Ausblick

Österreichs Wirtschaft 2026 – was Anleger wissen müssen

09.01.2026

Venezuela, Grönland, Zölle, KI, Gold, Dollar: Der Nachrichtenstrom bleibt 2026 laut. Für Anleger zählt aber, was Unternehmensgewinne und Zinsen tatsächlich bewegt. Drei Experten erklären, wie man den „Lärm“ ausblendet, ohne Chancen an den Märkten zu verpassen. 

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© Getty Images
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Zu Jahresbeginn 2026 stehen die Kapitalmärkte erneut unter Dauerbeobachtung. Nach einem außergewöhnlich starken Börsenjahr treffen politische Eskalationen, neue Zollansagen und die Debatte um die künftige Führung der US-Notenbank auf Märkte nahe ihrer Höchststände. Doch wie so oft klaffen Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinander. Aufmerksamkeit erzeugt vieles, kursrelevant ist wenig – entscheidend bleibt, ob Wachstum, Zinsen und Unternehmensgewinne tatsächlich betroffen sind.

Genau an dieser Schnittstelle setzt die Erste Group an: Sie trennt aktuelle Aufregung von langfristigen Treibern und warnt davor, Rekordstände mit Sicherheit zu verwechseln. „Mehr durchzudringen und den Blick auf die wesentlichen Themen zu richten“, nennt Rainer Hauser, Chief Investment Officer der Erste Group, als Kernaufgabe. Für ihn ist die Unterscheidung entscheidend: „Was ist Neues, was ist Lärm und was sind eigentlich die Dinge, die langfristig die Kapitalmärkte treiben werden?“

Mit der neuen Publikation „Erste Insights“ (ab sofort erhältlich), will die Bank eine „integrierte, unabhängige Anlegerperspektive“ bieten und das große Bild in einen Portfoliokontext übersetzen. Gerade in Jahren mit überraschenden politischen Wendungen sei das Schwierigste oft nicht die Prognose, sondern die Disziplin: „Man darf da nicht gleich die Nerven verlieren“ und müsse „Stay on course“ bleiben.

Wachstum ja, Euphorie nein

Die makroökonomische Einordnung liefert Fritz Mostböck, Head of Erste Group Research. Sein Basisszenario für 2026 ist eines der Abkühlung ohne Bruch. In der Eurozone wie auch in den USA erwartet er moderates Wachstum. Gleichzeitig sollte sich die Inflation in Europa weiter beruhigen, während sie in den Vereinigten Staaten aufgrund der Zollpolitik höher bleibt. Für die Eurozone rechnet die Erste Group mit einem BIP-Plus von 1,1 Prozent. Der private Konsum bleibt damit die zentrale Stütze, während sich die Industrie nur langsam aus dem Belastungsumfeld des transatlantischen Zollkonflikts löst.

© Erste Bank Marlena Koenig

In der Geldpolitik sieht Mostböck in Europa vorerst Stabilität. Der Einlagenzinssatz liege bei zwei Prozent. „Wir denken, dass die Europäische Zentralbank bei diesem Einlagezinssatz vorerst das Ende der Zinssenkungen erreicht hat“, sagt der Chefökonom. In den USA erwartet er hingegen zwei weitere Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte. Gleichzeitig bleibe der Inflationsdruck dort aber erhöht. „Die Zölle haben in den USA schon negative Auswirkungen“, sagt Mostböck. Der ökonomische Mechanismus sei eindeutig: „Zölle sind im Wesentlichen so etwas wie erhöhte Steuern.“

Mehr Dynamik verortet der Chefökonom in den Emerging Markets. Für diese Ländergruppe erwartet die Erste Group ein durchschnittliches Wachstum von rund vier Prozent, getragen vor allem von Indien. Für Zentral- und Osteuropa prognostiziert das Research ein Plus von 2,7 Prozent. Das erklärt auch die starke Entwicklung des ATX im vergangenen Jahr. „Die Wiener Börse hat mit der österreichischen Konjunktur so gut wie gar nichts mehr zu tun“, betont Mostböck. Viele börsennotierte Unternehmen seien eng mit der CEE-Region verflochten und damit „für Anleger attraktiv, weil Osteuropa drin steckt“.

Geopolitik: Der große Filter

Dass die Märkte nicht jede Krise spielen, erklärt Gerold Permoser, Chief Investment & Sustainable Investment Officer der Erste Asset Management, mit einem einfachen, aber zentralen Mechanismus. Börsen reagieren nicht auf Schlagzeilen an sich, sondern auf deren Folgen für Gewinne, Finanzierungskosten und Investitionsentscheidungen der Unternehmen. Solange politische Ereignisse diese Erwartungen nicht verändern, bleiben sie für die Märkte oft folgenlos. „Es gibt immer schon einen gewissen Widerspruch zwischen dem, was wir als News wahrgenommen haben und was die Kapitalmärkte gespielt haben“, sagt Permoser.

