Waren Tatverdächtige auch Spitzel der Exekutive?

Alles zu den Razzien & Festnahmen im Ibiza-Krimi

Der Vorhang in der Ibiza-Causa fällt: Die Tätergruppe wurde am Dienstag mit Hausdurchsuchungen und mehreren Festnahmen überrascht. Manche Verdächtige dürften V-Leute der Exekutive und des BVT sein.

Am Dienstag ging's Schlag auf Schlag: Gleichzeitig durchsuchten die Ermittler der "Soko Tape" mit anderen Kriminalisten Büros und Wohnungen in Wien und Salzburg. Die Staatsanwaltschaft Wien bestätigte mittlerweile die Durchsuchungen und mindestens eine Festnahme in der Causa, diese dürfte in Salzburg stattgefunden haben.

Wie "EU-Infothek" berichtet, sollen mehrere Personen, die zum Umfeld des "Detektivs" H. gehören, betroffen sein. Darunter auch M., ein Inhaber einer Consulting-Firma, sowie dessen Assistentin R. Der Detektiv spielte in dem Skandal-Video den Dolmetscher der vermeintlichen Oligarchen-Nichte, die eine serbische Laien-Schauspielerin war. H. gab der Serbin auch immer wieder Instruktionen, wie sie Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus zu fragen hätte.

Offenbar Geld-Forderung an Strache

Die Ermittler in der Causa Ibiza gehen offenbar davon aus, dass die Hersteller des Videos Geldforderungen an den ehemaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache stellen wollten. Demnach soll der involvierte Detektiv einen Komplizen aufgefordert haben, "mindestens 400.000 Euro" für das gesamte Material zu verlangen.
 
Laut ÖSTERREICH-Recherchen war der Komplize K. des Detektivs bei Strache und wolle ihm "weitere, bislang nicht veröffentlichte Passagen" des Ibiza-Videos für eine unbestimmte Summe verkaufen. Der Mann gab an, dass Detektiv H. im Besitz dieses Materials stehe. H. wies seinen Komplizen K. an, er solle Strache zunächst keinen konkreten Betrag für das Material nennen – H. würde aber mindestens 400.000 Euro verlangen.   
 
Die Anordnung richtet sich gegen drei Schlüsselfiguren in der Affäre, die festgenommen worden sein dürften. Zwei davon sollen in Salzburg wohnhaft sein. Es handelt sich um einen 39-jährigen Österreicher mit bosnischen Wurzeln und einen 52-jährigen Serben. Sie sollen laut dem Papier der Staatsanwaltschaft die falsche Oligarchin "rekrutiert und eingeschult" und Urkunden gefälscht haben.
 
Zudem sollen die Männer die Filmaufnahmen in der Villa auf Ibiza organisiert und durchgeführt haben, um anschließend "potenzielle (Kauf-) Interessenten für die Aufnahmen vom 24. 7. 2017 zu suchen".

Sind die Tatverdächtigen V-Leute des BVT?

Weitere Infos aus den Ermittlerkreisen könnten erklären, warum bei dem Kriminalfall bisher alles sehr langsam ging: Einige der Beteiligten an der Videoproduktion seien in den vergangenen Jahren als Spitzel der Exekutive tätig gewesen, auch Detektiv H. soll bei mehreren Operationen der Kriminalisten mitgearbeitet haben (oe24 berichtete). Die Kripo hatte also das Problem, dass sie gegen ihre eigenen V-Leute ermitteln musste. Und der Verdacht kursiert, dass die möglichen Beteiligten an der Ibiza-Video-Produktion auch als V-Leute des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) tätig gewesen sein könnten.

Geldwäscherei, Erpressung, Suchtgifthandel

Die neuen, mit wesentlich mehr Engagement als zuvor geführten Ermittlungen kamen aufgrund einer 30-seitigen Sachverhaltsdarstellung eines Wiener Anwalts in Schwung: In dieser Anzeige weden den möglichen Mittätern der Ibiza-Tätergruppe nicht weniger als 12 Straftaten vorgeworfen. ÖSTERREICH hat die gesamte Liste aus der Sachverhaltsdarstellung, das sind die Straftaten, die den Beteiligten an der Video-Produktion und am Verkauf des Films vorgeworfen werden:
§ 108 Strafgesetzbuch Täuschung (ein Jahr Haft droht), §120 Missbrauch von Tonaufnahmegeräten (es droht bis zu ein Jahr Haft), § 105 Nötigung (bis zu ein Jahr Haft), § 107 Gefährliche Drohung (bis zu ein Jahr Haft), § 278 Gründung einer kriminellen Vereinigung (bis zu drei Jahre Haft drohen), § 165 Geldwäscherei (bis zu drei Jahre Haft), § 144 und § 145 Erpressung und schwere Erpressung (bis zu 10 Jahre Haft), § 127 Diebstahl (bis zu 6 Monate Haft), § 223 Urkundenfälschung (bis zu ein Jahr Haft), § 50 Waffengesetz, also unbefugter Waffenbesitz (bis zu ein Jahr Haft) und § 28 Suchtmittelgesetz, das ist der Handel mit Suchtgift (bis zu fünf Jahre Haft).

Ibiza-Krimi: Insider nannte Details

„Es sieht ganz gut aus, wir wissen schon viel“, verrät ein Insider im Innenministerium vor wengen Tagen im Hintergrundgespräch mit ÖSTERREICH einiges zu den Ermittlungen der „Soko Tape“, besser bekannt als „Soko Ibiza“. Immer besser würde sich das Motiv abzeichnen: Bei der Fallenstellung für Heinz-Christian Strache ging es „um viel Persönliches, um Rache – und auch um Geld“.

