Eislady im Interview:

"Habe das Böse in mir kennengelernt"

Estibaliz Carranza im Interview über ihre Reue, ihren Sohn und ihre Zukunft.

Eine Einzelzelle im Frauengefängnis Schwarzau in Niederösterreich: Hier sitzt Österreichs wohl bekannteste Doppelmörderin, Estibaliz Carranza (36). Ihr Buch Meine zwei Leben (Verlag edition a) kam diese Woche auf den Markt. Darin beschreibt sie ihre Taten, blickt zurück auf ihr Leben. Für ÖSTERREICH am SONNTAG gab die „Eislady“ nun ein Interview über ihr ­Leben im Gefängnis. ­Carranza-Anwalt Werner Tomanek brachte die Fragen ins Gefängnis und übermittelte uns die Antworten schriftlich.

Schwierigste Aufgabe
Das Böse in ihr habe sie durch Psychotherapie überwunden, so Carranza. Die schönsten Momente erlebe sie mit ihrem Sohn Rolando, der sie einmal im Monat besuchen dürfe. Der schwierigste Moment ihres Lebens stehe ihr noch bevor – wenn sie ihrem Kind erklären muss, dass sie getötet hat. Zwei Mal .
 

"Ich würde mich Männern nicht mehr unterwerfen"

ÖSTERREICH: Wenn Sie heute an die Morde denken: Was hat Sie damals dazu angetrieben, anderen Menschen das Leben zu nehmen?
Estibaliz Carranza: Am Ende war es Wut. Ich empfand meine Beziehungen als Gefängnisse. Je besser ich es zu machen versuchte, desto schlechter haben mich meine Männer behandelt. Ich weiß heute, dass ich selbst daran schuld war. Und ich hätte sie natürlich verlassen müssen. Aber das schaffte ich nicht.

ÖSTERREICH: Sie gelten als ­gefährlich – nach wie vor. ­Verstehen Sie, dass Menschen vor Ihnen Angst haben?
Carranza: So, wie über mich berichtet wurde, ist das klar. Die Staatsanwaltschaft hat bei meinem Prozess die Bilder der sterblichen Überreste meiner Opfer gezeigt. Das hat die Einschätzung von mir geprägt. Die meisten Menschen hielten mich für etwas Schlimmeres als eine Mörderin.

ÖSTERREICH: Meinen Sie, dass Gott Ihnen je verzeihen wird? Wird es für Sie je ein ­Leben nach dem Tod im Himmel geben oder wie stellen Sie es sich vor?
Carranza: Ich spreche regelmäßig mit dem Gefängnis-Seelsorger und bete in der Kapelle. Ich versuche, mich zu verändern. Ich denke, ja, Gott wird mir vielleicht verzeihen.
 

Nächste Seite: Teil 2 des ÖSTERREICH-Interviews mit "Eislady" Estibaliz Carranza.

ÖSTERREICH: Haben Sie zuletzt im Gefängnis je daran gedacht, Ihrem Leben ein Ende zu setzen?
Carranza: Es gibt dunkle Stunden in meinem Leben, aber dann denke ich an ­meinen Sohn.

ÖSTERREICH: Viele sehen Sie als Monster. Was sehen Sie, wenn Sie sich im Spiegel ­sehen?
Carranza: Ich habe mich selbst immer eher als zurückhaltende Frau empfunden. Ich habe aber bei meiner Psychotherapie auch das Böse in mir kennengelernt. Es war kein einfacher Prozess, dem zu begegnen.

ÖSTERREICH: Sie sagen, Sie haben das Böse in sich weit­gehend bezwungen. Wie ist das gelungen?
Carranza: Indem ich zum ersten Mal in meinem ­Leben über die Dinge gesprochen habe, die in mir vorgehen, und zwar im ­professionellen Rahmen ­einer Psychotherapie.

ÖSTERREICH: Haben Sie Angst vor dem Moment, an dem ­Ihrem Kind bewusst wird, was Sie getan haben?
Carranza: Ich versuche, nicht daran zu denken. Er glaubt jetzt, dass ich in einem Krankenhaus bin. Das wird sicher eine der schwierigsten Aufgaben meines ­Lebens.

ÖSTERREICH: Wie werden Sie Ihrem Sohn die Morde erklären?
Carranza: Ich werde ihm alles so erklären, wie es war. Dass es einmal etwas Böses in mir gab und dass das jetzt verschwunden ist.

ÖSTERREICH: Beschreiben Sie Ihren Sohn – wem sieht er ähnlich, was ist das besonders Süße an ihm, was möchten Sie ihm beibringen?
Carranza: Er sieht mir sehr ähnlich, als ich selbst noch ein Kind war. Er ist sehr aufgeweckt, sehr neugierig. Es gibt eine starke Verbindung zwischen uns, trotz allem.

