Tote Plansprachen und Fan-Poesie: Clemens Setz widmet sich Bliss & Co

In "Die Bienen und das Unsichtbare" verwebt der Grazer Autor Recherche-Ergebnisse, düstere Prosa-Miniaturen und Autobiografisches zu einem beeindruckenden Kompendium (Von Sonja Harter/APA)

Wer ein Gedicht über den Bruder von Bibi Blocksberg schreiben kann oder einem Interview-Bot die Hoheit über die eigenen Tagebücher überlässt, kann auch schon mal 400 Seiten über das lustvolle Eintauchen in die Welt (toter) Plansprachen veröffentlichen. Der Grazer Autor Clemens J. Setz schafft es mit "Die Bienen und das Unsichtbare" auch diesmal, seine Leser zu überraschen. Er nimmt sie an die Hand und macht sie mit Bliss, Esperanto oder Volapük bekannt. Und vielem dazwischen.

"Tote Plansprachen erlernen leuchtet mir innere Höhlen aus, die ich kaum kenne", schreibt der 37-jährige Setz an einer Stelle. Auch für den Leser ist das Eintauchen in die Geschichte von Plansprachen (und den liebevoll ausgearbeiteten Geschichten dahinter) immer wieder erhellend, mit fortlaufender Lektüre schleicht sich jedoch so manche Ermüdungserscheinung ein. So handelt es sich bei "Die Bienen und das Unsichtbare" doch um ein (grob gegliedertes) Kompendium aus Exzerpten aus Fachliteratur, Lyrikbänden, Wikipedia und Tagebucheinträgen des Autors. Wer also künftig mitreden will, wenn jemand über die Linguae Ignotae von Gugging, das Piktische im Werk von H.C. Artmann oder den Lebenslauf des sowjetischen Schriftstellers, Esperantisten und Blindenpädagogen Wassili Jeroschenko (bei Setz in der Schreibweise Vasilij Eroshenko) philosophiert, ist hier genau richtig.

"Aber gut, Plansprachen sind immer Autobiografien (und in ihnen verfasste Poesie ist, zumindest in Ansätzen, immer so etwas wie Fan-Fiction)", schreibt Setz, der sich in sechs Kapiteln sowohl der in den jeweiligen Sprachen verfassten Lyrik wie den Biografien der Erfinder (und Fan-Boys) widmet. Parallel zu den Lebenswegen von Charles K. Bliss bis Robert Ben Madison - der einst in seinem Kinderzimmer ein eigenes Königreich samt dazugehöriger Sprache gründete - verwebt Setz sein eigenes Leben und Leiden, etwa an einer Autoimmunkrankheit, während der er begann, Volapük zu lernen: "Meine These wäre, dass sich Menschen in solchen Krisen, in selbst verursachten Höllen, besonders danach sehnen, die Sapir-Whorf-Hypothese wäre 100 % wahr und durch einen Neustart der Sprache ließe sich auch die Wirklichkeit neustarten in ein glorreiches Zeitalter vor dem Sündenfall."

Dass es nicht immer Plansprachen sein müssen, zeigt sich bei äußerst amüsanten Anekdoten wie jener, als sich der Autor Peter Handkes Nobelpreisrede auf der Straße am iPhone anschaute und von einer haarsträubenden Live-Untertitelung ins Englische überrascht wurde - "allerdings rein phonetisch und ohne den geringsten Respekt". Und so wurde aus "aus dem Krieg. Die Person war" auf dem Setz'schen Telefon "Austin Creek depends on what". Dass es sich hier nicht um eine erfundene Passage handelt, dokumentiert Setz mit einem Screenshot.

Wie überhaupt Screenshots und Fotos (insgesamt finden sich mehrere Dutzend Abbildungen in dem Buch) immer wieder zur besseren Verständlichkeit herangezogen werden. Etwa, wenn es um jene geheimnisvollen Symbole geht, in der Plansprachen verfasst werden oder Auszüge aus historischen Wörterbüchern. Wer sich bei den zahlreichen Querverweisen auf literarische und philosophische Positionen zu verlieren droht, der vermisst in diesem Werk, das irgendwo zwischen Autobiografie, Sachbuch und Essay einzuordnen ist, allerdings eine umfassende Literaturliste. Schließlich beschreibt "Die Bienen und das Unsichtbare" eine subjektive Suchbewegung des Autors, einen intensiven Recherche- und Lernprozess, der akribisch mit unterschiedlichsten Mitteln - bis hin zur Fiktion - dokumentiert wird. Den Titel selbst hat Setz übrigens von Rainer Maria Rilke entlehnt, der 1925 an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz schrieb: "Wir sind die Bienen des Unsichtbaren." Für Setz "die beste Definition von Dichtern in erfundenen Sprachen".

Dass es immer der Erzähler selbst ist, der sich durch die Geschichte der Sprachen wühlt, macht Setz in zahlreichen autobiografischen Passagen deutlich. Diese bilden sogar teils in sich geschlossene Erzählungen wie jene, als der Autor eine stalkende Internetbekanntschaft zurückstalkt und ihrer Doppelgängerin in Graz das Leben schwer macht. Dass Setz selbst in der Sprache lebt, wird überdeutlich, wenn es etwa heißt: "Ich begann, mich leer und vektorhaft zu fühlen, wie ein Hilfsverb." Als Leser von "Die Bienen und das Unsichtbare" fühlt man sich am Ende am ehesten wie ein Beistrich in einem zu lang geratenen Satz. Gehört man hier hin? Oder vielleicht doch nicht?

(S E R V I C E - Clemens J. Setz: "Die Bienen und das Unsichtbare", Suhrkamp Verlag, 416 Seiten, 24,70 Euro. Buchpräsentationen am 29.10. im Literaturhaus Graz und am 30.11. in der Alten Schmiede Wien.)

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