Opernkritik

Biblische Verführerin

12.05.2018

Elina Garanca singt die Dalila in Camille Saint-Saëns’ Bibeloper „Samson et Dalila".

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© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
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Oper I. Sie ist noch genauso schön wie vor ihren Schwangerschaften, und ihre technisch souveräne Stimme, ein strahlender, ein wenig distanziert klingender Mezzosolitär mit samtener Tiefe und leuchtender Höhe, ist inniger und weiblicher geworden. Heute ist die lettische Mezzo-Diva und zweifache Mutter Elīna Garanča – Catherine Louise ist 6, Cristina Sophie ist 4 – in einer Staatsopern-Premiere zu erleben: In Camille Saint-Saëns’ klassizistischer Bibel-Oper Samson et Dalila singt sie neben dem französisch-italienischen Star­tenor Roberto Alagna die verführerische Titelheldin.

Haarpracht. Basierend auf dem alttestamentarischen Buch der Richter, erzählt Samson et Dalila die Geschichte des übermenschlich starken Löwenbändigers Samson, der von Gott auserwählt ist, das Volk Israel aus der Knechtschaft durch die Philister zu befreien. Zeichen des Gottgeweihten ist sein langes Haar, das nicht abgeschnitten werden darf. Auf Befehl des Oberpriesters, gesungen vom spanischen Bariton Carlos Álvarez, verführt die schöne Philisterin Dalila den Helden und beraubt ihn in der Liebesnacht seiner Haarpracht ...

Regietheater. Unter Marco Armiliatos Leitung hat die Deutsche Alexandra Liedtke zeitloses Regietheater gefertigt. „Ich finde Dalila nicht unsympathisch“, sagt Elīna Garanča. „Sie ist eine starke Frau, die aus Pflicht, teilweise auch aus Ehrgeiz oder Verzweiflung handelt. Aber sie ist auch eine liebende Frau. Es gibt einen Moment, in dem Dalila Samson wirklich liebt – das ist vor ihrer berühmten Arie Mon cœur s’ouvre à ta voix.“ Und: „Dalila ist lyrisch geschrieben, obwohl der zweite Akt schon richtiges Drama mit starken Emotionen ist. Ich finde die Partie sehr bequem, und jetzt, nachdem ich die Santuzza und Eboli schon gesungen habe, liegt sie meiner Stimme sehr gut. Wagner wird auch kommen, aber erst nach der Amneris 2020.“

E. Hirschmann-Altzinger
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