Christian Kern: Dauerläufer gegen den Minusrekord

Kanzler

Christian Kern: Dauerläufer gegen den Minusrekord

SPÖ-Chef Christian Kern zieht erstmals an vorderster Front in eine Nationalratswahl. Der langjährige Verbund- und ÖBB-Manager tat sich bisher schwer, einen Kanzlerbonus aufzubauen und droht bei einer Niederlage zum kürzest dienenden Regierungschef der Zweiten Republik zu werden. Stolperte Vorgänger Werner Faymann letztlich über seine Parteifreunde, machen Kern die ÖVP und Eigenfehler zu schaffen.
 
Nicht einmal eineinhalb Jahre ist es her, dass der heute 51-Jährige als großer Hoffnungsträger von seiner Partei empfangen wurde. Flotte Sprüche, ein rundumerneuertes Team voller Neu- und Quereinsteiger sowie gute Imagewerte schienen der SPÖ den Ausweg aus der Ära Faymann, die sie zuletzt in ein Umfragetief versetzt hatte, zu weisen.
 
Kern hatte für alle etwas in seinem Portfolio. Aufgewachsen im Arbeiterbezirk Simmering, über eine kurze Sprecher-Karriere im SPÖ-Parlamentsklub zum smarten Manager in der staatsnahen Wirtschaft aufgestiegen, versuchte er roten Stallgeruch und ökonomische Kompetenz zu einer wirkungsstarken Mischung zu brauen.
 
Das gelang vor allem anfangs recht gut, auch wenn sich rasch handwerkliche Fehler im politischen Geschäft einschlichen. So vertat sich Kern beim damals besonders heiklen Begriff Flüchtlingsobergrenze und lancierte eine parteiinterne Anti-CETA-Umfrage, um dann erst recht das Handelsabkommen abzusegnen. Ebenfalls einen Rückzieher musste der Kanzler machen, als er zunächst die Aufnahme jugendlicher Flüchtlinge blockieren wollte. Nicht wirklich handlungsstark wirkte, als Kern ohne echtes Druckmittel Sebastian Kurz die Vizekanzlerschaft aufzwingen wollte und damit scheiterte.
 
Tatsächlich fatal war wiederum, dass Kern in Abstimmung mit Alt-Kanzler Alfred Gusenbauer dessen früheren Geschäftspartner Tal Silberstein als Berater engagierte. Dessen vorübergehende Festnahme, die nicht ganz unabsehbar war, brachte weiteren Sand ins rote Wahlkampf-Getriebe. Auch die Arbeit in der Zentrale der Partei gilt nicht unbedingt als koordiniert, da hilft es auch wenig, dass sich Kern dort einmal pro Woche ins frühere Arbeitszimmer von Parteilegende Bruno Kreisky setzt.
 
Strategisch als größter Fehler Kerns bewertet wird allgemein, dass dieser nicht selbst in Neuwahlen gegangen war, als in der ÖVP noch eine Führungsdebatte rumorte und die eigene Partei ihm zu Füßen lag. Denn mit seinem "Plan A" hatte der Kanzler Anfang des Jahres ein durchaus bemerkenswertes Programm vorgelegt, das einige rote Zöpfe abschneidet und sofort für einen Wahlkampf verwendbar gewesen wäre. Doch Kern, an sich typischer Kopfmensch, zögerte und überließ letztlich der Volkspartei das Heft des Handelns.
 
   Sollte der SPÖ-Chef tatsächlich gehofft haben, die ÖVP würde mit ihm bis zum regulären Wahltermin konstruktiv zusammenarbeiten, sah er sich getäuscht. An vorderster Front Innenminister Wolfgang Sobotka und hinter den Kulissen wohl auch Außenminister Sebastian Kurz mühten sich redlich, den Aufbau eines Kanzlerbonus zu erschweren. Trotzdem kann Kern in seiner bisherigen Kanzlerschaft einige Positiva vorweisen, die Wirtschaft zieht an, es gibt mehr Beschäftigung, weniger Arbeitslosigkeit, die Bildungsreform ist am Weg und auch die Abschaffung des Pflegeregresses kann der Kanzler zu seinen größeren Erfolgen zählen.
 
   Inhaltlich ist Kern schwierig festzumachen. Wiewohl er vor allem anfangs vom linken Parteiflügel gehätschelt wurde, steht der SPÖ-Vorsitzende für eine eher restriktive Flüchtlingspolitik und öffnete die Sozialdemokraten wenn auch zögerlich für eine Zusammenarbeit mit den Freiheitlichen. Sozialpolitisch ist er dagegen mit dem Wunsch nach einer Wertschöpfungsabgabe und dem Wahlslogan "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht" ganz auf gewerkschaftlichen Pfaden unterwegs. Wirtschaftspolitisch gehört sein Herz wiederum Startups und kleinen und mittleren Unternehmen, in der Außenpolitik war er bisher eher farblos. Liberal ist der Kanzler in der Gesellschaftspolitik, was er mit Auftritten bei der Regenbogenparade auch medienwirksam demonstrierte.
 
