Wrabetz:

ÖSTERREICH-Sommergespräch

Wrabetz: "Spüre sehr viel Kraft in mir"

Der ORF-Boss im großen ÖSTERREICH-Interview über seine neue Amtszeit.

Das Beachvolleyball-Wochenende am Wörthersee kann ORF-General Alexander
Wrabetz heuer nicht ganz so entspannt genießen wie sonst. In zwei Tagen fällt die Entscheidung über seine Zukunft. Zwar scheint die Wahl des neuen ORF-Chefs nur mehr reine Formsache zu sein – doch Wrabetz weiß: Im ORF hat es immer Überraschungen gegeben.

Im Interview mit ÖSTERREICH gibt sich Wrabetz selbstbewusst wie schon lange nicht in den abgelaufenen fünf Jahren seiner ersten Amtszeit.

Leistungsbilanz

Nicht ganz unverständlich: Noch vor Kurzem hätte kaum einer auf seine Wiederwahl gesetzt – jetzt ist er konkurrenzlos. Wrabetz schiebt das natürlich nicht dem Polit-Schacher im Vorfeld der Wahl zu, der sogar seinen einzig aussichtsreichen Gegner, RTL-Boss Gerhard Zeiler, resignieren ließ, sondern nur seiner Leistungsbilanz: dass er den ORF wieder in die schwarzen Zahlen geführt hat, dass er die Talfahrt bei den Marktanteilen stoppen konnte.

Neue Shows und Sender

Gegenüber ÖSTERREICH legt er seine spektakulärsten Pläne für seine zweite Amtszeit offen: Wrabetz plant einen eigenen österreichischen Kinderkanal, den neuen Kultur-Spartensender ORF 3, neue Shows, Doku-Projekte, eine bessere Info-Schiene am Morgen und auch die Fortsetzung von Dancing Stars.

Frau als Info-Chefin
Und er kündigt eine Frau als Informationsdirektorin an. Drei Kandidatinnen gibt es – dem Vernehmen nach zwei aus Deutschland und eine aus Österreich. Die wird freilich noch nicht am Dienstag, sondern erst am 15. September vom Stiftungsrat bestellt.

