Das große oe24.TV-Interview

Bierlein: "Keine Sorge wegen Rezession"

Kanzlerin Brigitte Bierlein im ersten Interview auf oe24.TV mit ÖSTERREICH-Chef Wolfgang Fellner.

oe24.TV: Sie haben als Kanzlerin 16- bis 18-Stunden-Tage, meistens sieben Tage die Woche, am Wochenende Eröffnungen, Veranstaltungen, Festspiele … Aber man sieht Ihnen gar nichts an, Sie blühen auf.
 
Brigitte Bierlein: Vielen Dank. Ich bin gewohnt, viel zu arbeiten, es macht mir auch Freude, es ist eine spannende Herausforderung. Und ich habe das Glück, gute Gene geerbt zu haben. Ich erfülle das, wie wir alle in der Regierung, mit großer Demut und mit großem Verantwortungsbewusstsein.
 
oe24.TV: Wie erleben Sie den Job? Ist es herausfordernder, als Sie gedacht hätten, oder ist es eh einfacher, weil sie sich ein super Team gebaut haben, sehr gute Berater, sehr gute Minister?
 
Bierlein: Es ist natürlich herausfordernder, ich habe das Glück, ein hervorragendes Kabinett zu haben. Ich habe das Glück, mit Ministerinnen und Ministern zusammenarbeiten zu dürfen, einen Vizekanzler, mit dem ich mich sehr, sehr gut verstehe. Wir haben untereinander ein hervorragendes Klima, wir unterstützen einander, das Haus ist ja hervorragend geführt, auch das Kanzleramt. Ich habe wirklich hier die besten Bedingungen vorgefunden, aber natürlich sind verschiedene Herausforderungen anstehend gewesen, ich denke in etwa an die europäischen Dimensionen oder ähnliche Dinge.
 
oe24.TV: Was ist denn das Schwierigste in dem Job, wenn man so als Neuer komplett hineinkommt, der noch nie in der Politik war?
 
Bierlein: Eine Herausfor­derung war sicher der Gipfel in Brüssel. 19 Stunden im Durchmarsch, das war sehr spannend. Ich bin sehr froh, dass das Personalpaket mit der Präsidentin Von der Leyen dann beschlossen werden konnte. Ich bin auch sehr froh, dass wir den Kommissar Hahn einstimmig im Hauptausschuss des Parlamentes beschließen konnten. Es sind einige Dinge gut auf dem Weg gebracht worden, von denen ich gar nicht gerechtet habe, dass das so rasch und glatt geht.
 
oe24.TV: Sie haben neue Signale gesetzt, zum Beispiel den Dialog im Kanzleramt. Sie laden Interessengruppen ein, Prominente, Künstler, Wirtschaftsbosse … Ist das ein Markenzeichen Bierlein?

Bierlein: Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich pflege wirklich mit allen Berufsgruppen den Dialog, mit den Parteispitzen, mit NGOs, und wir haben auch die Klimaschützer von „Fridays for Future“ eingeladen.
 
oe24.TV: Eine kleine Sensation: Sie haben die „Fridays for Future“-Schüler ins Kanzleramt eingeladen?

Bierlein: Ja, ich habe sie eingeladen, weil ich sie durch Zufall in Salzburg bei den Salzburger Festspielen auf der Straße getroffen habe und wir ein Gespräch hatten. Bei dieser Gelegenheit habe ich sie ins Kanzleramt eingeladen. Die Jugendlichen, 25 an der Zahl, waren vor Kurzem hier.
 
oe24.TV: Dann waren die 20 Wirtschaftsbosse bei Ihnen, da war ja das Problem die Angst vor einer Rezession. Haben Sie auch Angst, dass es zu einer Rezession kommen könnte, ausgehend von Deutschland? Dass auch ­Österreich da gefährdet ist?
 
Bierlein: An sich ist Österreich im Industrie- und Wirtschaftsbereich gut aufgestellt, hat international eine hohe Reputation ist auch als Standort sehr gefragt, weil alle Standorte sehr sicher sind und weil die Justiz hervorragend funktioniert. Ich habe keine Sorge, dass eine Rezession in absehbarer Zeit eintritt.
 
oe24.TV: In der Wirtschaft hatte man die Angst, dass es unter der Übergangsregierung zum Stillstand kommt. Sie können ja kein Budget selbst beschließen.
 
Bierlein: Wir haben das vorläufige Budget, das ist richtig, wir können keines beschließen, dazu haben wir keine Kompetenz. Aber die nächste Regierung wird ein Budget beschießen müssen, das all die Notwendigkeiten, die sich ergeben aus den letzten Diskussionen, entsprechend berücksichtigt.
 
oe24.TV: Sie haben jetzt bald Halbzeit oder ein Drittel. Macht Ihnen der Job so viel Spaß, dass Sie ihn vier Jahre weitermachen würden?
 
Bierlein: Ich übe die Funktion mit großer Demut und ich hoffe mit großem Verantwortungsbewusstsein aus. Es ist eine hochspannende Zeit, es sind Einblicke, die ich davor nie hatte. Aber ich bin in einer Alterskategorie, wo ich in der Zukunft nicht unbedingt eine Funktion ausüben möchte.
 
oe24.TV: Sie sind ja das neue 50 in meinen Augen.
 
Bierlein: Sie sind sehr charmant. Ich bin seit 1972 im Berufsleben, rechnen Sie sich das durch.
 
oe24.TV: Sie sind froh, wenn es zu Weihnachten aus ist?
 
Bierlein: Ich wünsche mir doch, dass eine gute Regierungsbildung in einer absehbaren Zeit auf die Beine gestellt werden kann.
 
oe24.TV: Viele sagen, Sie wären die ideale Justizministerin.
 
Bierlein: Mit der Justiz leide ich mit, weil ich da sehr lange in der Justiz gearbeitet habe. Die Personalnot ist extrem. Da muss die nächste Regierung Geld in die Hand nehmen. Aber ich strebe kein Amt nach dieser Funktion an.


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