So sehe ich die US-Wahl

Wolfgang Fellner

So sehe ich die US-Wahl

Amerika erlebte eine Wahl der Angst - voll Frust, ohne Euphorie

Den ersten Wahlkampf mit Obama begleitete ich 2008. Es war ein faszinierendes Erlebnis -Amerika war damals, nach den Jahren der großen Bush-Depression, ein Land voll Aufbruchstimmung, Euphorie und Optimismus. Die große Mehrheit - auch der Weißen -sah in Obama fast einen Messias: einen Politiker, der alles ändern würde - die Finanzkrise stoppen, die Wirtschaft ankurbeln, neue Jobs schaffen, alternative Energien ermöglichen, die Kriege beenden. Vor allem die jungen Wähler hatten eine bewundernswerte Vision vom neuen Amerika.

Im Wahlkampf 2012 war vier Jahre danach nichts mehr von der Aufbruchstimmung der ersten Obama-Wahl zu spüren. Amerika ist ein müdes, frustriertes Land geworden. Es regiert die Angst vor noch mehr Arbeitslosen, mehr Schulden, Rezession. 72 %der US-Bürger sagen, dass es ihnen heute schlechter geht als zu Obamas Amtsantritt - gleichzeitig sind die Schulden der USA so explodiert (um über 5.000 Milliarden Dollar), dass den USA ein Griechen-Schicksal droht: ein brutales Sparpaket.

Die Alternative zu Obama schien vielen zu unsicher...

Jeder andere Präsident mit einer so verheerenden Bilanz wäre heute Nacht gnadenlos abgewählt worden. Wenn Obama trotzdem diese Wahl (die bei Redaktionsschluss noch in Gang war) gewinnen sollte, dann hat das einen simplen Grund: Romney wäre dann wohl zum Obama-Kurs eine zu radikale und vielleicht zu unsichere Alternative gewesen. Während Obama weitere 1.000 Milliarden an Schulden riskieren will, um 1 Million Jobs zu schaffen, wollte Romney ein Sparprogramm durchziehen - und noch mehr Arbeitslose riskieren. Und während Obama die Reichen höher besteuern will, würde Romney die Steuern für Reiche senken -aber die Gesundheitsreform stoppen. Die brutalen Gegensätze von Romney und Obama zeigen bereits: Die USA sind 2012 ein völlig gespaltenes Land. Die Nation befindet sich in einem Kulturkampf. Konservative und Demokraten stehen sich unversöhnt gegenüber. Die radikalen Republikaner, die Obama für einen "Kommunisten europäischen Zuschnitts" halten, blockieren all seine Gesetzes-Initiativen.

Der neue Präsident hat wie Amerika noch eine Chance

Der neue Präsident steht vor einer unlösbaren Aufgabe: Er muss die zerstrittene Nation einen - und mit dem geschlagenen Gegner einen Kompromiss finden. Der Zeitdruck ist enorm: Denn am 31. Dezember läuft die Frist ab, bis zu der sich Republikaner und Demokraten auf einen Sparkurs einigen müssen. Sonst tritt ein "fiscal cliff" in Kraft, das automatisch ein "Not-Sparpaket" von 600 Milliarden Dollar in Kraft setzt. Dann würden über Nacht Spitäler, Schulen, Kindergärten sperren, Millionen Beamte entlassen. Die stolzen USA würden wie die Griechen in eine Rezession stürzen, zum Entwicklungsland werden -von China, Russland, Europa in der Führungsrolle abgelöst. Deshalb war die Wahl gestern eine Wahl der Angst. Die Amerikaner fürchten tatsächlich den Absturz. Sie haben eine Stimme der letzten Hoffnung abgegeben. Schwarze, Frauen, aber auch die weißen Arbeiter kamen zahlreich wie selten zu den Wahlurnen -sie wollten mit ihrer Stimme ihre Jobs, vielleicht aber auch Amerika retten. Ob ein so knapp gewählter Präsident, der das halbe Land gegen sich hat, das kann -wird sich zeigen. Für Amerika geht es um viel...
 

Meinung an: wolfgangfellner@oe24.at

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