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ÖSTERREICH: Darf man schon zur Wiederwahl gratulieren?
ALEXANDER WRABETZ: Schön langsam, bitte. Die Wahl ist Dienstag. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich gewählt werde, ist sehr groß – aber beim ORF sind immer wieder Überraschungen möglich, wie man auch bei meiner Wahl gesehen hat.
ÖSTERREICH: Sie treten als Einziger gegen vier Nobodys an.
WRABETZ: Ich war selbst überrascht darüber, dass sich kein ernst zu nehmender Gegenkandidat gefunden hat. Das gibt mir aber die Chance für eine möglichst breite Mehrheit, um die ich mich bewerben will. Ich hatte beim letzten Mal 20 Stimmen – wenn es Dienstag mehr werden, dann wäre das ein schöner Erfolg.
ÖSTERREICH: Rechnen Sie auch mit den Stimmen der ÖVP?
WRABETZ: Ja, mit einigen! Ich höre von mehreren ÖVP-nahen Stiftungsräten, dass sie ­eine Stimme für mich sehr ernsthaft überlegen. Es gibt ja keinen mit großen Chancen ausgestatteten Gegenkandidaten. Ich glaube, ich kann eine gute Bilanz vorlegen. Ich habe das Unternehmen zurück in die schwarzen Zahlen geführt, der ORF ist Marktführer in allen Bereichen. Eine Bilanz, bei der ein Generaldirektor in jedem Unternehmen normalerweise im Job verlängert wird.
ÖSTERREICH: Ihre Vorgänger Bacher, Zeiler und Lindner übten alle heftige Kritik an Ihrer Wahl. Es handle sich um „politisches Geschacher“.
WRABETZ: Vielleicht erinnert sich mancher der Genannten an seine eigene Wahl und welche Rolle die Politik damals gespielt hat. Ich glaube, da hätte jeder von den dreien viel zu erzählen. Natürlich war das ganze politische Theater vor dieser Wahl für das Unternehmen nicht erfreulich, aber ich werde in meiner zweiten Amtszeit weiterhin beweisen, dass der ORF politisch absolut unabhängig ist. Es gibt ja schon jetzt keinerlei Kritik an der Unabhängigkeit unserer Information oder auch an der Bissigkeit unserer Comedys. Ich werde auch in der Auswahl meines Teams zeigen, dass der ORF politisch breit und ausgewogen, vor allem aber kompetent aufgestellt ist.
ÖSTERREICH: Können Sie Ihr Team schon jetzt ansagen?
WRABETZ: Zwei Mitglieder meines Teams werden weiter bestellt werden: Karl Amon soll seinen Job als Radio-Direktor weitermachen – und Richard Grasl soll kaufmännischer Direktor bleiben. Die anderen beiden – Technischer Direktor und Fernseh-Direktor – nenne ich noch nicht. Da gibt es mehrere KandidatInnen.
ÖSTERREICH: Die ÖVP wollte Richard Grasl als Fernseh-Direktor bestellt sehen …
WRABETZ: Das wäre nicht sinnvoll, weil er in seinen kaufmännischen Job hervorragend eingearbeitet ist und eine ganz wichtige Säule des Unternehmens ist. Mein oberstes Ziel ist es, als Fernseh-Direktorin eine Frau zu bestellen. Ich habe dafür drei Möglichkeiten – aus Österreich bzw. dem deutschsprachigen Ausland. Die künftige Fernseh-Direktorin wird von mir ganz persönlich ohne jeden politischen Zuruf bestellt – und sie soll auch ein Zeichen sein, dass wir die po­litische Unabhängigkeit im ORF als wichtigstes Ziel haben.
ÖSTERREICH: Dennoch: Ist es nicht ein Armutszeugnis für den ORF, dass sich für die Wahl kein einziger Spitzenmanager beworben hat. Gerhard Zeiler sagte, er würde den Job gerne machen – aber dieses Polit-Geschacher tut er sich nicht an.
WRABETZ: Erstens: Gerhard Zeiler hat im Vorfeld seiner Bewerbung ausschließlich mit politischen Parteien gesprochen – da gerät man natürlich in ein politisches Theater. Hätte er – wie ich – mit den zuständigen Stiftungsräten gesprochen, hätte er wahrscheinlich einen anderen Eindruck gewonnen. Ich glaube, Gerhard Zeiler muss einem nicht leidtun – so schlimm ist es bei RTL wieder auch nicht. Er verdient vermutlich das Zehnfache von mir.
ÖSTERREICH: Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man so wie Sie monatelang politisch befetzt worden ist? Sie wurden als „Totengräber“ des ORF bezeichnet, als „Apparatschik“.
WRABETZ: Ist man am Ende erfolgreich, vergisst man so was rasch. Das ist ein wunderbares Unternehmen und ein wunderbarer Job. Sie können nirgendwo in diesem Land so viel bewegen wie im und mit dem ORF. Da nehme ich ein paar böse Worte gerne hin.
ÖSTERREICH: Heißt das, es macht Ihnen nichts aus, der Watschenmann der Medienpolitik zu sein? Das perlt alles an Ihnen einfach ab?
WRABETZ: Das perlt am Ende des Tages alles bei mir ab. Es ärgert mich im Moment – aber am Ende zählt der Erfolg. Ich bin jetzt zwölf Jahre in Spitzenfunktionen in diesem Haus – ich habe schon viele kommen und gehen gesehen.
