Wolfgang Rosam

Wahl-Analyse

Parteien, die Wahl verursacht haben, werden verlieren

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Wolfgang Rosam führt gemeinsam mit Silvia Grünberger die Agentur Rosam, Grünberger, Change Communications und ist auf politische Beratung und Lobbying spezialisiert.

Keine Wette auf Türkis-Rot. Bis vor wenigen Tagen hätte ich darauf gewettet, dass wir eine türkis-rote Regierung bekämen. Das sieht heute, keine zwei Wochen vor dem Wahlsonntag, allerdings anders aus!

Konstruktive Kleinparteien. Während sich nämlich sowohl Neos als auch Grüne regierungswillig zeigen und immer konstruktiver werden, gewinnen die destruktiven Kräfte in der SPÖ immer mehr Oberhand. Plötzlich ist die Gewerkschaft DIE treibende Kraft und fordert Koalitionsbedingungen, die es für die ÖVP wohl unmöglich machen werden, es mit den Roten nochmals zu versuchen.

Gewerkschafter-Angriff. So machte der körpermächtige Baugewerkschafter Josef Muchitsch kürzlich die WIEDER-ABSCHAFFUNG des 12-Stunden-Tages zur unausweichlichen Koalitionsbedingung. Zuvor rief sein Präsident, Wolfgang Katzian, die 4-Tage-Woche aus – und Rendi-Wagner überraschte negativ mit alten (Reichen)-Steuer-Ideen.

Rüde Wahlkampfrhetorik. Statt einer längst fälligen, großen Arbeitszeit-Flexibilisierung, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer beide (!) als Sieger hervorgehen könnten, verbaut man mit rüder Wahlkampfrhetorik jede ­Gesprächsbasis. So wird es nicht funktionieren.

Rot-türkise Abneigung. Ja, wir haben Wahlkampf, die Zeit „programmierter Unintelligenz“! Einen Wahlkampf, der vor Schmutzkübeln, unseliger, weil unfinanzierbarer Wahlversprechen nur so strotzt und der die tiefste Abneigung zwischen Rot und Türkis ans ­Tageslicht bringt.

Wie bei den Briten. Ich vermisse jegliche staatstragende Verantwortung und komme mir schon vor wie im ­britischen Unterhaus.

Die Wähler haben genug

Wahlkampf als Belästigung. Längst ist die Stimmung bei den Wählern am Tiefstpunkt angelangt. Man kann auch sagen: Die Menschen haben von diesem Wahlkampf, der Anpatzerei und Nicht-Themen die Schnauze voll. Ich höre immer wieder: „Das dauert alles viel zu lange und ist unerträglich geworden! Wählen wir endlich! Wir möchten mit diesen Ego-Darstellungen und gefühlten 100 TV-Shows nicht mehr ‚belästigt‘ werden.“ Aber noch etwas anderes wird immer lauter artikuliert, nämlich: „Wozu tun wir uns eigentlich dieses ganze Neuwahltheater überhaupt an?“

Wählerfrust ist gefährlich

Emotionen statt Themen. Mit diesem fast ausschließlich auf Emotionen anstatt Themen basierenden Wahlkampf verlieren vor allem jene Parteien, die ihn verursacht haben!

Blaue werden degradiert. Die FPÖ ist dank Kickl zweigeteilt und wird – wenngleich weniger, als viele glauben – zur 20-%-Partei degradiert.

Kurz braucht „Jetzt erst recht“. Die Türkisen schaffen es nur schwer, die Begeisterung von 2017 zu erzeugen, sind viel zu sehr in der Defensive und verlieren, je länger der Wahlkampf dauert. „Alle gegen Kurz“ wirkt doch stärker als gedacht und stetes Anpatzen höhlt offensichtlich auch den türkisen Stein. Kurz braucht dringend eine „Jetzt erst recht“-Stimmung – will er am 29. stärker als bei der letzten Wahl punkten.

Zitternde GenossInnen. Aber auch die SPÖ profitierte weder von Ibiza, noch gewann sie mit ihrer Kurz-Abwahl ­irgendetwas. Im Gegenteil: Die GenossInnen müssen sogar zittern, dass sie nicht die größte Wahlschlappe in ihrer langen Parteigeschichte erleben.

Kleine als Wahlsieger. Die zwei Wahlsieger werden die Neos und – ganz besonders – die Grünen sein.

Auch wenn die Pinken in den Umfragen unter 10 % liegen, werden sie doch ihr letztes Wahlergebnis quasi verdoppeln. Und die Grünen werden ihr letztes Wahlergebnis wahrscheinlich sogar verdreifachen.

Ein Pyrrhussieg

Derzeit Abwärtstrend. Ja, Sebastian Kurz wird wohl Erster werden. Aber wird das Ergebnis umso viel besser ausfallen als vor 2 Jahren? Die aktuellsten Umfragen prognostizieren eher einen Abwärts- als einen Aufwärtstrend für die Türkisen.

Schwere Koalitionsfindung. Damit würde Sebastian Kurz glatt einen Pyrrhussieg – also einen Sieg, der zu viel kostet und damit kein richtiger Sieg ist – einfahren. Die Koalitionsfindung wird dementsprechend eine Herausforderung der Sonderklasse. Wenn die SP so weitermacht, nimmt sie sich selbst aus dem Spiel, weil keiner Lust hat, wirklich zu verhandeln, obwohl es gerade für die Roten die Chance für einen Neuanfang wäre! Dass die Blauen wollen, ist bekannt, aber will sich Sebastian Kurz dieses Imagedesaster und vor allem neuerliche Risiko wirklich antun?

Denn: Mit einer Kickl/Hofer-FPÖ wird es nicht einfacher als mit der gescheiterten Strache-Liaison.

Flotter Dreier wäre sexy. Bleibt also ein „Flotter Dreier“ mit Grün und Pink! Die Story dazu wäre schon sexy. Aber die kommunikative und psychologische Anstrengung, so eine Truppe zusammenzuführen und zu einer konstruktiven Arbeit zu bringen, wäre enorm. Allerdings ist es Kurz – und nur ihm – zuzutrauen, dieses Kunststück zustande zu bringen und einen „Wow“-Effekt im In- und Ausland zu erzeugen.

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