"Angst essen Seele auf"

Applaus für Fassbinder-Premiere in Mödling

04.11.2012

Altersdiskriminierung und ein Schuss Sozialromantik im Stadttheater

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© theaterzumfuerchten.at, Stadttheater Mödling
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"Angst essen Seele auf": Die von Rainer Werner Fassbinder 1974 verfilmte und auch in eine Bühnenfassung gebrachte Liebesgeschichte zwischen der verwitweten Putzfrau Emma und dem marokkanischen Gastarbeiter Ali hat Doris Harder mit dem "Theater zum Fürchten" (TzF) am Stadttheater Mödling inszeniert. Bei der Premiere am Samstagabend wurden die Hauptdarsteller Birgit Wolf und Ignaz Pluhar mit viel Beifall bedacht.

Aus heutiger Sicht weist das Stück geradezu erschreckende Aktualität, aber doch auch gewisse Schwächen auf. Harders Versuch, die Handlung nach Österreich zu übertragen, ist nur zum Teil gelungen. Da stören nicht nur zeitliche Ungereimtheiten - die Nachrichten zu Beginn erwähnen Fassbinders Ableben 1982, später wird an Jörg Haider erinnert -, sondern auch sprachliche Inkonsequenzen: In Österreich muss man sich nicht sputen, allenfalls tummeln oder beeilen.

Birgit Wolf als alternde Emma ist in ihrer Mischung aus herber Verhärmtheit und beherztem Charme ein ganz anderer Typ von Volksschauspielerin als die mütterliche Brigitte Mira im Film. Auch Sympathieträger Pluhar findet mit sparsamen Mitteln bestes Auslangen. In weitere Rollen schlüpfen Jakub Kavin, Roman Binder, Franz Weichenberger, Christina Saginth, Katja Gerstl und Sabine Herget.

"Wir hatten Lust auf heutige Menschen, auf Innenleben und Humor unter Beibehaltung der Fassbinder-Kühle", erklärt Regisseurin Harder im Programmheft. Ausländerfeindlichkeit und Altersdiskriminierung sind tatsächlich nach wie vor gesellschaftlich relevante Themen. Vor allem gegen Ende stößt allerdings eine seltsame Rührseligkeit auf, die in ein ebenso hoffnungsvolles wie unbegründetes Happy-End mündet. Da zeigt sich dann doch sozialromantisches Wunschdenken gegen alle desillusionierende Realität.

Walter Vogelweider hat das Bühnenbild sehr flexibel einsetzbar gestaltet, Projektionen und Licht (Amrei Plattner) tragen zur Atmosphäre bei, Alexandra Fitzingers Kostüme evozieren den Stil der Seventies. Das Theater zum Fürchten (Leitung: Bruno Max) steht derzeit hoch im Kurs: Die TzF-Produktion "Nachtasyl" unter der Regie von Babett Arens wurde für den Nestroy Preis 2012 in der Kategorie "Beste Off-Produktion" nominiert (Preisverleihung am 5. November).

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