So kaputt sind unsere Schulen

Neue Serie zum Schulstart

So kaputt sind unsere Schulen

Neun Wochen lang konnten sie dem Sommer in vollen Zügen genießen. Ab morgen aber beginnt für 474.500 Schülerinnen und Schüler in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland wieder der „Ernst des Lebens“. Am Montag nämlich beginnt die Schule wieder.

Schüler im Westen 
starten am 11. September

Eine Woche können die Kinder und Jugendlichen im restlichen Land noch ausspannen. Für die 643.500 Schüler geht es erst am 11. September wieder in die Schulen zurück. Insgesamt 88.500 werden in diesem Schuljahr das erste Mal überhaupt die Schulbank drücken.

Andreas Salcher © zvg
Schul-Papst Andreas Salcher im Talk: "Skandal: Jeder fünfte 15-Jährige kann nicht lesen"

 

Salcher: "Eltern, glaubt an eure Kinder"

Der "Schul-Papst" Andreas Salcher im großen Interview.

ÖSTERREICH: Was wünschen Sie sich am dringendsten von der nächsten Regierung für den Schul- und Bildungsbereich?

Andreas Salcher: Die ideologischen Grabenkämpfe und Blockaden der Interessenvertretungen haben grundlegende Reformen seit Jahrzehnten verhindert und müssen endlich überwunden werden. Denn wir werden einige heilige Kühe opfern müssen, um vom zweitteuersten Schulsystem der EU zum besten zu werden. Das bedeutet z. B. die Halbierung der Gruppengrößen in den Kindergärten und die akademische Ausbildung der Kindergartenpädagogen; Vorschulen, in denen Deutsch vor Schuleintritt vermittelt wird; verpflichtende echte Ganztagesschulen sind die einzige Chance für Kinder aus bildungsfernen Familien; eine neue Pädagogik, die technologischen Fortschritt mit persönlichem Coaching kombiniert.

ÖSTERREICH: Was liegt bei uns am meisten im Argen?

Salcher: Wenn wir unsere Schulen neu gründen würden, käme wohl niemand auf den Gedanken, die Schüler in 50-Minuten-Einheiten in 14 bis 22 Fächern zu unterrichten, die seit 100 Jahren unverändert sind. Mit öffentlichen Schulen, die nur halbtags geöffnet sind und in denen in Summe vier Monate kein Unterricht stattfindet, einer völlig unzureichenden Lehrerweiterbildung sowie einer demotivierenden Schulkultur für Lehrer und Schüler wird sich dieser Trend weiter verschärfen. Es ist ein Skandal, dass jeder fünfte Fünfzehnjährige nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen kann. Die Sozial- und Gesundheitskosten werden explodieren, weil man jeden fünften jungen Menschen im Schulsystem völlig vernachlässigt, um ihn danach 60 Jahre erhalten zu müssen. Das ist ziemlich dumm.

ÖSTERREICH: Welche Länder würden Sie in Sachen Schule und Bildung als vorbildlich bezeichnen?

Salcher: In Kanada sprechen die Kinder der Einwanderer nach Abschluss der Schulzeit besser Englisch bzw. Französisch als die Einheimischen. Das zeigt, welche positive Wirkung ein gutes Schulsystem haben kann. Bei uns können die Kinder der dritten Einwanderungsgeneration schlechter Deutsch, als die der zweiten. Das sagt alles.

ÖSTERREICH: PISA zeigt einen immer stärkeren Rückfall von Kindern bildungsferner Eltern. Was kann man dagegen tun?

Salcher: Viele Eltern verlieren zunehmend ihr Vertrauen ins öffentliche Schulsystem. In Wien besucht bereits jeder fünfte Schüler eine Privatschule! Ich bin durchaus für Privatschulen, weil sie den Eltern mehr Wahlmöglichkeiten bieten und den Veränderungsdruck erhöhen. Aber die Zukunft für ein kleines Land kann nur in einem öffentlichen Schulsystem liegen, das die Lebenschancen von Kindern nicht systematisch zerstört, nur weil sie am „falschen“ Ort geboren wurden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass idealistische bildungsaffine Eltern ihre Kinder in Schulen mit hohem Anteil an Migrantenschulen geben oder dazu gezwungen werden können. Wenn wir wollen, dass bildungsferne Schüler nicht verloren gehen, brauchen wir eine neue am einzelnen Schüler orientierte Pädagogik statt unrealistischer Lehrpläne.

ÖSTERREICH: Sie kommen gerade von einer Studienreise aus dem Silicon Valley. Was bedeutet die digitale Revolution für unser Schulwesen?