Das politische Motiv für die Video-Produktion sei „erst später dazugekommen“, sagt der Kriminalist. Und die Tätergruppe rund um den geständigen Wiener Anwalt M. hätte „ziemliche Probleme gehabt, das Video zu verkaufen, einen Hehler dafür zu finden“.

Ob schon bald die Handschellen klicken und Tatverdächtige sowie mögliche BeitragstäterInnen dieser Gruppe in Untersuchungshaft genommen werden könnten, wollte der Ermittler noch nicht sagen. Fix ist jedoch: In der Ibiza-Tragikomödie könnte schon bald der Vorhang für die ganze Tätergruppe fallen.

„Operative Ebene“ des 
Ibiza-Coups jetzt bekannt

Der mutmaßliche Täterkreis, der bei der Planung und Produktion des Ibiza-Videos involviert war, ist jedenfalls auch durch eine neue Zeugenaussage vor der „Soko Tape“ besser bekannt geworden. Dieser Zeuge redete auch mit ÖSTERREICH über die neun involvierten Personen, für die alle die Unschuldsvermutung gilt:

Anwalt M., in dessen Wohnung in Wien-Währing wurde bei einer Hausdurchsuchung im August auch Kokain gefunden, er gilt als einer der mutmaßlichen Drahtzieher. M. hat bereits ein Geständnis abgelegt, das Kokain „gehöre aber nicht ihm“. Das wirft wieder eine Frage auf: Wem dann? Einer Mitbewohnerin?

Krone-TV-Moderatorin W. hat nun gegenüber ÖSTERREICH zugegeben, auch kurz vor der Veröffentlichung des Ibiza-Videos und auch danach Kontakt mit Anwalt M. gehabt zu haben. Über ihren Krone-Job kam sie ab 2018 immer wieder zu Treffen mit Ex-Vizekanzler Strache und Sebastian Kurz. Sie erfuhr viel über die damals gute Zusammenarbeit der beiden – und über wichtige Pläne der türkis-blauen Koalition, etwa zum „ORF neu“. W. wird seit kurzem auch vom Anwalt Straches beschuldigt: Sie hätte bereits 2015 erwähnt, dass sie den Kauf einer angeblich mit Kokainspuren belasteten Haarlocke von FPÖ-Chef Strache vermitteln könnte.

Eine gute Bekannte der Krone-TV-Lady ist die schöne Wiener Immobilienmaklerin und Party-Managerin M. Wie es der Zufall will, hat sie Johann Gudenus mit einem vorgespielten Grundstück-Deal mit der späteren „Oligarchin“ bekannt gemacht, die tatsächlich eine Serbin ist. Die Maklerin war bis 2015 eine sehr, sehr gute Freundin von Gudenus, dann des Ex-FPÖ-Chefs, bevor Strache seine jetzige Gattin Philippa kennenlernte. Sowohl diese Luxus-Immobilien-Dealerin als auch deren späterer Ehemann, ein Multi-Millionär, machten wenig Hehl aus ihrem Hass gegenüber Strache.

In dieser Clique wurde auch immer wieder R. gesehen, der Polizist und langjährige Sicherheitschef des FPÖ-Chefs, der absolutes Vertrauen zu ihm hatte. Er soll die Gruppe mit Infos über Heinz-Christian Strache versorgt haben, dann soll er die (gefälschten?) Spesenbelege des Vizekanzlers vor der Nationalratswahl im Herbst an Anwalt M. übergeben haben. Der auffallend luxuriös lebende Sicherheitschef R. hatte über Anwalt M. auch Kontakt zu Detektiv H..

Detektiv H. war im Sommer 2017 der Begleiter und Instruktor der Serbin, die sich in der Finca in Ibiza als Oligarchin ausgegeben hat. H. führt eine Sicherheitsfirma, in der auch Anwalt M. als Jurist genannt wird. Diese Firma beschäftigte auch Ex-Heeresnachrichtendienstler und Ex-Offiziere serbischer Spezialeinheiten aus dem Balkankrieg, und sie übernahm Aufträge der österreichischen Exekutive. ÖSTERREICH hat das bereits dokumentiert. Mit Anwalt M. hat der Detektiv eine Firma in Bosnien, die laut Google-Maps in einer aufgelassenen Tankstelle bei Brcko untergebracht ist.

Wie Anwalt M. war auch sein Anwalts-Kollege Konzipient bei einer bekannten Wiener Rechtsanwaltskanzlei, deren Eigentümer eine große Nähe zur SPÖ hat. Er war monatelang Chef der „Sektion ohne Namen“ der SPÖ, ebenso Kronzeuge in der Alpbach-Grapsch-Affäre um Peter Pilz (drei Monate nach dem Ibiza-Dreh 2017) und wurde auch von der „Soko Tape“ einvernommen: Zwei Bekannte von ihm, ein Mitglied dieser Sektion und dessen Lebensgefährte, haben ja auf das Ende der schwarz-blauen Regierung Mitte Mai 600 € bei einem Wettbüro gesetzt.

Zu diesen Verbindungen wurde von der „Soko“ im Oktober ein weiterer Zeuge einvernommen. Der erinnerte auch an einen weiteren Tatverdächtigen aus der „Sektion ohne Namen“ der SPÖ: Dieser junge Video-Künstler mit iranischen Wurzeln nahm sich nur zwei Monate nach dem Dreh des Ibiza-Videos das Leben. Sein Bruder dementierte im Gespräch mit ÖSTERREICH aber jeden Zusammenhang mit dem Krimi: „Das war eine Privatsache.“ Die „Soko Tape“ ging der Sache trotzdem nach, es fand im Sommer sogar eine Hausdurchsuchung in der elterlichen Wohnung des Video-Künstlers statt.

Zu den möglichen Auftraggebern fehlen aber weiterhin entscheidende Hinweise.


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