Schavan arbeitete wie Hahn

Plagiatsaffäre

Schavan arbeitete wie Hahn

Weber: In Österreich "Mischung aus Augenverschließen und Nicht-in-die-Vergangenheit-gehen-Wollen" - Hrachovec: Hahn-Arbeit hat nicht einmal Plagiats-Niveau.

Parallelen zwischen den Doktorarbeiten der deutschen Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und des ehemaligen österreichischen Wissenschaftsminister und aktuellen EU-Kommissars Johannes Hahn (V) sehen der Plagiatsexperte Stefan Weber und der Gründer der "Initiative für Transparenz in der Wissenschaft", Herbert Hrachovec. Die Arbeitsweise der beiden sei durchaus ähnlich gewesen - unterschiedlich sei dagegen der Umgang der Unis mit den Angelegenheiten.

"Hätte die Universität Düsseldorf Hahn den Doktortitel aberkannt? Ja", so Weber zur APA. In Österreich habe dagegen die Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI) 2011 nur festgestellt, dass es sich bei der Arbeit Hahns um kein Plagiat handle, weil heute nicht mehr zu verifizieren sei, ob die Arbeit damals den an der Uni Wien geltenden Standards entsprochen habe. "Ich habe mir daraufhin die wissenschaftliche Methodenliteratur der 70er-Jahre besorgt: Man war damals genau so streng wie heute." Das zeige auch das an der Uni Düsseldorf im Zuge des Verfahrens aufgetauchte Büchlein über die wissenschaftlichen Zitierregeln zu Schavans Uni-Zeit.

"Damit hat man beweisen können, welche Regeln damals gegolten haben. Das war quasi der Todesstoß für Schavan", so Weber. "In Österreich hat man dagegen in einer Mischung aus Augenverschließen und Nicht-in-die-Vergangenheit-gehen-Wollen gar nicht das Bedürfnis gehabt zu recherchieren. Man hat einfach gesagt, die Zitierregeln waren damals anders und auf meine Aufforderung hin nicht einmal versucht, das zu erheben."

Dabei sehen Hrachovec und Weber auffällige Parallelen zwischen Schavans und Hahns Arbeit - sowohl was die Entstehungszeit als auch die Abläufe angeht. "Man zitiert zunächst korrekt einen Absatz eines Autors, dann schreibt man nach dem Ende des Zitats aber weiter ab und zitiert das nicht mehr", so Hrachovec. "Man 'vergisst' also, an der richtigen Stelle das Anführungszeichen abzuschließen. So entsteht der Eindruck, der Rest stammt vom Dissertanten, obwohl der eigentlich nur fünf Sätze mehr ungekennzeichnet übernimmt." Zweck: "So wird der Eigentextanteil fiktiv erhöht und beim Leser der Eindruck erweckt, dass interpretiert wird", meinte Weber.

Im Einzelnen gebe es aber Unterschiede: "Hahn hat am Stück mehr abgeschrieben, Schavan aber mehr Einzelstellen und Autoren nicht genannt", so Weber.

Hrachovec tut sich im Unterschied zu Weber aber schwer, Hahns Arbeit ein Plagiat zu nennen: "Die Arbeit ist derartig mies, dass sie kein Plagiatsniveau hat. Das ist abgeschrieben von vorne bis hinten." Hahn habe nicht versucht, seine eigene Leistung anstelle anderer Autoren zu setzen, sondern nur schlecht ausgewiesen, von wo er abgeschrieben habe. "Ob man das als Plagiat bezeichnen kann, ist die Frage - juristisch wohl schon, aber bei mir sträubt es sich, weil die Quelle ja irgendwie schon angegeben ist."

Sowohl Hrachovec als auch Weber sehen Kulturunterschiede bei der Behandlung von Plagiaten zwischen Österreich und Deutschland: Im Fall Schavan hätten engagierte Internet-Nutzer versucht, durch das Zusammentragen von Büchern und Digitalisierung der Quellen Beweise zusammenzutragen, so Hrachovec: "Das Schavanplag ist hochprofessionell. Wenn man das sieht, ist das natürlich auch für die Uni überzeugend." In Österreich habe man dagegen im Fall Hahns nie eine kritische Masse erreicht. "Und die Uni Wien hat zunächst schon alles getan, um Hahn zu schützen. Das hat auch was mit patriarchalen und hierarchischen Zuständen zu tun. Man kann den Minister, von dem man abhängig ist, nicht bloßstellen. In Deutschland sind die Unis dagegen Landessache."

Weber kann sich auch vorstellen, dass bei Schavan der Verzicht der Uni auf Beiziehung von externen Gutachtern ein entscheidender Faktor war. "Ein externes Gutachten führt oft dazu, dass die Sache verharmlost wird. Das macht meist ein emeritierter Professor, der ein ähnliches Vorgehen in seiner eigenen Zeit mindestens 20 Mal durchgehen lassen hat. Außerdem sind das meist hochgradig vernetzte Wissenschafter, die einem anderen nicht ans Bein pinkeln wollen."

Große Hoffnungen auf eine Kulturänderung in Österreich macht sich Weber derzeit nicht. "In Österreich scheint das niemanden zu interessieren - zumindest nicht die Unis." Er bekomme etwa pro Woche zwei Anfragen von Personen, die Arbeiten überprüft haben wollen - "aber institutionell herrscht das große Schweigen". Er plädiert daher für Plagiatsbeauftragte an jeder Uni - ähnlich jenen für Gender Mainstreaming, die ja auch finanziert würden.

In Österreich kümmert sich seit 2009 die OeAWI um Verdachtsfälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Zwischen der Gründung der Einrichtung 2009 und Ende 2012 wurden 60 Anfragen an die Agentur herangetragen, in 21 wurde ein Verfahren eingeleitet. 2012 gab es 14 Anfragen, in sechs Fällen wurde ein Verfahren eingeleitet, das ist ein Rückgang gegenüber dem bisherigen "Rekordjahr" 2011 mit 30 Anfragen und neun eröffneten Verfahren. Die Agentur beschäftigt sich vorwiegend mit Publikationen in wissenschaftlichen Journalen und nur in den seltensten Fällen mit Dissertationen, betont Geschäftsstellen-Leiterin Nicole Föger gegenüber der APA. Für diese seien die Unis nämlich selbst zuständig.

An der Uni Wien, der größten Hochschule des Landes, werden etwa 5.000 wissenschaftliche Arbeiten pro Studienjahr zur Beurteilung eingereicht. Ein Plagiatsverfahren wegen Erschleichung der Beurteilung einer wissenschaftlichen Arbeit wurde zwischen dem Beginn der elektronischen Plagiatsprüfung (2005/06) und Ende 2012 in 31 Fällen eingeleitet. 16 Personen wurde der akademische Grad aberkannt.

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