Ursula Wiegeles Roman "Arigato": Familiengeschichte mit Erdbeben

Autorin verwebt Heranwachsen der Heldin mit der Geschichte der Regionen im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien - Lesung am Montag in Wien (Von Angelika Grabher-Hollenstein/APA)

Hinter Ursula Wiegeles Roman "Arigato" verbirgt sich eine österreichisch-italienische Familiengeschichte, in der für die 14-jährige Protagonistin gleich mehrfach die Erde bebt. Die in Graz lebende Autorin erzählt parallel dazu, wohlrecherchiert, von der Geschichte der Nachbarregionen in Österreichs Süden. Das sprachlich dicht gewebte Werk berichtet von der erstaunlichen Resilienz des Einzelnen, aber auch von der Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften.

Die 14-jährige Vera, Tochter einer deutschsprachigen Kanaltalerin und eines Italieners, wird nach einem Erdbeben, das 1976 ihre Heimatstadt und ihr Elternhaus zerstörte, von ihren Eltern zu ausgewanderten Verwandten nach Kärnten geschickt. Während sich die Eltern um den Wiederaufbau kümmern und davon in gelegentlichen, um Zuversicht bemühten Briefen berichten, muss sich die Schülerin in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Großonkel Hans lehnt sie ab - er schimpft in geschichtlichen Monologen verbittert auf verräterische "Wallische" und nimmt Veras Mutter die Heirat mit einem Italiener übel, für ihn ist Vera ein "Mischling". Vera hält sich darum an Tante Rosa, eine duldsame Damenschneiderin, die ihre Flucht in Besuchen beim Naturheiler und im Eierlikör sucht.

Dass Onkel und Tante sie aufgenommen haben, dafür muss sie dankbar sein, das weiß Vera. Zum Schutz und aus Widerwillen flüchtet sie sich in Tagträume, in eine Geheimsprache und in Bücher. Zunächst wünscht sie sich Häuser aus Papier, bald aber träumt sie "von einem Haus mit Wänden aus Buchstaben, Lettern aus Stahl, durch die ein warmer Frühlingswind zieht". Bei Erdstößen schaukelt das Buchstabenhaus zwar, "aber nichts zerfällt, nichts bekommt einen Riss". Gegen die Widrigkeiten des Lebens behauptet sie sich mit einer gewissen Aufmüpfigkeit und Widerständigkeit, die Überlebenden eigen ist. In der Nacht suchen Vera Albträume heim. Die Trauer um ihren Vogel Pino erscheint ihrem noch kindlichen Gemüt jener gleich um ihren Onkel Antonio. Über den Erdbeben-Tod des jüngsten Sohnes der Nonna versinkt die Großmutter in Depressionen.

Die entwurzelte Vera berichtet in Rückblenden von der Bergung der Toten, vom Leben im Zeltlager und von Touristen, die den Urlaub am Meer für ein paar Fotos von den Erdbebenopfern und -schäden nutzen. Darüber hinaus beschäftigen Vera in ihrem neuen österreichischen Wohnort neue Wörter in der deutschen Sprache, die ihr weniger offen erscheint als die italienische. Man kann Vera bei der Entwicklung eigener Gedanken, ihrem schriftstellerischen Talent und Beobachtungen der Erwachsenenwelt zusehen, aber auch im banal erscheinenden Alltag. Sie begeistert sich für die japanische Kultur, macht eine Mandel-OP bei einem Tierarzt durch, hat "Frauenprobleme" und bekommt ein Handarbeitskästchen als Entschuldigung für eine Watsche geschenkt. Außerdem ist da noch die erste Liebe zum politisch interessierten Hannes. Erschüttert wird die Welt der Heldin schließlich durch ein Familiengeheimnis, dem sie beim heimlichen Stöbern in alten Briefen auf die Spur kommt - ein Erdbeben ganz anderer Art.

Das geschilderte Familienbild ist durchdrungen von den geschichtlichen Ereignissen im Kanaltal, das nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen wurde. 1939 votierte der Großteil der Bewohner für das Deutsche Reich, viele wanderten nach Kärnten ab, auch Großonkel Hans optierte. Seine Zwillingsschwester Anna, deren Haus beim Beben kaum beschädigt wurde, blieb in Pontebba/Pontafel. Die 1963 in Klagenfurt geborene, mehrfach ausgezeichnete Autorin Ursula Wiegele erzählt in ihrem vierten Roman in starker, poetischer Sprache von den Menschen im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien, die von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts stark betroffen waren, und über das Erwachsenwerden ihrer Protagonistin.

(S E R V I C E - Ursula Wiegele: "Arigato", Otto Müller Verlag. 192 Seiten, 22 Euro. Lesung am 19. Oktober, 19 Uhr, in der Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien)

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