Gesundheit & Pflege
Ärztezahl steigt, Kassenärzte bleiben knapp
27.03.2026Die steigenden Gesundheitsausgaben und demografischen Veränderungen erfordern dringende Reformen. Insgesamt lagen die laufenden Gesundheitsausgaben (exklusive Investitionen) in Österreich 2024 laut Statistik Austria bei 57,8 Mrd. Euro oder 11,7 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Die Ärztekammer sieht vor allem langfristig einen starken Nachbesetzungsbedarf im öffentlichen Gesundheitssystem. Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart verwies auf die anstehenden Pensionierungen, die demografische Entwicklung und die Abwanderung ausgebildeter Medizinerinnen und Mediziner. Aktuell gebe es zwar keinen Ärztemangel, langfristig sei die Situation jedoch kritisch.
Demografischer Wandel trifft aufsteigenden Bedarf
Laut Daten der Statistik Austria waren per Ende Oktober letzten Jahres 52.000 Ärztinnen und Ärzte in Österreich tätig, ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies stellt einen deutlichen Anstieg gegenüber dem Jahr 2015 dar, als rund 44.000 Mediziner tätig waren. „Ein hoher Prozentsatz der Ärztinnen und Ärzte aus der Babyboomer-Generation geht in den kommenden Jahren in Pension“, sagte Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart gegenüber der APA. Dem stehe gegenüber, dass die Bevölkerung wachse und zugleich betreuungsintensiver werde. Gleichzeitig habe sich die Zahl der Kassenärzte in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert, während die Bevölkerung von rund acht Millionen auf 9,2 Millionen angewachsen sei.
Bürokratieabbau und Digitalisierung
Dringend nötig sei auch ein deutlicher Bürokratieabbau in Kassenarztpraxen und Krankenhäusern. Unnötige Verwaltungsarbeit koste Zeit, die dringend für die Patientenbetreuung benötigt werde, und senke die Arbeitszufriedenheit. Darüber hinaus fordert die Ärztekammer eine bessere Ausstattung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA. Auf europäischer Ebene sollte eine EU-weite Mindestquote für Studienplätze eingeführt werden, um „Sogwirkungen“ zwischen den Ländern zu reduzieren. Absolventinnen und Absolventen des Medizinstudiums in Österreich sollten sofort nach Studienabschluss Ausbildungsstellen angeboten bekommen.
Notwendige Maßnahmen, um das Gesundheitssystem effizienter zu gestalten:
Kampf dem Ärztemangel
Ein zentrales Anliegen der Ärztekammer ist die Schaffung zusätzlicher Kassenarztpraxen. Aktuell sind in Österreich fast 300 Kassenarztpraxen unbesetzt, oft finden sich Monate oder sogar Jahre lang keine Interessenten. Die Ärztekammer fordert daher mindestens 1.000 zusätzliche Kassenarztpraxen und eine spürbare Attraktivierung der Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit, damit sich genügend Mediziner dazu bereit erklären, als Kassenärzte zu arbeiten.
Demografische Herausforderungen
Die alternde Bevölkerung führt zu einem erhöhten Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen. Prognosen zeigen, dass der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 auf über 20 % steigen wird. Dies erfordert eine Anpassung der Versorgungsstrukturen und -modelle.
Notwendige Reformen:
- Primärversorgung stärken: Durch den Ausbau von Gesundheitszentren und interdisziplinären Teams kann die Grundversorgung verbessert werden.
- Digitalisierung vorantreiben: Telemedizin und elektronische Gesundheitsakten können die Effizienz steigern und den Zugang zur Versorgung erleichtern.
- Prävention fördern: Investitionen in Präventionsprogramme können langfristig Kosten senken und die Lebensqualität erhöhen.
Finanzierung sichern: Die steigenden Ausgaben erfordern eine nachhaltige Finanzierung. Mögliche Ansätze sind die Einführung von Gesundheitsfonds, eine gerechtere Verteilung der Beiträge und die Förderung von privaten Zusatzversicherungen.
Dringender Handlungsbedarf in der Pflege – Reformen starten
Österreich steht vor einer Pflegekrise, die nur durch gezielte Maßnahmen und Investitionen in die Pflegeberufe gemeistert werden kann. Die Bereitschaft vieler Pflegekräfte, mehr Stunden zu arbeiten, zeigt, dass sich der Fachkräftemangel mit den richtigen Rahmenbedingungen abmildern lässt. Laut einer Studie des Sozialministeriums werden bis 2030 jährlich rund 7.000 zusätzliche Pflege- und Betreuungspersonen benötigt. Davon entfallen etwa 5.800 auf Pflegekräfte und 1.200 auf Betreuungspersonal. Bis 2050 prognostizieren die Experten einen kumulierten Bedarf von rund 196.400 Pflege- und Betreuungspersonen.