ÖSTERREICH: Haben Sie je gedacht, dass es unverantwortlich ist, ein Kind zu bekommen?
Carranza: Als ich schwanger wurde, war ich auf freiem Fuß, habe meine Taten verdrängt und versucht, ein normales Leben zu führen und eine Zukunft zu planen. In dieser Situation fand ich es nicht unverantwortlich. Ich dachte, dass jetzt alles gut wird. Ich hatte mir immer ein Kind gewünscht.

ÖSTERREICH: Welche sind die schönsten Momente derzeit in Ihrem Leben?
Carranza: Wenn mein Sohn einmal im Monat zu mir kommt. Es herrscht dann so etwas wie Norma­lität. Wir spielen, wie alle Mütter mit ihren Kindern spielen. Nur dass es mir jedes Mal das Herz zerreißt, wenn er wieder gehen muss.

ÖSTERREICH: Die Justiz sieht bei Ihnen Fluchtgefahr. Glauben Sie, dass Sie je aus dem Gefängnis herauskommen?
Carranza: Ohne diese Hoffnung könnte ich nicht leben. Als Erstes muss ich beweisen, dass ich nicht mehr gefährlich bin. Dann gibt es, ­irgendwann einmal, eine Chance für mich auf Freiheit.

ÖSTERREICH: Möchten Sie dann in Österreich leben oder lieber in Spanien?
Carranza: Ich würde sicher in Spanien leben.

ÖSTERREICH: Wie wichtig ist es für Sie, von Ihrem Mann in den Arm genommen, geliebt zu werden?
Carranza: Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich ohne meinen Mann tun sollte. Dabei hätte ich es wirklich verstanden, wenn er mich verlassen hätte.


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ÖSTERREICH: Meinen Sie, dass Ihr Mann auf Sie warten wird?
Carranza: Ich glaube, 
dass er das Ehegelübde, das wir uns im Gefängnis ge­geben haben, sehr ernst nimmt.

ÖSTERREICH: Wie schwierig ist die Situation für Ihren Mann?
Carranza: Er lässt es mich nicht spüren, dass sie schwierig für ihn ist. Eigenartigerweise ziehen auch in einem Leben wie dem unseren Routinen ein, die manches in gewisser Weise leichter machen.

ÖSTERREICH: Was passiert mit dem Geld, das Sie mit dem Buch verdienen? Bekommt das Ihr Sohn?
Carranza: Ich habe schriftlich auf mein Autorenhonorar verzichtet.

ÖSTERREICH: Wie sehr hat die Arbeit an dem Buch bei Ihnen alle Ereignisse noch einmal hochkommen lassen?
Carranza: Die Arbeit hatte etwas Heilendes, aber es war manchmal brutal. Brutaler als die Psychotherapie, wo man ja auch wieder einen Schritt zurück kann, wenn es zu viel wird. Aber ein Buch muss fertig werden. Wenn ich Martina (Prewein) nicht gehabt hätte, hätte ich das nie geschafft.

ÖSTERREICH: Träumen Sie je von den Morden? Und wenn ja, was träumen Sie?
Carranza: Ich habe oft davon geträumt. Indem ich meine Vergangenheit verarbeite, hört das langsam auf.

ÖSTERREICH: Hassen Sie sich selbst für das, was Sie getan haben?
Carranza: Es hätte keinen Sinn, mich zu hassen. Ich kann nur an mir arbeiten. Dazu gehört Reue, aber nicht Hass.

ÖSTERREICH: Wenn Sie Ihr Leben noch einmal von vorne starten könnten, wie würden Sie es führen?
Carranza: Ich würde von Anfang an über die Dinge sprechen, die in mir vorgehen. Ich würde mich Männern nicht mehr unterwerfen, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnen.

ÖSTERREICH: Fühlen Sie sich von der österreichischen Justiz gut behandelt?
Carranza: Die Justizwachebeamten hier im Gefängnis behandeln mich korrekt. Das Urteil, das ich bekommen habe, ist unlogisch. Entweder bin ich normal, dann ist lebenslänglich die richtige Strafe, mit der Chance auf Entlassung nach zwanzig Jahren. Oder ich bin abnorm, dann ist die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher korrekt, mit der Chance auf Entlassung nach Heilung. Aber ich wurde als ­zurechnungsfähig, aber abnorm beurteilt.

ÖSTERREICH: Was sind die besten Momente im Gefängnis – abgesehen davon, wenn Ihr Mann und Ihr Sohn Sie ­besuchen?
Carranza: Alle Besuche sind eine große Sache. Es ist wohltuend, wenn wir an einem schönen Tag spazieren gehen dürfen. Ich halte meine Zelle sehr sauber und habe mich an sie gewöhnt. Es gibt auch für mich gute und schlechte Momente, wie für jeden Menschen.

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