Miller ist eine Klasse für sich

Franz Klammer

Miller ist eine Klasse für sich

Franz Klammer über die Favoriten der Olympia-Abfahrt der Herren.

Die TV-Bilder vom Abschlusstraining waren beeindruckend: Eine tolle, schwierige Abfahrt – auf dieser Strecke geht es zur Sache, wobei da Risiko kalkulierbar ist. Der schwere Sturz von Rock Perko resultierte aus einem Fahrfehler. Wenn man zu direkt fährt, rächt sich das brutal. Aber bei Spielen willst du oft zu viel und riskierst einen Tick zu viel – siehe Hermann Maier in Nagano 1998.

Andererseits frage ich mich, ob es von den Österreichern gescheit war, einfach nur so runterzufahren. Mayer nahm wenigstens den oberen Teil ernst, ehe er abschwang. Ich war nie ein Freund von Spazierfahrten. Dadurch verlierst du die Spannung, und es wird schwieriger, im Rennen ans Limit zu gehen.

Bode Miller und Aksel Svindal haben gestern hingegen nur ein bisschen Tempo rausgenommen. Wenn Miller das Rennen heute so durchzieht, wie er es im Training angedeutet hat, dann ist er nicht zu schlagen. ER ist mein haushoher Favorit. Dahinter kommt Svindal, der sich nach seinen bisherigen Saisonleistungen die Goldmedaille verdient hätte. Aber – bitte entschuldigen Sie die Phrase: Eine Olympia-Abfahrt hat ihre eigenen Gesetze.

Gestern ging ich mit den Kollegen der ÖSTERREICH-Sportredaktion die Liste der Abfahrts-Olympiasieger durch. Bis auf Pirmin Zurbriggen 1988 hat sich seit meinem Olympiasieg 1976 kein Topfavorit mehr durchgesetzt.

Das sollte unseren Außenseitern Hoffnung geben. Miller zu biegen, wird sehr schwer. Aber ich würde mich gerne irren: Vielleicht hat Bode sein Pulver im Training verschossen. Vielleicht gelingt diesmal Max Franz oder Matthias Mayer die Top-Sensation!