   Überhaupt ist Kern, für den Politik eigenen Angaben zu Folge zu 95 Prozent aus Inszenierung besteht, Selbstdarstellung nicht fremd. Ob ein durchaus gelungener Auftritt in der ORF-Comedy-Show "Willkommen Österreich" oder ein Abend als Pizzaboy, der SPÖ-Chef traute sich von Anfang an auf neue Kommunikationswege. Den traditionellen Medien an sich steht der vom Typ her stets distanzierte Kern durchaus kritisch gegenüber. Vor allem die Hoheit über das eigene Bild zu behalten, ist dem immer akkurat gekleideten Kanzler wichtig. Coole Instagram-Postings genießen bei Kern höhere Wertschätzung als allenfalls weniger schmucke Pressefotos. Das Pressefoyer nach dem Ministerrat mit für ihn lästigen Fragen wurde gleich abgeschafft, lieber kommuniziert Kern One-Way via Facebook.
 
   Dabei wäre der junge Kern beinahe selbst Journalist geworden. Er leitete das VSStÖ-Magazin Rotpress und wirkte auch beim Wirtschaftspressedienst. Ein Job als Sportjournalist bei der "AZ" stand dereinst ebenfalls zur Disposition, gerne wäre er einmal bei der Tour de France dabei gewesen. Dem Sport widmet sich der drahtige Kanzler heute als Läufer, Radfahrer und Fußballer. Sein Herz als Fan gehört der Wiener Austria.
 
   Wirklich vorgezeigt war seine politische Karriere eigentlich nicht. Kern wuchs nämlich in einem eher unpolitischen Umfeld auf, die Eltern betrieben ein Milchgeschäft, später hatte der Vater eine Taxilizenz. Als Student engagierte sich Kern bei einer grün-nahen Bewegung, ehe es ihn zu den roten Studenten verschlug. Jung wurde er zum Vater von drei Söhnen, den ältesten erzog er eine Zeit auch alleine. Nebenbei absolvierte er ein Studium der Publizistik und hielt sich früh mit Nebenjobs wie Babysitten und Kaffeesäcke-Schleppen finanziell über Wasser. Die für ihn typische Disziplin prägte Kern schon damals, sagen Weggefährten.
 
   Politisch war Peter Kostelka sein Mentor. Der damalige SPÖ-Klubobmann hatte Kern als Pressereferent und Bürochef an seine Seite geholt. Von dort aus ging es dann in den Verbund, wo er sich vom "siebenten Zwerg von links" bis in den Vorstand hocharbeitete. Sein Meisterstück lieferte Kern dann bei den ÖBB, die er auf Erfolgskurs brachte und dadurch nebenbei zum Hoffnungsträger der Sozialdemokratie aufstieg. Mit seiner aktuellen Ehefrau Eveline Steinberger-Kern - das Paar hat eine Tochter - war Kern dabei auch am gesellschaftlichen Parkett durchaus präsent, auch wenn er, wie er selbst sagt, schon jung kein "Partytier" gewesen war.
 
   Ob der Kanzler die Sehnsüchte der SPÖ erfüllen kann, wird der 15. Oktober zeigen. An sich hat Kern zugesagt, auch in der Opposition seinen Mann zu stehen. Dass er sich ein Parlamentarierleben tatsächlich antut, gilt freilich als unsicher. Weniger wahrscheinlich ist, dass Kern im Falle einer Abwahl ins Wiener Bürgermeisteramt wechselt, durchaus möglich ist dafür, dass für ihn ein Spitzenposten in der Wirtschaft frei wird. Ein Versorgungsfall wird Kern jedenfalls kaum werden, egal, wohin der Wähler seinen Weg weist.
 
   Zur Person: Christian Kern, geboren am 4. Jänner 1966 in Wien. Vier Kinder aus zwei Ehen. Studierter Kommunikationswissenschafter. Ab 1991 Assistent des damaligen Staatssekretärs Kostelka, ab 1994 dessen Büroleiter als Klubobmann. 1997 Wechsel in den Verbund, ab 2007 dort Vorstandsmitglied. Ab Juni 2010 Chef der ÖBB sowie ab 2014 Vorsitzender der Gemeinschaft europäischer Bahnen. Seit 17. Mai 2016 Bundeskanzler, seit 25. Juni 2016 SPÖ-Vorsitzender.
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