Finanzierung aus einer Hand
Für Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes, steht fest: Gesundheit und Pflege müssen aus einer Hand finanziert werden. Das System sei strukturell ineffizient, Gelder versickern zu oft in der Verwaltung, statt bei den Patienten zu landen. Gleichzeitig betont Korosec, dass das Pensionssystem gesichert sei, fordert aber altersgerechte Arbeitsplätze und flexible Modelle, um ältere Erwerbstätige zu unterstützen. Reformen bräuchten Tempo und politische Entschlossenheit. Erste Ansätze werden bereits seit Jänner 2026 umgesetzt, um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten:
Schwerarbeitspension für Pflegekräfte ab 2026
Pflegekräfte können seit dem 1. Jänner 2026 die Schwerarbeitspension in Anspruch nehmen. Als Schwerarbeit gelten Tätigkeiten, die körperlich oder psychisch besonders belastend sind. Dazu zählen neben diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonen auch Pflegefach- und Pflegeassistenzen. Voraussetzung für den Anspruch ist eine Versicherungsdauer von mindestens 45 Jahren sowie ein Nachweis von zehn Jahren Schwerarbeit innerhalb der letzten 20 Jahre. Erfüllen Beschäftigte diese Kriterien, ist ein Pensionseintritt ab 60 Jahren möglich – auch Teilzeitjahre können hier berücksichtigt werden.
Die Anerkennung als Schwerarbeit gilt als wichtiger Schritt zur Entlastung jener Berufsgruppen, die in den vergangenen Jahren stark von körperlichen und emotionalen Belastungen betroffen waren.
Anpassung der Korridorpension
Parallel zur Schwerarbeitsregelung wird ab 2026 die Korridorpension angepasst. Für Personen, die ab dem 1. Jänner 1964 geboren wurden, steigt das frühestmögliche Antrittsalter schrittweise von 62 auf 63 Jahre. Ebenso erhöht sich die erforderliche Versicherungszeit von 480 auf 504 Monate. Damit will die Bundesregierung den Gesamtpensionsantritt im System stabilisieren, da gleichzeitig bestimmte Berufsgruppen früher ausscheiden können. Für Pflegekräfte bedeutet dies: Wer die Schwerarbeitsvoraussetzungen erfüllt, kann weiterhin früher in Pension gehen, alle anderen müssen mit längeren Versicherungszeiten rechnen.
LKF-Modell 2026 – Neue Pflegesystem-Strukturen
Im April 2026 startet zudem ein neues Pflegesystem auf Basis aktualisierter Finanzierungs- und Abrechnungskriterien. Das sogenannte LKF-Modell 2026 (leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung) wird an aktuelle Versorgungsstrukturen angepasst und soll eine transparentere Mittelverteilung zwischen Spitälern und Pflegeeinrichtungen ermöglichen. Geplant sind neue Dokumentations- und Qualitätsanforderungen, etwa zur Erfassung von Pflegeaufwand, Betreuungskomplexität und Case-Mix. Ziel ist eine verbesserte Vergleichbarkeit von Leistungen und ein effizienterer Mitteleinsatz. Für Pflegekräfte bedeutet das zugleich eine stärkere Einbindung in Dokumentation und Qualitätsmanagement.
Zahlen:
- 52.000 Ärztinnen und Ärzte hat Österreich
- 7.000 zusätzliche Betreuungs- und Pflegekräfte werden bis 2030 benötigt
2026 markiert einen Wendepunkt im österreichischen Pflegesystem. Neben der rechtlichen Aufwertung der Pflegeberufe steht eine strukturelle Weiterentwicklung an – mit mehr Transparenz, Digitalisierung und fairer Entlohnung. In den kommenden Jahren sind zudem Reformen in Ausbildung, Personalgewinnung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie geplant. Beobachter erwarten eine Evaluierung der neuen Schwerarbeitsregelung, um zu prüfen, ob die Kriterien praxistauglich sind und tatsächlich zur Entlastung der Pflegekräfte beitragen.