Weitere Kämpfe in Berg-Karabach - Armenien wendet sich an Moskau

Gegenseitige Schuldzuweisungen - Türkischer Außenminister in Aserbaidschan - Papst rief Konfliktparteien zu Verhandlungen auf - Gefechte dauern seit Ende September an

Ungeachtet neuer Vereinbarungen zur Deeskalation des Konflikts um Berg-Karabach gehen die Kämpfe in der Südkaukasus-Region weiter. Am Wochenende meldeten Armenien und Aserbaidschan jeweils neue Angriffe auf Dörfer und Städte und machten sich gegenseitig dafür verantwortlich. Angesichts der angespannten Lage bat Armenien seinen Verbündeten Russland offiziell um Unterstützung.

Zugleich reiste der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku und traf dort Präsident Ilham Aliyev sowie Außenminister Jeyhun Bayramov. Die Frage des Rückzugs Armeniens aus den besetzten Gebieten sollte am Verhandlungstisch gelöst werden, forderte Aliyev bei dem Gespräch am Sonntag. "Andernfalls werden wir die Wiederherstellung unserer territorialen Integrität mit allen Mitteln fortsetzen." Cavusoglu schrieb nach dem Treffen auf Twitter: "Die Unterstützung für unsere aserbaidschanischen Geschwister wird für immer andauern."

Am Vortag bat der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan nach Angaben seines Außenministeriums in der Hauptstadt Eriwan den russischen Präsidenten Wladimir Putin brieflich um "dringende Konsultationen" über eine mögliche Unterstützung Russlands. Paschinjan verwies demnach darauf, dass die Kämpfe in Berg-Karabach immer näher an die armenische Grenze heranrückten.

Russland hat in Armenien eine Militärbasis. Ein Vertrag regelt, in welchen Fällen Moskau seinen Verbündeten bei einer Bedrohung unterstützt. Das Außenministerium in Moskau erklärte den Angaben zufolge, Russland werde vertragsgemäß "alle notwendige Hilfe leisten", sollten sich die Kämpfe auf armenisches Gebiet verlagern.

Aliyev sagte der dem deutschen Fernsehsender ARD, er erwarte nicht, dass sich "ein drittes Land" einmische. "Wir wüssten auch nicht, welches Land sich einmischen könnte, denn die Länder um uns herum sind unsere Partner und Freunde." Aliyev meinte: "Es ist ein Kampf zwischen uns und Armenien, und alle anderen sollten sich heraushalten."

Die Behörden Berg-Karabachs warfen indes Aserbaidschan vor, gegen eine in der Nacht auf Samstag in Genf erzielte Vereinbarung verstoßen zu haben. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium wies das zurück. Unter Vermittlung der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatten beide Seiten Schritte für eine Deeskalation vereinbart.

Konkret sagten die Außenminister Armeniens und Aserbaidschans zu, Angriffe auf Wohngebiete und zivile Anlagen zu vermeiden. Zudem sollten der OSZE zufolge die Leichen gefallener Soldaten und Listen der Kriegsgefangenen ausgetauscht werden. An dem Gespräch nahmen Vertreter Russlands, Frankreichs und der USA teil. Mehrere Anläufe für eine Waffenruhe waren bisher gescheitert.

Nach Angaben des armenischen Verteidigungsministeriums wurde am Sonntag die Stadt Martuni von Aserbaidschans Armee beschossen. Am Samstag sei die Hauptstadt Stepanakert Ziel gewesen. Zudem sei ein weitere syrischer Söldner gefangen genommen worden. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium sprach von Angriffen der gegnerischen Seite auf die Stadt Terter und auf mehrere Dörfer.

Papst Franziskus rief die Konfliktparteien auf, durch Verhandlungen ein weiteres Blutvergießen zu stoppen, nannte aber keine Länder. Er sprach bei seinem Angelusgebet am Sonntagmittag von einer "tragischen Zunahme der Zahl der Opfer, der Zerstörung von Häusern, Infrastruktur und Gotteshäusern" in Berg-Karabach. Die internationale Gemeinschaft könne helfen, "aufrichtige Verhandlungen" zu führen, sagte er.

Die Gefechte dauern seit Ende September an. Der Konflikt um Berg-Karabach ist jedoch schon jahrzehntealt. Aserbaidschan hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren die Kontrolle über das Gebiet mit etwa 145.000 Bewohnern verloren. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Die Region wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan, das sich in dem Konflikt auf seinen "Bruderstaat" Türkei stützen kann. Russland ist Schutzmacht Armeniens.

(Wochenendzusammenfassung)

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