Salcher: Die Welt teilt sich in die Lerner und die Nicht-Lerner ein. Österreich verharrt schon viel zu lange zögernd vor der Weggabelung zwischen den lernenden und den nicht-lernenden Nationen. Wie die Zukunft aussehen wird, weiß natürlich niemand. Eines scheint jedenfalls sicher: Künstliche Intelligenz schlägt menschliche Dummheit. Kinder, die nicht lesen können, werden chancenlos gegen Computerintelligenz sein und keine Arbeit finden. Tafel und Kreide, veraltetes Schulwissen, das in Frontalvorträgen vermittelt wird, sind keine gute Vorbereitung auf eine Welt in der Kreativität, emotionale Kompetenzen und Problemlösungsfähigkeit gefordert sein werden. Wer sein Leben dagegen als ständiges Lernprogramm versteht, der kann optimistisch in die Zukunft blicken.

ÖSTERREICH: Wenn Sie zum Bildungsminister berufen würden, was wären Ihre ersten drei Maßnahmen?

Salcher: 1. Einen nationalen Konsens erreichen, dass wir innerhalb von fünf Jahren die besten Kindergärten der Welt schaffen wollen. 2. Die sofortige Abschaffung der Fünfzig-Minuten-Stunde. Diese ist der natürliche Feind von schülerorientiertem lernen. 3. Den Lehrerberuf ins 21. Jahrhundert bringen, mit zeitgemäßen Arbeitsplätzen, Befreiung von unnötiger Bürokratie, Aufstiegschancen und exzellenter Weiterbildung.

ÖSTERREICH: Was ist Ihr wichtigster Rat an Eltern zu Schulbeginn?

Salcher: Glaubt an die Fähigkeiten eurer Kinder.

Interview: Ch. Hirschmann

Sonja Hammerschmid © APA/ Neubauer

Ministerin: "Gratis-Essen in den Ganztagsschulen"

ÖSTERREICH: Die Schule startet am Montag in Ostösterreich. Was sind Ihre Pläne?

Sonja Hammerschmid: Zum einen setzen wir das Schulautonomie-Paket um, zum anderen wollen wir die Betreuungsquote in der Ganztagsschule von 20 auf 40 % erhöhen. 750 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung, die für die Standorte zur Abholung bereitliegen.

ÖSTERREICH: Was soll damit finanziert werden?

Hammerschmid: Vor allem der Ausbau der Standorte. Dort soll es ja auch Mittagessen und adäquate Freizeitangebote geben.

ÖSTERREICH: Alles kostenlos?

Hammerschmid: In diesem Paket ist eine soziale Staffelung vorgesehen. Aber in Zukunft muss die Ganztagsschule kostenlos sein. Denn viele Eltern aus sozial schwachen Familien genieren sich die Förderungen abzuholen. Das heißt, es kommen erst recht diese Kinder nicht in die Schule.

ÖSTERREICH: Sie fordern auch 5.000 neue Lehrer für die Schulen, aber Finanz­minister Schelling hat das als „Wahlkampftaktik“ bezeichnet und abgewunken ...

Hammerschmid: Wir lassen sicher nicht locker. Der Herr Finanzminister kann nachlesen, dass wir bereits im Frühling begonnen haben, daran zu arbeiten. Da war von Wahlkampf noch gar keine Rede. Es hat ja auch nicht die SPÖ die Wahl veranlasst. Wir dürfen da nicht warten, das gehört umgesetzt.

ÖSTERREICH: Sie wollen, dass die Kinder vor Schuleintritt Deutsch können müssen. Was passiert mit den Kindern, wenn das nicht der Fall ist?

Hammerschmid: Die 5.000 Lehrer mehr sind hier eine sehr gute Initiative, die ein Stück weit Abhilfe schaffen können. Mit dem Integrationstopf haben wir auch zusätzliche Pädagogen, die jetzt schon an den Schulen sind. Aber auch Familienministerin Karmasin muss hier schnellstmöglich handeln. Denn die Vereinbarung zum Ausbau der Kindergärten läuft mit Jahresende aus. Hier ist es hoch an der Zeit, Qualitätskriterien wie den Spracherwerb im ausreichenden Ausmaß zu definieren, damit Defizite erst gar nicht auftreten.

ÖSTERREICH: Und wenn die Kindergärten diese Vorgabe nicht erfüllen?

Hammerschmid: Dann wird das Konsequenzen haben, die man sich mit den Kindergärten gemeinsam überlegen muss. Debora Knob

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