Ab Freitag im Kino

Woody Allen lädt zur Zeitreise

16.08.2011

Woody Allens "Midnight in Paris" ist ein Riesen-Hit. Der Star im Interview.

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© Filmladen
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Midnight in Paris: Owen Wilson spielt einen Drehbuchautor, der von den Künstlern der 20er-Jahre schwärmt. Eines Nachts steigt er in Paris in ein mysteriöses Auto, das ihn aus der Gegenwart in die Vergangenheit bringt – zu seinen Helden wie Hemingway oder Picasso.

Im ÖSTERREICH-Interview erzählt Regisseur Woody Allen von den Verlockungen und den Gefahren des verklärten Blicks zurück. Und er bekennt, dass er auf einer Zeitreise gern einmal im Wien von 1900 landen würde.

ÖSTERREICH: Wenn Sie die Chance hätten, in die Vergangenheit zu reisen: Was wäre ihr Ziel?
Woody Allen: Oh, definitiv das Paris der Belle Epoque. Oder das Paris und New York der 1920er Jahre. Oder Wien in der Zeit um 1900! Wien war damals voller Genies, all die berühmten Komponisten und Autoren und Psychologen und Maler. Es wäre großartig, das einmal erleben zu können.

ÖSTERREICH: Im Film „Midnight In Paris“ scheinen Sie aber letztlich die Gegenwart der Vergangenheit vorzuziehen.
Allen: Stimmt. Nostalgie ist etwas sehr Verführerisches. Denn aus der Erinnerung an die Vergangenheit zieht man nur das Beste heraus. Lässt man sich aber wirklich auf die Vergangenheit ein, dann erkennt man rasch, dass diese Zeit auch schreckliche Seiten hatte. Wenn wir an Paris in der Belle Epoque denken, dann denken wir an Gigi, Champagner und edle Roben. Aber damals starben viele Frauen bei der Geburt, und es gab keine Heilung für Tuberkulose, Syphilis oder Kinderlähmung. Es wäre großartig, wenn man für einen Tag in diese Zeit zurückspringen könnte, wie bei einem Wochenend-Trip ans Meer. Aber die ganze Zeit? Nein.

ÖSTERREICH: Owen Wilson trifft im Film einige seiner Idole. Wie liefen solche Begegnungen denn bei Ihnen?
Allen. Der erste große Held meines Lebens, dem ich wirklich begegnete, war Groucho Marx. Ich verehre ihn bis heute. Er war wahnsinnig nett, doch als wir uns in einem Restaurant trafen, dachte ich, er wirkt auf mich wie ein jüdischer Onkel; wie jemand, den ich bei einer Hochzeit in der Familie treffen könnte. Kurzum: Er wirkte sehr menschlich auf mich, aber genau das gefiel mir nicht. Mir gefiel das Bild besser, das ich aus seinem Filmen von ihm hatte. Später hätte ich Louis Armstrong treffen können, aber ich ging nicht hin. Diese Leute sind Mythen und Götter für mich, und ich wünsche mir, dass das so bleibt.

ÖSTERREICH: Hemingway sagt im Film: Wer den Tod fürchtet, hat noch nie etwas Großes geschrieben.
Allen: Diesem Satz stimme ich zu. Leider bin ich selbst ein Feigling, der vor vielem Angst hat im Leben. Und das mag mich viel gekostet haben. Im Alltag und in der Kunst. Wäre ich mutiger und weniger feig, dann hätte ich, denke ich, bedeutend mehr erreicht im Leben. Ich hätte bessere Texte geschrieben, bessere Filme gedreht und hätte ganz generell ein besseres Leben geführt.

ÖSTERREICH:  Ihre Fans in aller Welt finden aber, Sie seien ein großartiger Autor.
Allen: Selbst wenn Sie dieses Kompliment einem wirklich großen Künstler machen würden, sagen wir Picasso, würde er vielleicht ähnlich antworten wie ich: Dass er hätte mehr erreichen können, wenn er nur seine Schwachstellen besser überwunden hätte. Alle Künstler leben in der Gewissheit, dass sie Fehler haben – und dass sie ohne diese Fehler größere Leistungen erzielen könnten.

ÖSTERREICH: Noch ein Hemingway-Zitat aus „Midnight in Paris“: Er sagt, dass einen wahre Liebe den Tod vergessen lässt. Stammt das von ihm oder haben Sie Hemingway den Satz in den Mund gelegt?
Allen: Der Satz stammt von Hemingway, aber ich stimme nicht mit ihm überein. Ich bin mehr der Ansicht des Poeten W. H. Auden, der sagte, der Tod seit wie ein entferntes Donnergrollen bei einem Picknick. Der Tod ist immer da, irgendwo da draueßen, und selbst in den besten Momenten des Glücks ist er irgendwo dabei.

