Gilligan: "Es fehlt uns zu viel"

WM-Bilanz

Gilligan: "Es fehlt uns zu viel"

Wie alle 2 Jahre heißt es "Abstieg". Ratlosigkeit, wie man unser Hockey verbessern soll.

Die Szene wiederholt sich alle zwei Jahre: Österreichs Eishockey -Nationalmannschaft fliegt mit hängenden Köpfen von einer Weltmeisterschaft nach Hause. Die ÖEHV-Auswahl verlor am Sonntag bei der WM in der Slowakei das entscheidende Spiel gegen Lettland mit 1:4 und muss zum vierten Mal in Folge nach 2005, 2007 und 2009 zurück in die Division I.

"Es fehlt zu viel"
Also beginnt wieder die Ursachenforschung, die man sich aber auch ersparen könnte. Denn es hat sich gegenüber den vergangenen Enttäuschungen nichts geändert. "Wir diskutieren schon länger", meinte Teamchef Bill Gilligan diplomatisch. "Wir müssen einiges unternehmen, dass unser Eishockey besser wird. Es fehlt zu viel", sagte der US-Amerikaner.

Spielermaterial fehlt
Das Grundproblem ist: "Wir müssen mehr Spieler produzieren, die auf diesem Niveau erfolgreich spielen können. Es gibt keine grundsätzliche Analyse, was hat man, was ist gut, was muss man verbessern, was muss man abschaffen. Das fehlt", analysierte Gilligan und nahm Verband, Liga, Vereine und Schiedsrichter gleichermaßen in die Pflicht.

Zukunft von Gilligan offen
Ob er der Mann sein wird, der als möglicherweise hauptamtlicher Sportdirektor oder auch weiter als Teamchef daran arbeiten wird, ließ der 56-Jährige offen. Der Verband hat jedenfalls mittlerweile reagiert und eine Consulting-Firma beauftragt, die Strukturen zu hinterfragen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Liga in der Pflicht
Der entscheidende Punkt wird aber wohl die Arbeit in den Vereinen und der Liga sein. Zwischen sieben und zehn Legionäre hatte jeder Club der Erste Bank Liga (EBEL) in der vergangenen Saison, die meist auch in den entscheidenden Situationen eingesetzt wurden. "Wenn junge Spieler mehr die Bank hüten als auf dem Eis zu spielen, ist es schwierig", sagte Kapitän Gerhard Unterluggauer.

Eine große Weiterentwicklung ist nicht zu sehen. Die EBEL stellte das Gros der Spieler für die Teams aus Österreich (24), Slowenien (18), Kroatien (13) und Ungarn (11). Österreich und Slowenien sind aus der A-WM abgestiegen, Ungarn (2. Liga) und Kroatien (3. Liga) haben bei Heim-Turnieren den Aufstieg verpasst.

Strukturen aufbrechen
Das Problem geht auch tiefer. "Es gehört die Struktur der ganzen Sache geändert. Es gehört ein konkretes Konzept her, das bei der U14 und der U15 anfängt. Damit du jedes Jahr bei der U18 und der U20 besser wirst und damit mehr Auswahl an Spielern hast, die direkt ins A-Team einsteigen können", meinte Unterluggauer.

In anderen Ligen, so der Routinier, würde das professioneller ablaufen. "Da spielen viele Junge, die werden gefördert, das ist das Wichtigste. Bei uns müssen wieder alte Spieler mitfahren, weil es nicht genug Junge gibt, die den Platz wegnehmen", sagte der 218-fache Teamspieler. In nächster Zeit drängen sich zwei junge Spieler auf, die allerdings im Ausland ausgebildet wurden und spielen: Der 20-jährige Verteidiger Stefan Ulmer (Lugano/SUI) und der 18-jährige Konstantin Komarek (Lulea/SWE).

Absagen ein Problem
In der Slowakei kamen Absagen dazu. Thomas Vanek , Michael Grabner, Thomas Pöck und die Torhüter Reinhard Divis, Bernd Brückler und Bernd Starkbaum fehlten wegen Verletzungen oder aus familiären Gründen. Diese Qualität kann Österreich nicht ersetzen. Das zeigt ein Blick auf die Statistik; in den wichtigsten nimmt das ÖEHV-Team den letzten oder vorletzten Platz ein. Vorne fehlte es an Durchschlagskraft (die zweitwenigsten Tore, die zweitwenigsten Powerplay-Tore), hinten an Sicherheit (schlechteste Fangquote der Torhüter, schlechtestes Unterzahlspiel).

Formtief
Zudem hatten einige Leistungsträger nicht ihr bestes Turnier. Die Meister-Linie aus Salzburg mit Thomas Koch, Daniel Welser und Manuel Latusa etwa hat es im gesamten Turnier nur auf zwei Assistpunkte gebracht. Dass Koch gegen Lettland seine 85. Partie bestritten hat, wird wohl eine Rolle gespielt haben. Die Diskussionen um ein professionelles Umfeld im Team haben ebenfalls nicht geholfen, meinte Gilligan, der dadurch ein bisschen den Fokus auf das Wesentliche verloren sah.

Derzeit bleibt nur die Hoffnung, dass Österreich auch im nächsten Jahr eine Aufzugsmannschaft bleibt und so wie 2006, 2008 und 2010 den sofortigen Wiederaufstieg schafft. Wie die Division I nächstes Jahr gespielt wird, entscheidet sich am Mittwoch bei einer außerordentlichen Generalversammlung des Weltverbands (IIHF). Wahrscheinlich ist, dass die Division I in eine stärkere A-Gruppe und eine schwächere B-Gruppe unterteilt wird. Österreich würde in diesem Fall auf Slowenien, die Ukraine, Ungarn, Japan und Großbritannien treffen.