wenn der Mensch gerade schläft. Nachts verschmilzt das Brüllen der Wildschweine oft zu einem unheimlich tierischen Chor, und dass am Himmel die Geier kreisen, ist angesichts eines lieb gewonnenen Esels, dem immer mehr die Lebenskräfte schwinden, auch nicht gerade beruhigend.

Ganz stressfrei läuft diese Robinsonade trotz aller gewollter Entschleunigung also auch nicht ab, aber natürlich wird sie von anderen Parametern gekennzeichnet als der aufreibende, von der kapitalistischen Moderne und mitunter auch durch menschliche Intrigen geprägte (Kultur)betrieb in der kroatischen Hauptstadt. Das fakultative Exil gibt natürlich auch Raum zur Einsicht und Rückschau, etwa auf eine kurze und gescheiterte Ehe oder Kindheitserlebnisse mit dem Vater, der im alten Tito-Jugoslawien in einer Brotfabrik arbeitete.

Dass der Protagonist nun in seiner Kartause selbst Brotlaibe bäckt und an jene wenigen Personen, die er zuweilen trifft, verteilt, mag ja durchaus ein biblisches Symbol sein. Ihn deshalb gleich mit einem Säulenheiligen oder dem kanonisierten Franz von Assisi zu vergleichen, wie es etwa Prtenjačas international renommierterer Schriftstellerkollege Zoran Ferić im Klappentext macht, scheint dann doch etwas mutig. Halleluja!

Dazu sind die vom Autor skizzierten Rahmenbedingungen nicht mystisch und enthaltsam genug. Da er als Brandwart ja Alarm geben soll, verfügt der selbsterwählte Eremit sogar über ein Handy und den dafür nötigen Empfang. Und er kann es sich leisten, Einladungen zum Hammelbraten mit Bier und dem unausweichlichen Schnaps, die Bewohner aus dem Nachbardorf über dieses Mobiltelefon aussprechen, oft (wenn auch nicht immer) und aus eigenem Willen auszuschlagen. Schließlich ist die voluntaristische Quarantäne ohnehin nur für drei Monate anberaumt.

Angesichts dessen kann der Leser so manche am Buchrücken verheißene Mutation ("Die Monate der Einsamkeit auf dem Berg krempeln sein Leben völlig um, und er erlebt einen tiefen inneren Wandel") nur bedingt nachvollziehen. Selbst wenn der Berg und sein Gipfel natürlich Symbole sind, des Aufbruchs sowie der Rückkehr - zu sich selbst oder sogar zur Welt. Wer aber weiß, wie sich ein bald zwölfmonatiger kollektiver sozialer Stillstand im echten Leben anfühlen kann, mag vielleicht gar nicht mehr literarisch davon träumen.

Der knapp 160 Seiten dicke oder schmale Roman strotzt von Emotionen und traumatischen Erfahrungen eines implodierten städtischen Individuums, das nach dem Sinn des Lebens sucht. An Handlungssträngen ist er freilich eher arm, dafür sind diese mitunter bedeutungsschwanger. Dass etwa am Ende des Sommers nach dem Rückzug vom Berg die Bulldozer anrücken, um den alten Wachturm niederzuwalzen, ist gewiss auch durchaus symbolträchtig gemeint.

Wobei Ivica Prtenjača und auch seinem Übersetzer Klaus Detlef Olof rein sprachlich ganz viel gelingt. Die Frage, wie der Übergangseinsiedler mit seiner Katharsis zurande kommt, wird in einer beinahe lyrischen Prosa verdichtet, mit fein ziselierten Sätzen, originellen Stilfiguren und bildhaften Beschreibungen. Bei manchen Textpassagen hat man die nebelverwaberten Szenen einer potenziellen Fernseh- oder Kinoverfilmung im Kiefernholz oben am Berg über der Adria geradezu schon vor Augen...

(S E R V I C E - Ivica Prtenjača: "Der Berg", Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. Folio Verlag, 162 Seiten; 22,00 Euro)

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