So sehe ich die US-Wahl

Wolfgang Fellner

So sehe ich die US-Wahl

Ein angeschlagener Präsident bekommt seine zweite Chance

Sieger sehen anders aus. Vor vier Jahren feierten 250.000 Fans den Obama-Wahlsieg – gestern waren es 15.000.

Der Jubel in den USA hält sich in Grenzen – die Wall Street ratterte nach unten, selbst im Internet blieb das Echo matt.

Barack Obama hat die US-Wahl letztlich doch deutlicher gewonnen als in den Umfragen vorhergesagt. Aber er ist ein angeschlagener Präsident.

Sein „Yes We Can“ klingt bereits verzweifelt, sein Sager „Das Beste liegt noch vor uns“ wie ein hoffnungsvoller Traum.

Der neue „Obama 2012“ hat mit dem Wahlsieg, an dem er selbst schon gezweifelt hatte, zwar neue Kraft, neue Lebensenergie, neuen Spirit gefunden – seine Siegesrede war mitreißend wie in alten Zeiten –, aber Rezept, wie er die USA wieder auf die Siegerstraße bringt, hat Obama keines.

Gewonnen haben die Frauen, die Latinos und die Jungen
Obama verdankt seinen Sieg ­einer neuen Koalition der Wohlstandsverlierer in den USA: den Schwarzen, den Latinos, den (wenig verdienenden) Frauen und Jungen. Das sind genau 51 % der Nation.

Diesen Obama-Fans stehen genau 49 % an fast militanten Obama-Gegnern gegenüber: die Weißen, die Männer, die traditionellen Familien, der Mittelstand, die Top-Verdiener und die Wall Street.

Künftig muss der Präsident die tief gespaltene Nation einen, wenn Amerika überleben will – aber wie bringt man Einwanderer und Nationalisten, liberale Frauen und militante Abtreibungsgegner, Mindestverdiener (die eine Krankenversicherung wollen) und Millionäre, die weniger Steuern wollen, auf einen Nenner?

Die USA sind 2012 eine gelähmte, frustrierte Nation
Alle Reformen, politischen Projekte werden von einer Hälfte des Landes gestoppt.

Die Blockade ist so absurd, dass die USA am 31. Dezember in eine tiefe Rezession stürzen werden, wenn es Obama nicht gelingt, die Republikaner von einem gemeinsamen Sparprogramm zu überzeugen.

Denn dann läuft sein Ultimatum zur Budgetsanierung ab, dann wird brutal gekürzt.

In Wahrheit ist Obama zum Scheitern verurteilt. Er will sein Land – wie Europas Sozialdemokraten – mit höheren Steuern für Reiche sanieren. Die Republikaner werden das aber verhindern – riskieren den konjunkturellen Absturz der Supermacht auf Griechen-Niveau, nur um Obama endlich politisch zu erledigen.

Was Obama tun muss: Wirt­schaft ankurbeln, versöhnen
Theoretisch weiß Obama, was er zu tun hat: Er muss die Wirtschaft auf mehr als 3 % Wachstum ankurbeln, er muss mehr als 2 Millionen neue Jobs schaffen, um die Zahl der Arbeitslosen unter 10 Millionen zu senken – er muss das Pulverfass Islam entschärfen: mit Frieden in Afghanistan, mit Befriedung der Fanatiker im Iran und im Irak. Und er muss die USA wieder zur Weltmacht führen – damit das Land von Apple, Facebook, Microsoft & Co. nicht von China, Russland und Europa überholt und gedemütigt wird.

Jeder, der die ersten vier Jahre Obama kritisch erlebt hat, bezweifelt, dass Obama die US-Krise meistern kann.

Er hat keine Mehrheit im Kongress, in Wahrheit auch keine in der Bevölkerung, er regiert ein Land, das den Optimismus verloren hat.

Obama hat in seiner ersten Amtszeit viel versprochen – und nichts gehalten.

Diesmal hat er auf Versprechen bewusst verzichtet. Denn er weiß: Als Polit-Träumer hat er keine Chance mehr – jetzt sind Taten, Führungsqualität gefragt. Obama hat seine zweite Chance – wir können nur hoffen, dass er sie nutzt.

 

Meinung an: wolfgangfellner@oe24.at

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