Kurz in einer Reihe mit Hitler - darf Satire alles?

Das Kommentar-Duell:

Kurz in einer Reihe mit Hitler - darf Satire alles?

Pro & Contra von ÖSTERREICH-Chefredakteur Werner Schima und  oe24.at- & oe24.TV-Chefredakteur Richard Schmitt. 

Das deutsche Satiremagazin "Titanic" liebt die Provokation. Eines seiner Lieblings-Opfer ist Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (Baby-Hitler). Auf der aktuellen Titelseite zum Thema 100 Jahre NSDAP schmücken gleich fünf Köpfe aus Österreich die Bildergalerie: nachvollziehbarerweise Adolf Hitler, aber auch Kanzler Kurz, Andreas Gabalier, Jörg Haider und Heinz-Christian Strache. Auch Nobelpreisträger Günter Grass (als 17-Jähriger bei der SS) oder Papst Benedikt stehen in einer Reihe mit Nazi-Kriegsverbrechern.

 

Richard Schmitt: »Die Satire darf sicher kein Deckmantel für Hetze sein«

© TZOe Artner

Kurt Tucholsky sah das absolut richtig: Satire darf alles. Als der deutsche Journalist und Schriftsteller das festgestellt hat, war eben der Erste Weltkrieg vorbei, der Kaiser hatte kürzlich abgedankt. Es war das Jahr 1919.

Damals hatte noch niemand die geringste Ahnung, was alles an Niedertracht und mieser Hetze als Satire verkleidet unter die Menschen gebracht werden soll - jetzt, 100 Jahre später.

Tucholsky ahnte nicht, wie Satire missbraucht wird

Niemand hätte 1919 die Vorstellung gewagt, dass ein konservativer Politiker mit bisher tadellosem Leumund mit einem Massenmörder verglichen werden darf. Oder dass sich ein vielleicht etwas einfältiger Musikant plötzlich in einer Reihe mit grausamen Rassisten und Kriegshetzern wiederfindet.

Kanzler Sebastian Kurz und Andreas Gabalier ist das jetzt passiert: Sie wurden primitiv diffamiert, auf dem Cover des Magazins Titanic der Verbreitung des Nationalsozialismus bezichtigt.

Und wer sich wehrt, erntet den nächsten Shitstorm

Dieser Dreck des Blatts ist sicher keine Satire, kein Gag: Die Erfinder derartiger Infamie sollten sich auch vor Gericht verantworten müssen, der Tatbestand der üblen Nachrede ist erfüllt.

Aber die tief in den Schmutz gezogenen Politiker und Künstler wissen: Fordern sie bei der Justiz ihr Recht ein, zieht sie eine politische Seite nochmals durch den Kakao. Die Opfer werden erneut lächerlich gemacht.

Nein, das ist nicht jene Satire, die Tucholsky meinte.

 

Werner Schima: »Satire darf alles - nur nicht schlecht und dumm sein«

© TZOe Artner

Kurt Tucholsky, der sich nicht mehr wehren kann, muss stets herhalten, wenn die Frage "Was darf Satire?" gestellt wird. "Alles!", hatte der darauf geantwortet, und er hatte natürlich recht. Satire darf alles sagen.

Aber eines darf Satire nicht: Schlecht sein. Das Recht, alles zu dürfen, berechtigt nicht dazu, jeden Dreck hinzurotzen, der ihm gerade eingefallen ist, und es als Satire zu deklarieren.

Das deutsche Satiremagazin Titanic begeht in seiner aktuellen Ausgabe den 100. Geburtstag der NSDAP auf ihrem Titel mit einer Galerie von Köpfen, die von den Machern für Nazis oder zumindest für Geistesverwandte des Nationalsozialismus gehalten werden. Auch fünf Österreicher haben es aufs Cover geschafft, darunter Sebastian Kurz. Huch, wie provokant.

Das ist mit Verlaub, wenn überhaupt, schlechte Satire und unerträglich dumm. Wer Kurz, Papst Benedikt oder Günter Grass in eine Reihe mit Nazi-Kriegsverbrechern wie Hitler, Goebbels oder Göring stellt, ist jenseitig, daneben und hat vor allem nichts verstanden.

Die "Titanic" war in ihren Gründungsjahren in den Achtzigern ein grandioses bissiges und treffsicheres, Magazin, für das die besten Satiriker Deutschlands (die aus dem pardon-Team kamen) geschrieben haben, heute hat sie nicht einmal mehr Maturazeitungsniveau.

Satire darf alles - ja eh. Sie muss alles dürfen können. Aber wer mit ihr so vertrottelt, so unreflektiert und so pubertär daherkommt, beschädigt dieses unverzichtbare Instrument der freien Meinungsäußerung nachhaltig.

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