ÖSTERREICH: Sie drehen praktisch jedes Jahr einen Film. Soll das auch in Zukunft so bleiben?
Allen: Ich werde sicher so lange weiterarbeiten, wie ich kann. Daran hindern könnte mich höchstens, dass ich kein Geld mehr bekomme für neue Filme oder dass mich meine Gesundheit im Stich lässt. Doch so lange es Leute gibt, die sagen, bitte, Woody, mach’ einen Film, wir wollen ihn finanzieren, mache ich weiter. Warum auch nicht? Es ist sehr interessant, einen Film zu drehen, man begegnet dabei vielen kreativen Leuten, schönen Frauen und charmanten Männern. Das ist doch eine sehr angenehme Art, seine Zeit zu verbringen! Sollte ich aber nicht mehr drehen können, dann würde ich vermutlich zu Hause sitzen und schreiben.

ÖSTERREICH: Wie entspannen Sie zwischen zwei Filmen?
Allen: Ich bin gar nicht so stark beschäftigt, wie es nach außen vielleicht den Anschein hat. Ich habe die Zeit, um jedes Jahr einen Film zu schreiben, ihn zu casten, zu inszenieren und zu schneiden. Doch nebenbei bleibt mir noch genug Zeit, um mit meiner Jazzband auf Tour zu gehen, mit meinen Kindern zu spielen, etwas Sport zu treiben und Basketball-Spiele anzuschauen. Ich stehe morgens um halb sieben auf, bringe die Kinder zur Schule und beginne dann zu Schreiben. Mittags bin ich damit fertig, dann übe ich Klarinette, oder ich gehe mit meiner Frau in ein Museum. Abends schaue ich mir gern einen Film an oder ein Basketball-Spiel. Und wenn ich am nächsten Tag nicht in der Stimmung bin, zu schreiben, dann lasse ich es eben bleiben. Ich führe ein ganz anderes Leben als ein Lehrer, ein Arzt oder ein Taxifahrer, die jeden Tag zur gleichen Zeit zu arbeiten beginnen.

ÖSTERREICH: Leben Sie also wie ein Bohemien?
Allen: Nun, ich lebe nicht wie ein Bohemien der Zwanziger Jahre. Ich bin keiner, der in einem Künstlerviertel lebt und abends in ein kleines Café geht, um mit seinen intellektuellen Freunden die ganze Nacht zu trinken oder zu philosophieren. Mein Leben ist eher wie in der Mittelklasse. Ich bin umgeben von Aktienhändlern und Bankern, aber ich kenne meine Nachbarn kaum.

ÖSTERREICH: Owen Wilson lebt in „Midnight in Paris“ mit einer Frau zusammen, die offensichtlich die Falsche für ihn ist. Glauben sie, kommt das in der Realität oft vor?
Allen: Ich glaube, das trifft auf sehr viele Menschen zu.  Sie bleiben nur deshalb in ihren Ehen oder Beziehungen, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben. Sie machen lieber Kompromisse und leben in einer Partnerschaft, in der sie nur in 20 Prozent der Zeit glücklich – und somit 80 Prozent der Zeit unglücklich - sind, anstatt ohne Beziehung dazustehen. Viele würden gern in eine neue Partnerschaft weitergehen, wenn das per Knopfdruck möglich wäre, aber sie schaffen es nicht. Sie müssen erst mal mit ihrem aktuellen Partner Schluss machen, dann sind sie einsam, und möglicherweise vergeht viel Zeit, bis sie jemanden Neuen kennenlernen. Das ist keine schöne Aussicht für sie. Also bleiben sie, wo sie sind, denn sie finden, das ist besser als nichts.

ÖSTERREICH: Wenn Sie bei einer guten Fee einen Wunsch frei hätten – was würden Sie sich wünschen?
Allen: Etwas Unmögliches. Ich würde mir ein Leben wünschen, dessen Sinn man bei der Geburt erfährt. Ein Leben, in dem man nicht altert und krank wird und nicht stirbt. Der einzige Weg, auf dem man sich diesem Ziel annähern könnte, wäre Magie. Doch so lange kein großer Magier auftritt, bleiben wir in der schrecklichen Befindlichkeit, in der wir Menschen nun einmal existieren.

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