Elsner

Hafunfähig

Elsner: "Frei – da habe ich geweint"

Bei Elsner im Spital: Wie er seiner Ruth um den Hals fiel. Was er jetzt plant.

Donnerstag, 19.20 Uhr: Fünf Stunden nach der erlösenden Nachricht steht Ruth Elsner (54) mit einem Blumenstrauß und Obst und Gemüse bepackt vor dem Wilhelminenspital. Sie hat nur ein Verlangen: endlich ihren Mann in die Arme zu schließen.

Der Eingang zur kardiologischen Abteilung ist abgesperrt. Aus Angst vor dem Presseansturm. Denn hier liegt Österreichs prominentester (Ex)-Häftling – Helmut Elsner (76). Nach viereinhalb Jahren Haft wurde der Ex-Bawag-Chef nun von der Justiz für haftunfähig befunden. Vor Elsners Zimmertür sitzt die letzten Stunden noch ein Justizwachebeamter (erst Freitag wurde der Beschluss offiziell). Freitag in der Früh wurde er abgezogen.

In Boxershorts
Als der Ex-Bankier die Stimme seiner Frau hört, reißt er, nur in einem T-Shirt (darunter ein Dauer-EKG) und mit Boxershorts bekleidet, die Tür auf, lächelt sie glücklich an und fällt ihr um den Hals. Tränen fließen – nicht nur bei Ruth, sondern auch bei Helmut Elsner. Hemmungen, seine Gefühle vor fremden Menschen zu zeigen, haben die beiden nicht mehr. In den letzten Jahren stand jede Berührung der beiden unter der Beobachtung der Justizwache.

6 Kilo weg
In Elsners Krankenzimmer läuft der Fernseher. Der Ex-Bawag-Chef verfolgt die Beiträge über seine Freilassung. Die Freude über die Freiheit hat in Elsner einen Adrenalin-Kick ausgelöst. Die Worte sprudeln aus dem Ex-Bawag-Chef nonstop heraus – auch wenn sie manchmal schwer verständlich sind, weil die Zunge angeschwollen ist. "Schau ich noch so schlimm aus wie vor zwei Wochen?", fragt er. "Sechs Kilo habe ich schon verloren, aber die Flüssigkeit ist nur aus den Füßen weggegangen", berichtet Elsner. Dann erzählt er, wie er sich in der Haft mit dem System arrangierte, wie er kochen lernte. Kleine Eigenkreationen wie "Soup de poisson" (Fischsuppe) auf seiner Kochplatte in der Zelle zubereitete.

Dazwischen lobt er wieder seine Ruth. "Sie hat um mich wie eine Löwin gekämpft", sagt Elsner, "aber nicht um ihre Jungen, sondern um ihren Alten." Seinen Sinn für Ironie konnte ihm auch die Haft nicht nehmen.

Dann taucht die Angst wieder auf. Wird die Staatsanwaltschaft noch ein Veto einlegen? Nein, hat sie nicht. Elsner ist frei.
 

Ruth Elsner: "Freue mich, wenn er für mich kocht"

ÖSTERREICH: Frau Elsner, seit zwei Tagen ist Ihr Mann kein Häftling mehr. In den nächsten Tagen wird er aus dem Spital entlassen. Auf was freuen Sie sich am meisten?
Ruth Elsner: Es klingt vielleicht unspektakulär: Aber ich freue mich auf das normale Eheleben, das wir seit fünf Jahren nicht mehr hatten. Ich freue mich auf den Moment, wo er bei mir ins Auto einsteigt und wir einfach losfahren können, ohne dass ein Justizwachebeamter meinen Mann herumkommandiert. Wenn wir uns in den letzten fünf Jahren gesehen haben, waren wir stets unter Bewachung. Mit meinem Mann wieder allein sein zu können, wird ein ganz neues Gefühl für uns.

ÖSTERREICH: Wie war der erste Moment, als Sie Ihren Mann nach der freudigen Nachricht im Spital besucht haben?
Elsner: Wir sind uns in die Arme gefallen, haben uns festgehalten und beide geweint. Mein Mann hat zwar stets versucht, die Belastungen der Haft vor mir zu verbergen, aber das Schlimmste in der Haft ist die Isolation. Die Sehnsucht nach der Familie frisst einen auf. Mein Mann hat seine Enkelkinder seit fast fünf Jahren nicht mehr gesehen. Er wollte ihnen die Erfahrung Gefängnis ersparen. Ich glaube, wenn er bei seiner Verhaftung gewusst hätte, dass es fast fünf Jahre dauern wird, hätte er das Martyrium nicht überlebt. So haben wir von Woche zu Woche gelebt und hofften, dass irgendwann die Erlösung kommt.

ÖSTERREICH: Gab es Momente, wo Sie in den letzten Monaten schon aufgeben wollten?
Elsner: Fast hätte uns das System gebrochen. Als sich in den letzten Wochen der Gesundheitszustand immer mehr verschlechterte, war ich ziemlich verzweifelt. Ich sehe die Freilassung mit einem weinenden und lachenden Auge. Weinend, weil die Gesundheit meines Mannes durch die lange Haft fast ruiniert wurde. Lachend, weil endlich eine Richterin richtig entschieden hat.

ÖSTERREICH: Haben Sie Angst davor, dass sich Ihr Mann durch die Haft verändert hat?
Elsner: Meine Beurteilung erfolgt aus einem beschränkten Blickwinkel, denn ich habe meinen Mann in den letzten Jahren nur durch die Glasscheibe gesehen. Ich glaube, alles wird spontan und emotional sehr überwältigend sein. Vielleicht wollen wir uns in den ersten Tagen nur auf uns konzentrieren. Einfach nur festhalten und viel reden. Sicher wird es auch belastende Momente geben, denn irgendwann muss mein Mann die Erlebnisse im Gefängnis auch rauslassen. Ich kann mir die Ängste, die er bei seinen Erstickungsanfällen erlebt, gar nicht vorstellen. Nachts, eingesperrt, alleine in der Zelle und kein Handy bei der Hand, damit er Hilfe rufen kann. Das muss furchtbar sein.

ÖSTERREICH: Im Gutachten von Dr. Kurt Huber steht, dass die medizinische Behandlung in der Justizanstalt "ineffektiv" war.
Elsner: Der Primar in der Justizanstalt Klaus Kaiser-Mühlecker hat sich sehr bemüht. Aber die personellen und strukturellen Ressourcen sind in der Haft natürlich nicht so groß wie in einer Klinik. Wenn mein Mann in der Nacht Beschwerden hatte und nach einem Arzt läutete, dauerte es oft ein bis zwei Stunden, bis ein Arzt auftauchte.

ÖSTERREICH: Wir wird Ihr neues Leben jetzt ausschauen?
Elsner: Jetzt suche ich eine Reha-Klinik für meinen Mann. Dort muss er in den nächsten Wochen und Monaten wieder fitter werden. Die Ärzte meinen, dass mein Mann sicher ein halbes Jahr brauchen wird, um sich zu erholen. Und dann will ich beweisen, dass mein Mann kein Verbrecher ist. Diesen Kampf gebe ich nicht auf.

ÖSTERREICH: Sie sind jetzt auch in eine neue Wohnung gezogen. Hat Ihr Mann die Wohnung schon gesehen?
Elsner: Mein Mann wird die Wohnung erst sehen, wenn er aus dem Spital kommt. Ich freue mich schon, wenn er das erste Mal für mich Pasta kocht. Denn Kochen hat er in der Haft gelernt. Er hat sogar "Menüs" gemacht (lacht).



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