Mostböck illustriert das am Beispiel Venezuela. Die Festnahme von Nicolás Maduro habe „bis dato“ kaum Marktwirkung gehabt, abgesehen von leichten Bewegungen beim Ölpreis. Der Grund: Weder Lieferketten noch die globale Nachfrage wurden dadurch substanziell beeinflusst. Anders wäre es bei Themen mit struktureller Dimension. „Wenn Grönland geopolitisch tatsächlich eskaliert, hätte das unmittelbare Folgen für Handel, Sicherheitsarchitektur und Investitionssicherheit“, sagt Mostböck. In diesem Fall wären Handelsbeziehungen, geopolitische Allianzen und Investitionssicherheit betroffen und das würde voll auf die Kapitalmärkte durchschlagen.

Künstliche Intelligenz: Gewinne statt Blase

Die Debatte rund um Künstliche Intelligenz hält Permoser für deutlich weniger spekulativ, als es viele Schlagzeilen vermuten lassen. Entscheidend sei der Blick auf die Treiber der Kursgewinne. „Im vergangenen Jahr kamen die Erträge ganz überwiegend aus realen Gewinnen“,sagt er. Es seien nicht primär steigende Bewertungen gewesen, sondern tatsächlich wachsende Unternehmensgewinne, vor allem in den Sektoren Kommunikation und IT.

Die oft beschworene Blasenfrage sieht Permoser deshalb vorerst als vertagt. „Von einer klassischen Blase kann man nicht sprechen, wenn Gewinne das Marktgeschehen tragen“, sagt er. Der zentrale Prüfstein bleibe das konjunkturelle Umfeld. „Das Wichtige für die Gewinne ist: keine Rezession“, betont Permoser. Solange die Wirtschaft wachse, verfügten auch KI-nahe Unternehmen über eine stabile Ertragsbasis. Selbst wenn sich das Tempo verlangsamen sollte, seien die Gewinnerwartungen noch immer so hoch, „dass selbst bei einer teilweisen Enttäuschung ein solides Aktienjahr möglich bleibt“.

Gold: Versicherung mit Rückenwind

Auffällig war bereits 2025, dass die vermeintliche Krisenwährung Gold ausgerechnet in einem sehr starken Aktienjahr zu den besten Assetklassen (+ 68 Prozent) zählte. Dieser Gleichlauf von Aktien und Gold irritiert viele Anleger, gilt das gelbe Edelmetall doch traditionell als Schutzinstrument für schwierige Zeiten.

„Mittlerweile zeigt sich, dass Gold ist nicht nur dann interessant, wenn alles schiefgeht“, sagt Permoser. Die Erklärung dafür liegt in mehreren, parallel wirkenden Faktoren. Klassische Argumente wie Inflationsschutz und Absicherung gegen politische Risiken seien weiterhin relevant, reichten aber allein nicht aus, um die sehr gute Kursentwicklung zu erklären. Hinzu komme das veränderte Verhalten der Zentralbanken. Seit Beginn des Ukrainekriegs kaufen mehrere Notenbanken deutlich mehr Gold, darunter vor allem die chinesische Notenbank sowie die russische Zentralbank, und reduzieren damit bewusst ihre Abhängigkeit vom Dollar. Dieser strukturelle Nachfragefaktor wirke unabhängig vom Konjunkturzyklus. Ein zweiter Treiber ist laut Permoser das Momentum. Der lang anhaltende Aufwärtstrend habe zusätzliche Investoren angezogen, die Gold nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung halten. „Alles spricht weiterhin für Gold, auch wenn das Preisniveau bereits hoch ist“, sagt Permoser.

Gute Aussichten, aber mit ungleichem Risiko

Aus Permosers Sicht ist das Umfeld für Aktien 2026 also grundsätzlich freundlich. Er verweist auf historische Muster seit 1950: Eine Phase mit wachsender Wirtschaft und zugleich sinkenden US-Leitzinsen sei für Aktien historisch besonders günstig, „eigentlich die beste Phase“, so Permoser. Trotzdem warnt er vor Übermut. Nach drei starken Aktienjahren sei eine vierte Saison mit über 20 Prozent Rendite selten.

Hinzu komme ein heikler Befund aus den Erwartungsdaten: „Wir denken alle dasselbe und das ist ein Stück weit eine Gefahr.“ Denn wenn alle ähnlich positioniert sind, werden gute Nachrichten vorweggenommen, während negative Überraschungen härter treffen. Das Motto für das Anlagejahr 2026 lässt sich also wie folgt auf den Punkt bringen: „Risk on, aber nicht all in.“ Praktisch heißt das: diversifizieren, Alternativen beimischen, und vor allem kurzfristige Trendmodelle meiden, weil sie bei Enttäuschungen „immer am falschen Fuß erwischt“ werden.
 

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