ÖSTERREICH: Sie haben in diesen fünf Jahren nie gedacht: Ich hau den Hut drauf?
WRABETZ: Im Gegenteil. Meine Reaktion war immer: Denen zeig ich’s! Und von wegen „Totengräber“: Vor drei Jahren haben alle gesagt, der ORF wird 2010 bankrott sein, er wird ein AUA-Schicksal erleiden. Keine Rede davon. Wenn ich heute Bilanz ziehe, kann ich mit Stolz sagen: Ich habe die Rahmenbedingungen für einen langfristig gesunden ORF geschaffen und mitten in der Finanzkrise den Turnaround geschafft. Der ORF ist wieder in den schwarzen Zahlen, darauf hätte vor drei Jahren keiner gewettet.
ÖSTERREICH: Geschafft haben Sie das mit einem 50-Millionen-Geschenk der Regierung. Das kann jeder – oder?
WRABETZ: Stimmt nicht. Die 50 Millionen fließen komplett in Filmförderung, Orchester, ORF III etc. Und geschafft hätten wir den Turnaround auch ohne die Millionen. Wir haben 500 Mitarbeiter abgebaut – sozial verträglich – und die Kosten um 70 Millionen Euro gesenkt.
ÖSTERREICH: Sie präsentieren Dienstag also eine Jubelbilanz?
WRABETZ: Ich präsentiere einen ORF in den schwarzen Zahlen, mit über 2 Millionen Euro Gewinn im ersten Halbjahr. Und ich präsentiere einen ORF, der mit 38 % Marktanteil trotz verdoppelter Konkurrenz Marktführer ist. Auch online hat in Europa nur die BBC bessere Werte. Dazu kommen zahlreiche Programm-Innovationen. Wir haben mit „Willkommen Österreich“ die beste Late-Night-Comedy im deutschen Sprachraum, mit „Wir sind Kaiser“ eine Kultmarke, mit „Schnell ermittelt“ einen neuen österreichischen Krimi-Erfolg. Dazu sind wir in der Information besser aufgestellt denn je.
ÖSTERREICH: Sie haben auch mitten in der Amtszeit Ihren wichtigsten Mitarbeiter, den Info-Direktor, gefeuert.
WRABETZ: Ich hatte mit Elmar Oberhauser einen Loyalitätskonflikt – und heute zeigt sich, dass es völlig richtig war, sich von ihm zu trennen. Alle Befürchtungen, die Information des ORF oder der Sport könnten zusammenbrechen, haben sich als falsch herausgestellt. Die neuen Chefs der Information, gegen die so vehement gezetert wurde, erweisen sich als goldrichtige Entscheidungen. Man muss in einer Führungsfunktion auch harte Entscheidungen treffen. Und das hab ich in der Causa Oberhauser getan.
ÖSTERREICH: Irgendwie ist der ORF ja ein Intrigantenstadl …
WRABETZ: Die Gefahr für einen Intrigantenstadl hat bestanden – deshalb hab ich schnell gehandelt.
ÖSTERREICH: Was versprechen Sie für Ihre zweite Amtszeit?
WRABETZ: Zunächst eine Offensive für noch mehr öffentlich-rechtliche Information, zum Beispiel durch eine bessere Früh-Information
ÖSTERREICH: Das heißt Frühstücksfernsehen?
WRABETZ: Nein, das heißt es nicht. Drei Stunden durchgehendes Frühstücks-TV können wir uns bei unseren Qualitätsansprüchen finanziell nicht leisten. Aber es wird mehr Früh-Informationssendungen geben. Dann wollen wir die Dokumentationen stärken. Wir wollen ein großes Projekt „Österreich von 1950 bis 2000“ starten und mit einem Österreich-Bus wie ein elektronisches Nationalarchiv die Erinnerungen der Österreicher als Zeitzeugen einsammeln. Ich will die „Donnerstag Nacht“ weiter stärken – etwa mit einer neuen Show namens „Staatskünstler“ mit Palfrader & Co. Es wird weitere große Shows geben – auch wieder „Dancing Stars“. Ein ORF 3 kommt als eigener Spartensender für Kultur und Information, aber auch mit vielen neuen Formaten. Wir werden Sport plus zu einem eigenen 24-stündigen Sportkanal ausbauen. Ein ganz großes Ziel von mir ist es, einen eigenen österreichischen Kinder-Kanal zu starten. Das soll ein KiKa Österreich werden. Wir werden dabei das Programm von KiKa übernehmen und mit zwei Stunden ­österreichischem Kinderprogramm ausbauen.
ÖSTERREICH: Das geht, ohne Gebühren zu erhöhen?
WRABETZ: Eine Erhöhung der Gebühren wird es nicht geben, natürlich muss irgendwann eine Valorisierung kommen, wir haben ja seit 2008 die Gebühren nicht mehr der Inflationsrate angepasst.
ÖSTERREICH: Wird das Ihre letzte Amtszeit – oder kandidieren Sie 2016 zum dritten Mal?
WRABETZ: Rechtlich könnte ich das, richtig. Aber daran jetzt zu denken, wäre keck.
ÖSTERREICH: Sie sind nach fünf Jahren Höllenjob am Kü­niglberg nicht müde?
WRABETZ: Im Gegenteil: Ich bin hoch motiviert und spüre viel Kraft. Ganz ehrlich: Vor drei Jahren hätte doch kaum einer einen Euro auf mich für eine zweite Amtszeit gewettet. Und jetzt habe ich die Chance auf eine sehr breite Mehrheit. Das ist doch ein motivierendes Gefühl, gegen alle Wetten Erfolg zu haben!

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