Ägypten-Experte: Jetzt kommen die Extremisten

Al-Kaida mischt mit

Ägypten-Experte: Jetzt kommen die Extremisten

"Extremisten werden nach Ägypten fluten", glaubt der frühere CIA-Analyst Pollack.

Ägypten sei in Gefahr, zum Schauplatz eines Kampfes um die ideologische Vorherrschaft in der arabischen Welt zu werden, findet der Experte Kenneth Pollack vom Saban-Zentrum für Nahost-Politik in Washington. Die derzeitigen Umwälzungen in Ägypten und der Region sind die neueste Wendung einer Kurssuche, welche die arabische Welt schon vor zwei Jahrhunderten ergriffen hat.

Im 19. Jahrhundert begannen Intellektuelle und Politiker von Ägypten aus mit Plänen zur Modernisierung. Eine Abfolge von Ideologien markierte die Suche: der arabische Nationalismus, der Flirt mit dem Sozialismus, die Rückbesinnung auf die Religion im Islamismus. Immer war Ägypten der Vorreiter, und immer wurden die Hoffnungen auf Besserung enttäuscht - was den Nährboden für neue Revolten schuf.

Demokratie als Experiment
Möglicherweise wagt die arabische Welt nun das Experiment mit der Demokratie. Die Voraussetzungen für eine Demokratisierung sind freilich eher gering: Die Macht ist auf autoritäre Herrscher zugeschnitten, die Justiz ist nicht unabhängig, es gibt kaum etablierte Parteien. "Wenn es jetzt in Ägypten freie Wahlen gäbe, wäre das das Schlimmste, was der Demokratie passieren könnte", sagt der Washingtoner Experte Pollack. Denn am besten organisiert seien derzeit die islamischen Gruppierungen, die nach einem absehbaren Wahlsieg keine Demokratie westlicher Prägung anstrebten.

Extremisten erwartet
"Die Extremisten werden nach Ägypten fluten", prophezeit der frühere CIA-Analyst Pollack. Viele Ägypter seien unter den Al-Kaida-Kämpfern in Afghanistan und Pakistan. Osama Bin Ladens Stellvertreter Ayman al-Zawahiri ist Ägypter. Al-Kaida werde "versuchen, ihre Leute jetzt so schnell wie möglich nach Ägypten zurückzubringen, um die Revolution aufzumischen", befürchtet Pollack. Auch der Iran werde - wie schon im Irak und im Libanon - die Instabilität nutzen, um seinen Einfluss in der arabischen Welt auszubauen.

Europa und die USA werden es jedenfalls mit einem neuen Nahen Osten zu tun haben. Demokratisierung, Radikalisierung oder Chaos könnten das Ergebnis jener ungeheuren Dynamik sein, welche die Demonstranten in der arabischen Welt entfesselt haben. "In Ägypten und im Nahen Osten liegt die Revolution in der Luft", sagt der Nahost-Experte Martin Indyk vom Brookings-Institut in Washington. "Wir begeben uns auf unerforschtes Gelände." Indyk, der frühere Botschafter der USA in Israel, sieht eine "historische Wende", die im Falle des Gelingens zu einer Demokratisierung führen könnte.

Bei aller Ungewissheit sei jetzt schon die historische Tragweite der Entwicklung klar, sagt auch der Experte Ziad Majed von der American University in Paris. "In einem Monat hat sich die arabische Welt mehr verändert als in den Jahren zuvor." Sollte eine Demokratisierung scheitern, könnten Machtkämpfe und der Aufstieg radikaler Kräfte das Ergebnis der gegenwärtigen Vorgänge sein.

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