Wahlkampf mit wenigen Siegern

Wahl-Analyse

Wahlkampf mit wenigen Siegern

Was hat diesen Wahlkampf dominiert? Leider kein Thema. War er schmutzig? Leider ja. Sachlich, inhaltlich ist über nichts gestritten worden, alles war überschattet von gegenseitigen Vorwürfen. Die Anzahl und Dimension dieser Skandale, von Ibiza über das ­Hacker-Thema, von den ­Strache-Spesen bis zur ­Grünen-Geschichte – das sind keine harmlosen Prinzessinnen-Mails. Die Menschen sind erschüttert, sehen ihre Vorurteile bestätigt. Das Vertrauen in die Politik kommt nicht aus der Talsohle.

Liste Jetzt: Chancenlos

Laut meinen Daten sind die Chancen für Peter Pilz auch nach dem TV-Wahlkampf nicht intakt. Natürlich hat er jetzt eine größere Präsenz und die Zustimmung ist ein wenig gestiegen, aber es wäre eine große Überraschung, wenn er es noch einmal schaffen würde.

Neos: Guter Wahlkampf

Verblüffend professionell. Die Neos haben einen guten Wahlkampf geführt, ihre Werte haben sich gegenüber der Wahl 2017 verdoppelt. Sie haben von mehreren Umständen profitiert: von übergelaufenen ÖVP-WählerInnen, denen der Kurz-Kurs doch zu rechts von der Mitte ist, zu wenig liberal und urban. Die Wählerwanderungen von der FPÖ zur ÖVP und von der ÖVP zu den Neos sind gut messbar. Am Anfang des Wahlkampfs lag die ÖVP ja bei 40 % – das scheint jetzt nicht mehr erreichbar. Das liegt neben anderen ÖVP-Themen auch daran, dass ein Teil zu den Neos geht. Es gibt jetzt mit der Chorherr-Affäre auch einen Austausch von Grün zu Neos.

Sie haben zudem eine überzeugende Spitzenkandidatin, sie ist erfrischend, locker und schlagfertig. Beachtlich professionell für jemanden, der das zum ersten Mal macht. Sie lässt Strolz vergessen. Ich hatte die Neos zuletzt bei 9 %.

Grüne: Schädliche Affäre

Unangenehm. Die Chorherr-Affäre war Insidern schon länger bekannt, dass sie jetzt so eine Dimension bekommt, ist sicher keine Motivation für grüne Wähler. An sich haben sich die Grünen seit 2017 verdreifacht, aber das birgt auch eine Gefahr. Es bedeutet, dass diese Stimmen nicht gefestigt sind. Das sind keine supertreuen Wähler, wie sie die FPÖ hat, sondern Wechselwähler, die sich wieder Richtung SPÖ oder Neos verabschieden können. Chorherr ist eine unangenehme Geschichte, auch weil sie leicht zu erzählen ist, die in einer heiklen Phase kommt.

Abgesehen davon macht es Kogler in seiner speziellen, pointierten Art sehr gut. Er wirkt seriös, vermeidet aber verbissene Ernsthaftigkeit und bietet immer einen Heiterkeitsfaktor. Jemand, der bereichernd wirkt, auch wenn man ihn nicht wählt. Ich hatte die Grünen in der Vorwoche bei 13 %, wäre aber jetzt vorsichtig.

FPÖ: Ein Phänomen

Kaputt und zerstritten. Ein echtes Phänomen, dass sie sich so hält. Die neue Strache-Geschichte offenbart, wie kaputt und zerstritten die Partei ist, und dennoch kann das die Stammwähler, die so bei 20 % liegen, nicht irritieren. Der Hofer macht das mit einer unglaublichen Disziplin und einer – natürlich gespielten Disziplin – alle Achtung! Im Hintergrund gärt es, aber er lächelt alles weg.

Die FPÖ kann Wahlkampf und sie kann strategisch denken – siehe Doppelspitze mit Kickl, der unheimlich wichtig für die blauen Kernwähler ist. Aber natürlich wird die neue Strache-Affäre das eine oder andere Prozent kosten, das zu Kurz geht oder ins Lager der Nichtwähler. Ich habe die FPÖ derzeit bei 20 % – Tendenz fallend.

SPÖ: Strategisch unklug

Nichts zu gewinnen. Rendi-Wagner hat sich gesteigert, aber sie ist einer Situation, in der es nichts zu gewinnen gibt. Die Grünen – Chorherr hin oder her – sind wieder da und da geht ein großer Block, der 2017 Kern die Stimme geliehen hat, wieder weg. Bis zum ORF-Duell war Rendi gut vorbereitet und offensiv. Doch da ist sie wieder in alte Muster zurückgefallen und hat den guten Eindruck wieder zerstört. Die Angriffe auf Kurz aber waren hoppertatschig und strategisch nicht klug. Diese Gehässigkeit hat höchstens Kernwähler bestärkt, aber zusätzlich nichts gebracht. Ich habe das nicht verstanden: Da haben die Grünen einen Skandal und sie greift Kurz an, von dem sie ohnehin keine Wähler abschöpfen kann. Noch dazu mit so absurden Geschichten wie Hofers Fieberanfall und Waldviertel.

Ich habe die SPÖ bei 22 %.

ÖVP: Es wäre mehr drin

Nicht fehlerfrei. Die ÖVP hat keinen fehlerfreien Wahlkampf geführt. Auch dem perfekt durchgetakteten Kurz-Team unterlaufen Patzer – siehe Schreddern, Parteispenden und Hacker. Wenn die ÖVP nicht so einen souveränen Spitzenkandidaten hätte, der so diszipliniert und durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, immer eine Antwort parat hat, stünde sie schlechter da. Kurz spult sein Programm mit bewundernswerter Konstitution ab, immer geduldig, locker und sehr professionell.

Es war auch gescheit, sich eher auf das Land zu konzentrieren. Der Spagat, die Bundesländer, aber auch gleichzeitig das urbane Wien und die Bobos anzusprechen, wäre schwierig gewesen. Er focussiert sich auf eine Botschaft und das ist klug und hat eine stringente Linie.

Ich habe die ÖVP aktuell bei 34 % – das ist also ein knappes Plus gegenüber der Wahl 2017. Am Anfang hatte man aber gedacht, eine Steigerung um 6 % wäre möglich. Es wäre mehr drin gewesen.

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